AUS DEM GEMEINDERAT

Haag soll ein Fernwärmenetz bekommen

Haag soll ein Fernwärmenetz bekommen. Die kommunalen Gebäude werden vielleicht bald schon von einer dezentralen Hackschnitzelheizung versorgt. Und Privathäuser und Firmen können sich anschließen. Die regionalen Unternehmer Josef Pflügl und Christian Dimpflmeier haben das Vertrauen des Gemeinderates, weiter in die Planungen zu gehen.
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Haag soll ein Fernwärmenetz bekommen. Die kommunalen Gebäude werden vielleicht bald schon von einer dezentralen Hackschnitzelheizung versorgt. Und Privathäuser und Firmen können sich anschließen. Die regionalen Unternehmer Josef Pflügl und Christian Dimpflmeier haben das Vertrauen des Gemeinderates, weiter in die Planungen zu gehen.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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War es die „sympathische Schlitzohrigkeit“, die das Team Pflügl und Dimpflmeier schnell zum Favoriten des Haager Gemeinderates machte, als es um die Frage ging: Mit wem will die Gemeinde Haag in Sachen Fernwärmeversorgung weiter in die Planungen gehen?

Haag – Ziel ist es, die wesentlichen Liegenschaften des Marktes an ein herzustellendes Fernwärmenetz anzuschließen und mit Wärme zu versorgen. Auch sollen sich Eigentümer von privaten Häusern oder auch Betriebe anschließen können. Die Standortfrage für das künftige Heizwerk ist bis dato noch ungeklärt.

Heizwerk am Schachenwald

Josef Pflügl aus Gars und Christian Dimpflmeier aus Rechtmehring sprechen sich für ein dezentrales Heizwerk am Schachenwald aus und präsentieren ihre Idee von einem flächendeckenden Wärmenetz von etwa fünf Kilometern. Die beiden gründen eine GmbH und rechnen mit einer Investition von etwa 8 bis 10 Millionen Euro.

„Die Finanzierung machen wir über die Bank und das Geld bekommen wir auch“, so Josef Pflügl selbstbewusst, der mit seinem saloppen Vortrag die Lacher und Sympathien auf seiner Seite hatte. Die Gemeinde habe weder ein Risiko, noch muss sie selbst Geld in die Hand nehmen, stellte Klaus Breitreiner (CSU) fest.

GP Joule ist global Player

Josef Pflügl, Spezialist für Haustechnik und sanitäre Anlagen für den Wohnungsbau sowie Gewerbe- und Industriebauten aus Gars sowie Christian Dimpflmeier, Tiefbauunternehmer aus Rechtmehring setzten sich als Duo mit ihrem hemdsärmeligen Vortrag gegen die Mitbewerber ESB Wärme aus München sowie GP Joule mit der Niederlassung Buttenwiesen durch.

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GP Joule plant weltweit Solar- und Windparks und Netze für Fernwärme und Nahwärme sowie Elektro- oder Wasserstoffmobilitätsprojekte. Das Unternehmen mit Standorten in Süd- und Norddeutschland, Frankreich und Nordamerika hatte im Vorfeld eine Machbarkeitsstudie für Haag durchgeführt. In ihrer Präsentation – die von einer Trassenlänge von etwa 1140 Metern und einem Heizwerk eventuell auf der Fläche der Kirchenstiftung ausgeht – erklärte Projektmanagerin für Kunden und Vertrieb, Juliana Drasovean, die Energiewende sei im Grunde eine Wärmewende. „Über 60 Prozent des Primärenergiebedarfs wird fürs Heizen genutzt.“

Container hübsch verkleiden

Für das Haager Konzept sei eine Hackschnitzelheizung in Containerlösung – die man ansprechend gestalten könnte – angedacht. Für die Grundlast seien zwei Hackgutkessel mit je 500 kW und für die Spitzenlastabdeckung der Gaskessel an der Grundschule (1000 kW) vorgesehen. Sie sprach von 1,8 Millionen Euro Investitionskosten und attraktiven Fördermöglichkeiten etwa durch die Kfw, aber auch neuen Zuschussmodellen, die erst Mitte des Jahres erwartet werden. Auch der Austausch alter Ölheizungen sei förderbar.

Grundstücksfrage wieder offen

Derzeit sei die Grundstücksfrage ja wieder offen, griff sie die aktuellen Entwicklungen auf. Das angedachte Netz sei beliebig erweiterbar – unabhängig vom Standort der Heizzentrale. Auch können weitere Wärmequellen jederzeit eingebunden werden. Für jedes Gebäude, das sich anschließen wolle, werden pauschal 9500 Euro fällig. Ein Preis, der das Gremium wie auch Bürgermeisterin Sissi Schätz (SPD) verwunderte

Als Verbrauchskosten nannte sie 20 Euro/kW Heizlast pro Jahr (Grundpreis) und 8 Cent/kWh netto (Arbeitspreis).

Bei Grund- und Mittelschule, Realschule, Zehenstadel und Rathaus geht man insgesamt von einem Wärmebedarf von 2,233 Millionen kWh aus (Heizlast 1361 kW).

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Projektleiterin Julia Prey erläuterte als Rechtsform sei eine GmbH angestrebt; Betreibermodelle gebe es verschiedene – wenn gewünscht, auch mit gemeindlicher Beteiligung. Der Hauptsitz von GP Joule sei in Flensburg – dorthin werden auch die Steuern abgeführt, wenn die Gemeinde nicht mit einsteigt.

Regionale Firmen engagieren

Für den Netzausbau, etwa Tiefbauarbeiten, oder Heizungsbautätigkeiten, hole man sich regionale Firmen an Board. Auch Servicetechniker sollen aus der südostbayerischen Region rekrutiert werden – falls die Anlage mal ausfällt. „Unsere Serviceteams aus Buttenwiesen herzubestellen macht keinen Sinn“, so Prey.

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„Anschlusskosten von 9500 Euro – für eine Schule? Hört‘s auf“, sagte Josef Pflügl, der die Bezifferung der GP Joule-Vertreterin „unrealistisch“ nannte. Man müsse eher mit 17 000 Euro rechnen. Auch gehöre ein Hackwerk an den Ortsrand, nicht in den Ort. „Die schweren LKW liefern an – während des Unterrichts in der Schule. Das stört. Auch steigt immer Dampf auf, was die Leute irritiert“, weiß er aus Erfahrung an aus seiner Mitwirkung an vergleichbaren Projekten in Gars und St. Wolfgang. Damit antwortete er auf eine Frage von Andreas Sax (CSU).

Neue Baugebiete anschließen

Der Trassenanfang gehört seiner Meinung nach in den Schachenwald. Auf dem Weg in den Ort könnte man die Gärtnerei anschließen und auch Unternehmen sowie neue Baugebiete. Der Trassenverlauf sei mit der Gemeinde abzustimmen, sagte er auf Nachfrage von Herbert Zeilinger (WFH). „Wir reißen am besten eine Straße auf, die ohnehin neu gemacht werden muss“, sagte Tiefbauunternehmer Dimpflmeier. Auch seien weitere Anschlüsse von Norden her kein Problem, am besten plane man das Netz so, dass eine dritte Leitung dazu gelegt werden kann, erklärte er dem Dritten Bürgermeister Florian Haas.

Knowhow vor Ort

Beide warben für ihr Modell. Sie wollen eine Firma „Haager Wärme“ gründen, die Gewerbesteuer bleibe vor Ort. „Jeder kennt uns, wir, wir sind immer greifbar, haben das technische und handwerkliche Knowhow in unseren Firmen, das Servicepersonal inbegriffen. Planungsbüros und Energieberater haben wir an der Hand.“

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Die Akquise der Privatanschlüsse sei eine Herausforderung, räumte er Zeilinger gegenüber ein. Konkrete Zahlen, was das Anschließen koste, konnten die beiden noch nicht nennen, auch müsse man die Zuschüsse abwarten, die im Sommer verkündet werden. Der Energiepreis werde wohl, wie in Gars, bei 9 Cent pro kW liegen.

Hackschnitzel von der Waldbauernvereinigung

Hederer (PWG) sprach den Wärmeverlust an. Pflügl erläuterte, in St. Wolfgang habe man ein Netz von 18 Kilometern; Verluste von 10 bis 15 Prozent seien normal. „Wir fahren die Wärme immer mit 90 Grad, am Haus kommen etwa 88 Grad an“, so Pflügl.

Noch sei zu klären, was die Gemeinde von „Haager Wärme“ für das Durchleitungsrecht verlange, ebenso die Unternehmen.

Die Hackschnitzel sollen von der Waldbauernvereinigung vor Ort bezogen werden – per Jahresvertrag, sicherte er Thomas Eberharter (CSU) zu. Die Planung werde wohl ein Jahr in Anspruch nehmen, erklärte er Zweitem Bürgermeister Stefan Högenauer (CSU). „In zwei Jahren stehen wir fertig am Rathaus – mit Hackwerk und allem“, wagte sich Pflügl vor.

ESB: zu teuer

Keinen leichten Stand – jedoch auch Sympathiepunkte – hatten Tanja Erb von ESB Wärme GmbH und Geschäftsführer Steffen Otto. Erb führte souverän durch ihre Präsentation, die sie zugegebenermaßen „Themaverfehlung“ nennen musste, weil sie sich an der Vorstudie von GP Joule orientiert hatte und sich inzwischen neue Fakten ergeben hatten (etwa ungelöste Standortfrage).

Für ESB ist das Netz (laut deren Planung 1,7 Kilometer) zu klein, um es wirtschaftlich zu bauen und zu betreiben. Darum kamen am Ende der Präsentation sehr hohe Preise heraus: Arbeitspreis 60,30 Euro pro Megawattstunde und Grundpreis 129,90 Euro pro kW. Die Differenz zu den von den Vorrednern genannten Zahlen schockierte das Gremium. Erb hatte Verständnis. Eine Beteiligung der Gemeinde würden den Preis natürlich runterbringen, vor allem in Anbetracht der hohen Investitionskosten.

20 Jahre Vertragslaufzeit

Erbs Erfahrung zufolge sei es nicht ganz einfach, Privatleute zum Anschließen ans Fernwärmenetz zu bringen. „Die Leute haben ,Bauchpreise‘ und vergleichen am liebsten mit ihrer bisherigen Heizung. Wer seinen Kachelofen liebt oder seine Solarthermie für Warmwasser, gibt diese nicht auf. Diese Leistung geht aber unserem Netz dann ab“, so Erb. Ihr Chef, Steffen Otto, sagte, das Netz müsse ganzjährig auf Temperatur gehalten werden, auch wenn die Kunden von April bis Herbst weniger heizen.

Beschluss mit einer Gegenstimme

Die Trassenkosten bezifferte er auf 3,2 Millionen Euro netto mit einer voraussichtlichen Förderung von 1,2 Millionen Euro netto. Die Anschlusskosten für die kommunalen Gebäude (inklusive Bauhof, Bürgersaal und Feuerwehr) lägen pauschal bei 50 000 Euro gesamt; die für ESB zu finanzierenden Investitionskosten rangieren bei 1,937 Millionen Euro. Die Vertragslaufzeit sei auf 20 Jahre angelegt.

Am Ende entschied sich das Gremium für ihren Favoriten, das Duo Pflügl-Dimpflmeier (mit einer Gegenstimme). 10:9 Gemeinderäte wollten nicht weiter mit den anderen Bewerbern planen, ergab eine weitere Abstimmung. Das „Startup“, das investiert, vor Ort Arbeitsplätze schafft und mit den eigenen Fachfirmen einen klaren Vorteil in Zeiten des Fachkräftemangels und der ausgebuchten Handwerker hat, setzte sich gegen Global Player GP Joule und den Südbayern-Profi ESB durch. Siegfried Maier (SPD) sprach von „sympathischer Schlitzohrigkeit“.

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