Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Heimatlose Seelen gut behandeln

Prof. Dr. med. Wielant Machleit (links) und Prof. Dr. med. Peter Zwanzger hatten zum Vortrag "Kultur und Identität im interkulturellen Raum" in den Festssaal des Bezirks geladen.  Foto Heinz
+
Prof. Dr. med. Wielant Machleit (links) und Prof. Dr. med. Peter Zwanzger hatten zum Vortrag "Kultur und Identität im interkulturellen Raum" in den Festssaal des Bezirks geladen. Foto Heinz

Die Herausforderungen bei der psychotherapeutischen Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen standen im Mittelpunkt eines Nachmittags im Inn-Salzach-Klinikum.

Wasserburg-Gabersee - Was passiert, wenn die Seele heimatlos wird? Diese Frage stellte sich in einem Vortrag am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee. Prof. Wielant Machleidt, Inhaber des Lehrstuhls Sozialpsychiatrie und Vorstandvorsitzender des Ethnomedizinischen Zentrums Hannover, referierte zum Thema "Kultur und Identität im interkulturellen Raum". Neben Fachpublikum konnte der Hausherr der Veranstaltung, der Ärztliche Direktor des Klinikums, Prof. Peter Zwanzger, auch viele Vertreter aus Politik und öffentlichen Einrichtungen begrüßen.

Er sprach angesichts der steigenden Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge von einer "besonderen Aktualität" des Themas. "Mit der immer massiver werdenden Konfrontation mit Menschen aus anderen Ländern geht einher, dass auch wir viele Patienten aus diesem Bereich bekommen", erklärte er. Die Behandlung einer psychischen Erkrankung sei in diesem Fall sehr komplex, weil man kulturelle Aspekte in die Arbeit einbeziehen müsse und es oft mit einer Sprachbarriere zu tun habe.

Machleidt bezeichnete Zugehörigkeit zu einer Kultur als "Schlüssel zur Welt". Hierzulande sei die Bindung an eine Kultur weitgehend optional und könne freiwillig gewählt werden. Flüchtlinge dagegen seien gezwungen, in ein neues Umfeld einzutreten, und müssten mit gebrochenen Biografien leben.

Dabei, so der Professor, gehöre das Wandeln eigentlich zur menschlichen Kulturgeschichte. Trotzdem scheine es, als ob die Erfahrung von Fremdheit immer wieder zu Aggressionen und Konflikten führe. "Das Spannungsfeld zwischen eigen und fremd stellt Sicherheiten in Frage", erklärte er. Die Balance müsse immer wieder neu ausgehandelt werden. Den Umgang mit dem Fremden als subjektives Gefühl meistere derjenige am besten, der in seinem biografischen Hintergrund Urvertrauen erlernt habe. Nur dann könne man das Fremde als Bereicherung wahrnehmen, anstatt als Bedrohung.

"Die Veränderungen, die eine Migration anstößt, sind gewaltig", so Machleidt. Nach dem Schmerz über das Verlassen der Heimat und die Erfahrung der Flucht komme gewöhnlich Freude und Interesse an der neuen Kultur. In dieser Phase würden viele Elemente aus dieser auch besonders schnell aufgenommen. Später folge eine Zeit der Auseinandersetzung, wenn es darum geht, Leben, Wohnen, Arbeit und Familie in der neuen Heimat zu regeln. Stets sei aber auch ein Gefühl der Trauer vorhanden, wenn es um den Verlust der Heimat geht. "Hier sind wir gefragt", so Machleidt. Mögliche psychische Probleme könnten Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen sein.

Neben der Trauerarbeit sei aus psychologischer Sicht auch die Identitätsarbeit ein wichtiges Feld. Laut Machleidt gehe es um die "Neuformierung der Zugehörigkeiten" und die "Schwierigkeit, den eigenen Weg zu finden". Neue Wertesysteme, Spannungsfelder und Rollenmuster führen immer wieder zu einem "Kampf im Selbst". Man muss sich verorten, immer wieder selbst befragen. Diese komplexen Anforderungen könnten zu Anpassungsstörungen und Identitätskonflikten, in ein Abdriften in Extreme, führen.

Als Möglichkeiten, die Behandlung von Migranten zu unterstützen, empfahl Machleidt den "transkulturellen Übergangsraum". In diesem könne ein eigener, dritter Weg zwischen den Kulturen ausgehandelt und neue Orientierungspunkte gefunden werden. Dem behandelnden Ärzten riet er, wertefrei und ohne Vorfestlegungen zu arbeiten. Außerdem sagte er, dass die Sprachbarriere nicht zum Ende des Diskurses führen dürfe. Daher betonte er auch den Stellenwert von Dolmetschern bei der Arbeit mit erkrankten Migranten.

Kommentare