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Als Sanitäter auf der Sea Eye 4 vor der Küste Libyens

Brutale Erfahrung: Grünen-Abgeordneter Krahl in Wasserburg über Zeit als Seenotretter

Andreas Krahl bei der Beschreibung der Rettung der 29 Insassen auf diesem Rasenmäher-Motor angetriebenen Holzboot auf hoher See, darunter zwei Schwangere im 9. Monat und Kinder.
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Andreas Krahl bei der Beschreibung der Rettung der 29 Insassen auf diesem Rasenmäher-Motor angetriebenen Holzboot auf hoher See, darunter zwei Schwangere im 9. Monat und Kinder.
  • VonKarheinz Rieger
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Er ist Fachkrankenpfleger, ehrenamtlicher Sani und Mitglied der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag: Andreas Krahl. Beim „Bündnis wasserburg.bunt“ berichtete er von seinem Einsatz auf der Sea Eye 4 vor der Küste Libyens. „Es war eine brutale, intensive Erfahrung.“ Im Interview sagt er, was die Politik tun kann.

Wasserburg – „Es war eine brutale, intensive Erfahrung“, sagt Andreas Krahl beim Diskussionsabend vom „Bündnis wasserburg.bunt“ im evangelischen Gemeindehaus. 25 Interessierte lauschten dem gelernten Fachkrankenpfleger, ehrenamtlichen Rettungssanitäter und Mitglied der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag. Er kam auf Einladung von Steffi König, Sprecherin von „wasserburg.bunt“ und berichtete eindringlich von seinem viereinhalbwöchigen Einsatz im August und September als ‚First Medical Officer‘ auf dem Seenotrettungsschiff ‚Sea Eye 4‘ vor der Küste Libyens.

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Emotional aber auch sachlich erklärt er, welche Maßnahmen er für politisch notwendig hält. Im Interview erzählt er, welche Welten bei der Rettung aufeinanderprallen.

Ein wochenlanger freiwilliger Einsatz auf einem Seenotrettungsschiff. Wie bereitet man sich darauf vor?

Andreas Krahl: Man weiß nicht, was auf einen zukommt, deshalb kann man sich nicht speziell vorbereiten. Auf meine Erfahrungen mit ungewöhnlichen Situationen beim Rettungsdienst konnte ich bei dieser Mission glücklicherweise vertrauen.

„Es war eine brutale, intensive Erfahrung“, sagten Sie. Was konkret ist damit gemeint?

Krahl: Es war das Zusammenprallen der verschiedenen Welten. Wenn sich eine Hochschwangere im neunten Monat in so ein Boot setzt, und nach 50 Kilometer die hohe See zum Problem wird, möchte ich lieber gar nicht wissen, wie ihr wirkliches Problem im Vorfeld aussah.

Als da vor Ihnen das überfüllte Holzboot trieb, welche Gedanken gingen da durch den Kopf?

Krahl: Es sind die gleichen Gedanken wie bei einem schweren Verkehrsunfall. Man fällt wider Erwarten trotz ungewohntem Ort in alte Routinen zurück. Die helfen, damit jeder Handgriff sitzt.

Kann man den Abgeordneten des Landtages mit entsprechendem politischem Hintergrund bei einer solchen Hilfsaktion ausblenden?

Krahl: An Bord war ich während der gesamten Mission der ‚Sani‘ mit rein medizinischer Funktion. Viele an Bord haben erst am letzten Tag erfahren, was ich tatsächlich beruflich mache.

Wie fühlt man sich, wenn man zum Abschied einem Geretteten nur eine Flasche Wasser, eine Banane, Erdnüsse und ein altes T-Shirt in die Hand drücken kann?

Krahl: Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Ich hätte nicht gedacht, dass mich so eine Situation, einem Geflüchteten mit so wenig sein Fundament für eine neue Zukunft in die Hand zu drücken, so aus er Bahn werfen könnte, dass ich die Ausgabe unterbrechen musste.

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Die Aussage Geretteter, „Lieber ertrinken, als in Libyen bleiben“ macht fassungslos. Warum führt das trotzdem in Europa kaum zu Konsequenzen?

Kahl: Man neigt dazu, unbequeme Dinge auszublenden, muss sich aber den Tatsachen stellen und sie wahrhaben wollen. In Europa haben wir halt das Glück, den richtigen Pass zu besitzen. Wenn wir in Seenot geraten würden, wäre eine Rettung mit allen Mitteln selbstverständlich.

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Was muss die Politik unternehmen aus Sicht der Sea-Eye-Crew?

Krahl: Sie muss uns unseren Job als Seenotretter machen lassen. Zudem braucht es sichere Fluchtrouten, die Wiederaufnahme von UNHCR-Programmen in Libyen, ein bayerisches Aufnahmeprogramm, unabhängige Krahl: Länderentscheidungen zur Aufnahme von Schiffsgeflüchteten. Wir fordern eine Einstellung der EU-Zahlungen an die sogenannten Libysche Küstenwache.

Würden Sie wieder an einer Rettungsaktion dieser Art teilnehmen? Wenn ja, warum?

Krahl: Es wird definitiv ein zweites Mal geben, wahrscheinlich während einer sitzungsfreien Zeit. Warum? Ja, warum nicht?

In der Nacht zu Allerseelen und am Mittwoch wurden von der ‚Sea Eye 4‘ und der ‚RISE ABOVE‘ erneut fast 400 Menschen, darunter 152 Kinder, unterwegs auf sechs Booten, gerettet. Ein kurzes Statement dazu, bitte.

Krahl: Das war eine grandiose Leistung der Kolleginnen und Kollegen, vier aus meinem Team waren mit dabei. Wenn man die Art der Boote der Geflüchteten sieht, begreift man erst, wie wichtig die private Seenotrettung ist.

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