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Ehrenamtlich mit der Zwickzange unterwegs

Der „Saubermann von Wasserburg“: Heinzi wird 75

So kennt man ihn: mit Eimer und Greifzange, unterwegs, um die Stadt vom Müll zu befreien. Seit Beginn der Pandemie gehören dazu auch viele weggeworfene Masken.
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So kennt man ihn: mit Eimer und Greifzange, unterwegs, um die Stadt vom Müll zu befreien. Seit Beginn der Pandemie gehören dazu auch viele weggeworfene Masken.

Er ist der Saubermann von Wasserburg. Ehrenamtlich befreit er seit Jahrzehnten die Stadt vom Wohlstandsmüll. Jetzt wird Hendrick Plaweckay, den alle nur „Heinzi“ nennen, 75.

von Karlheinz Rieger

Wasserburg – Gutes zu tun, ist dem Heinz, eigentlich Hendrick Plaweckay, besonders wichtig, das bestimmt seine gesamte Lebenshaltung, wie er unserem Reporter bei einem Gespräch während der Arbeit erzählt.

Kraft gibt der tief verwurzelte Glauben

Heinz, den alle beim Vornamen nennen, zieht seine Kraft auch aus seinem tiefen Glauben. Einen kleinen Altar hat er sogar in seiner Wohnung aufgebaut.

Wer mit ihm spricht, merkt seine Empathie vor allem gegenüber allem Lebendigen in Gottes Schöpfung, ob es die Katze am Weg ist, die er streichelt oder der größte Stier in seinen Jugenderinnerungen. Er erfühlt die Kreatur und deren Bedürfnisse.

Empathie gegenüber der Schöpfung

So auch eine seiner Erinnerung als Mitarbeiter der Metzgerei Rahm, als ein Stier geschlachtet werden sollte und nicht von der Stelle zu bewegen war. „Nicht anschreien!“, empfahl er damals dem Kollegen, der nicht mehr weiterwusste. Ohne Angst widmete er sich dem Tier, beruhigte es, legte ihm anschließend die Augenbinde um und führte den Stier schließlich zur Schlachtbank.

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Ebenfalls bei einem riesigen Eber funktionierte diese Empathie. Man solle doch das Tier nicht schinden, sondern lieber streicheln, dann ließe es sich schon bewegen, war seine Strategie. Heinz hatte jedenfalls damit Erfolg. Und letztlich rettete er damals auch einen großen Hund vor dem Erschießen, weil er den Grund für dessen Unruhe und Wildheit fand und eine Zecke an empfindlicher Stelle ertastete und entfernte. Man muss „die Angst wegschmeißen“, beschreibt er seine Empfindungen dazu.

Sechs Tage in der Woche räumt er auf: Heinz aus Wasserburg. Nur sonntags nimmt er sich frei.

Nur sonntags nimmt er sich frei

Dass dies alles nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick in seine Kindheit, aus der er emotional vom grausamen Scheitelknien, das vom Vater angeordnet war, berichtet, von Schlägen in verschiedenen Einrichtungen und einer lieblosen Kindheit in Heimen, vom Eingesperrtsein und von einer nicht erhaltenen Schulbildung sowie vom Missbrauch der „Barmherzigen Brüder“, die gar nicht so barmherzig waren. Dass er bis heute dafür keine Entschädigung erhalten hat, versteht Heinz nicht.

Geldbeutel mit 10.000 Euro gefunden und abgeliefert

Heute zieht er mit seiner Zwickzange durch die Wasserburger Straßen und freut sich über alles, was ihm so an Erlebnissen begegnet. So hat er schon zahlreiche Fundsachen bei der Stadt abgeliefert, auch schon mal 800 Euro in bar oder eine teure Uhr. Sogar einen Geldbeutel mit 10.000 Euro fand der Heinz und lieferte alles ab. Das Dankschreiben dazu kann er noch fast wörtlich zitieren. Auch ein Kind hat er schon mal vor einem Auto gerettet.

Freundschaftsband der „Amigos“ am Handgelenk

Sechs Tage in der Woche räumt er zurzeit achtlos weggeworfenen Müll im Stadtbereich weg. Nur der Sonntag bleibt frei. Da singt er regelmäßig von 12 bis 16 Uhr bei offenem Fenster zum Vergnügen der Passanten Lieder der Gruppe „Die Amigos“, seiner Lieblingsband. Ein Freundschaftsband an seinem Handgelenk zeugt dabei zusätzlich von seiner Verbundenheit zu den Musikern Karl-Heinz und Bernd Ulrich.

Wasserburg feiert den Jubilar

Am Samstag, 19. Juni, wird der Heinz 75. Ein Tag, der gebührend gefeiert werden soll. Organisiert von Tamara Oswatitsch werden die Band „Kreuz und Quer“, sowie der Kabarettist Michael Altinger ab 14.30 Uhr Uhr in der Hofstatt auftreten.

Ausstellung mit Bildern von Daniel Aschauer

Aufmerksame Besucher der Stadt haben möglicherweise schon die Fotoausstellung zum Geburtstag des Jubilars entdeckt, die Bilder stammen von Daniel Aschauer.

Tamara Oswatitsch über die „gute Seele von Wasserburg“

Tamara Oswatitsch hat die Geburtstagsfeier für Heinzi, „die gute Seele von Wasserburg“, organisiert – ebenso wie die Fotoausstellung in Schaufenstern der Stadt, für die sie Fotograf Daniel Aschauer gewinnen konnte.

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Tagelang haben die beiden Heinz bei seinen Reinigungsgängen in der Stadt begleitet. Und einiges über ihn erfahren. Heinz erzählte fragmentarisch aus seinen Erinnerungen.

Er hat selber hat nur wenige Fotos aus seinem ganzen Leben. „Auf dem Kinderfoto in Lederhosen steht auf der Rückseite in Bleistift seine gesamte Vita – es sind sechs Zeilen“, sagt Tamara Oswatitsch. Sie hat die biografischen Lücken so gut es geht durch Recherchen geschlossen.

Leibliche Mutter verschwand

„In Steinhöring, in dem ehemaligen Lebensborn Haus Hochland, das von den Amerikanern im Mai 1945 den Solanusschwestern übergeben wurde, als Mutter- und Kindhaus betrieben, brachte ihn 1946 seine sehr junge Mutter auf die Welt. Sie war aller Wahrscheinlichkeit zusammen mit Ihren Eltern im Januar 45 aus Kattowitz vor den Rotarmisten geflohen und als Hausgehilfin in München-Haidhausen am Preysingplatz gestrandet.... Getauft wurde das Kind Hendrik Plaweckay in der Kapelle der Einrichtung in Steinhöring.

Die Entscheidung Heinzi einer Pflegemutter und dann den offensichtlich verwandten Pflegeeltern, auf einem kleinen landwirtschaftlichen Hof im südlichsten Steinhöringer Landkreis, zu übergeben, war sicher dem Tatbestand geschuldet, eine ledige Mutter zu sein.

Dort wuchs er auf dem kleinen Hof auf. Seine leibliche Mutter tauchte irgendwann noch einmal mit einem Baby auf dem Arm auf und entschwand wohl tatsächlich nach Amerika. Das ist einer der wunden Punkte in der Lebensgeschichte. Ihre Spur lässt sich einfach trotz aller Bemühungen nicht nachverfolgen“, schreibt Tamara Oswatitsch. Heinz arbeitete später unter anderem in einem Wasserburger Autohaus und 23 Jahre bei der Metzgerei Rahm – beide Aufgaben erfüllte er mit großer Leidenschaft..

Streng ist er manchmal

„Bis er unser Heinz wurde, hat er erst einmal angefangen, die Wertstoff-Tonnen am Parkhaus zu reinigen und vor allem bei der richtigen Sortierung die Überwachung zu übernehmen. Streng ist er manchmal, aber damit schafft er es eben, uns alle zu erziehen. Und andere Städte beneiden uns um diesen Mann. Nun ist er unser Sauber-Gewissen. Keine, aber auch wirklich keine Kippe, auf die Straße zu werfen, sondern säuberlich in den Röhren des Abfalleimers verschwinden zu lassen.

Papiere, Flaschen, Dosen und Abfall, sammelt er so gewissenhaft auf wie eine Hausfrau. Nichts entgeht seinen Augen und seiner professionellen Zwickzange. Sogar auf der Fototour durchs Parkhaus den Kellerberg hinauf, konnte er es nicht lassen, jedem möglichen Abfall nachzujagen“, erinnert sie sich.

Der Heinz hasst wie die Pest weggeworfene FFP2-Masken

„Was er hasst wie die Pest, sind auf die Straße geworfene FFP2-Masken. Und seit Beginn unseres Lockdowns II, als gefühlte Millionen von Kippen, um bestimmte Plätze herum auf dem Boden landeten, verweigert er sich diesen komplett.“

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