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LISA UND HASSAN ECHCHARIF TEILEN EINE AUSSERGEWÖHNLICHE GESCHICHTE

Happy-End in Oberbayern

Familienglück: Die Eltern Lisa und Hassan mit ihren Kindern Miriam und Aaron. Hampel/Privat
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Familienglück: Die Eltern Lisa und Hassan mit ihren Kindern Miriam und Aaron. Hampel/Privat

Hürden, Fußangeln, gefährliche Klippen – manche Menschen sehen sie überall, auch dort, wo gar keine sind. Andere nehmen wirkliche Hindernisse auf dem Lebensweg gerade mal aus dem Augenwinkel wahr und steuern unbeirrt ihr Ziel an. Was sich ihnen in den Weg stellt, schieben sie lächelnd zur Seite. Lisa und Hassan Echcharif gehören fraglos zur zweiten Kategorie. Sie stammt aus Pfaffing in Oberbayern, er aus Marokko. Zufällig begegneten sich die beiden auf einem Campingplatz in Portugal. Drei Abende lang saßen sie am Lagerfeuer nebeneinander, dann lagen 3000 Kilometer zwischen den frisch Verliebten. Ein Jahr lang konnten sie sich nur Briefe schreiben. Beide sagen: „Das war kein Problem.“ Das Happy-End blieb nicht aus: Seit 25 Jahren sind sie miteinander verheiratet.

Pfaffing – Das waren andere Zeiten. Wer aus Marokko kam, galt in Europa als Exot, wer auf eigene Faust von Deutschland aus dorthin fuhr, als Abenteurer. 1988 steckte das Internet in den Kinderschuhen. Selbst Telefonanschlüsse in jedem Haushalt waren keine Selbstverständlichkeit, nicht in Deutschland und schon gar nicht in Nordafrika. Damals lernten sich Lisa Neumeier und Hassan Echcharif auf einem Campingplatz in Lissabon kennen, sozusagen auf neutralem Gelände. Die Zelte standen nebeneinander. Er war ein Typ mit Schnauzbart und pechschwarzen Locken, sie eine aufgeschlossene junge Frau mit praktischer Kurzhaarfrisur und riesiger Brille, wie es damals modern war. Am Abend spielte ein Spanier am Lagerfeuer Gitarre. Man sang gemeinsam, unterhielt sich auf Französisch und Englisch, war sich mehr als sympathisch. Lisa und Hassan, die 24-jährige Heilerziehungspflegerin aus Pfaffing und Hassan, der 28-jährige Lehrer aus einer Nachbarstadt von Rabat, redeten viel miteinander. Wie nahe sie sich damals kamen, diese Frage überhören sie hartnäckig. Ein Foto von damals zeigt sie jedenfalls Hand in Hand – es hatte gefunkt zwischen den beiden. „Whatsapp gab es noch nicht“, ruft Lisa Echcharif in Erinnerung. Also gingen danach Briefe hin und her, ab und zu konnten sie telefonieren. Dazu musste Hassan in einem Brief genau ankündigen, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit er unter welcher Telefonnummer zu erreichen sein würde. Die Echcharifs selbst hatten kein Telefon. Das war alles umständlich und zeitraubend, aber die beiden blieben unbeirrt.

„Vorbehalte aus dem Familien- oder Freundeskreis gab es nicht, nur eine gewisse Besorgnis, weil ich allein in ein fernes Land reiste“. Lisa Echcharif

Bis sie sich in Frankreich wiedersahen, vergingen zwölf Monate. Das war spannend. Es hätte ja auch sein können, dass der Zauber verflogen war, dass der andere anders war als in der Erinnerung und in den Briefen, Papier ist bekanntermaßen geduldig. „Aber echte Zweifel hatte keiner von uns, sonst hätten wir uns gar nicht wieder getroffen“, versichern beide. Bei diesem gemeinsamen Urlaub in Frankreich schmiedeten sie schon Zukunftspläne. Hassan nahm Lisa mit nach Marokko, damit sie seine Familie kennenlernte. „Vorbehalte aus dem Familien- oder Freundeskreis gab es nicht“, sagt die Pfaffingerin, „nur eine gewisse Besorgnis, weil ich allein in ein fernes Land reiste. Aber das war ja nachvollziehbar.“ Natürlich war ihr einiges fremd, etwa dass damals traditionelle Häuser in Marokko keine privaten Bäder hatten, dass man zum Duschen in ein öffentlichen Badehaus ging, den Hamam, und das Essen war auch ungewohnt. Die Eltern von Lisa schauten erschrocken, als ihre Tochter nach drei Wochen abgemagert und mit Henna-Verzierungen an Händen und Beinen zurückkehrte. Mit solchen Bemalungen schmücken sich Frauen in Nordafrika und Indien gern bei gesellschaftlichen Anlässen.

Hassan weiß auf Anhieb gar nicht mehr, was er bei seinem ersten Gegenbesuch in Deutschland als merkwürdig empfand oder womit er vielleicht selbst Anstoß erregte . Dann fällt ihm ein: „Ich habe Ketchup auf die Weißwurst getan. Das geht gar nicht, musste ich lernen.“ Bis er diesen Verstoß gegen bayerische Essgewohnheiten begehen konnte, war seit der letzten Begegnung mit Lisa wiederum ein Jahr vergangen. Dann aber stand für beide fest, dass sie heiraten würden – und es begann der unvermeidliche Kampf mit der Bürokratie. Zwölf männliche Zeugen musste Hassan in seiner Heimatstadt für jedes Papier aufbieten, um Herkunft und Ausbildung beglaubigen zu lassen. Dass Hassan nach Deutschland und nicht Lisa nach Marokko ziehen würde, stand für beide fest. Die pädagogische und psychologische Ausbildung half dem Lehrer rasch, eine Anstellung in der Stiftung Attl zu bekommen. Deutsch lernte er mit Eifer, weil er so schnell wie möglich Fuß fassen wollte. Heute ist er nebenbei wieder Lehrer, unterrichtet Arabisch an der Volkshochschule in Wasserburg.

Pfaffing hat rund 4000 Einwohner, Lisa Echcharif ist dort aufgewachsen und war immer schon eingebunden ins Gemeindeleben. „Ich glaube, Integration gelingt in einem so kleinen Ort besser als in einer Stadt , wo es schwierig ist, aus der Anonymität herauszutreten“, meint sie. Hassan gehörte im Nu dazu, die Familie und der Freundeskreis nahmen ihn mit offenen Armen auf. Seinen Platz fand er mit Neugier, Humor und überwältigender Warmherzigkeit. Als einer der Motoren des Pfaffinger Künstlerkreises und des Wasserburger Nationenfestes trägt er selbst zum gesellschaftlichen Leben bei. Gerade erst wurde die neueste Mitgliederausstellung „Paradox“ im großen Gemeindesaal von Pfaffing beendet, Hassan hatte dazu abstrakte Ölbilder beigetragen. In seinen Werken bringt er gerne arabische Schriftzeichen unter. Längst hat er einen deutschen Pass. Die Zeiten, in denen er sowohl für Österreich als auch für Italien umständlich ein Visum beantragen musste, um drei Tage am Gardasee verbringen zu können, sind lang vorbei.

Lisa Echcharif ist gerade dabei, ihr erstes Buch fertigzustellen, ein Kinderbuch, das sich mit Tierschutz beschäftigt. Sie hat auch schon einen Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen, ausgelobt vom österreichischen Autor Daniel Glattauer. Freude am Schreiben hatte sie schon immer, davon zeugen die alten Briefe nach Marokko, als nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz die Zeilen diktierte. Die beiden Kinder der Echcharifs, Miriam und Aaron, sind 20 und 15 Jahre alt. Freunde wundern sich manchmal über den exotischen Nachnamen, aber sonst spielt es keine Rolle, dass der Vater Marokkaner ist. Der sagt: „Meine Heimat ist seit langer Zeit Deutschland, in Marokko bin ich Tourist.“

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