Graffiti-Kunst in Wasserburg nur unter Aufsicht – Ist das dann noch Graffiti?

Maurice Bogdanski hat dieses Kunstwerk an der alten Essigfabrik im Rahmen des Wasserburger-Ferienprogramms gesprayt. Veranstalter der Aktion war die Stadtratsfraktion SPD/LLW.
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Maurice Bogdanski hat dieses Kunstwerk an der alten Essigfabrik im Rahmen des Wasserburger-Ferienprogramms gesprayt. Veranstalter der Aktion war die Stadtratsfraktion SPD/LLW.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Graffitikünstler agieren im Untergrund. Sie wollen nicht auf frei gegebenen Flächen sprayen, wenn sie gegen das Establishment rebellieren. Davon ist der Wasserburger Stadtrat Wolfgang Janeczka (SPD) überzeugt. Darum stimmte er auch gegen den Antrag seiner Fraktion und gegen den der Grünen, die geeignete Standorte unter Aufsicht besprühen lassen wollen.

WasserburgKein Eklat, sondern eine sachliche Diskussion: SPD, Linke Liste und auch die Grünen wollen die Graffiti-Kultur in Wasserburg unterstützen – jeder auf seine Weise und am Ende der Debatte im Haupt- und Finanzausschuss sogar in einem gemeinsamen Beschluss. Ein Gestaltungswettbewerb oder fachlich begleitete Workshops sollen an den ehemaligen Firmengeländen am Holzhofweg 15 und in der Priener Straße 3 ermöglicht werden. Folgende Standorte sind auch Teil des Beschlusses, der mit 6:3 Stimmen gefasst wurde: die Mauern an den Wertstoffinseln an der Hermann-Schlittgen-Straße/Willi-Ernst-Ring und an der Köbingerbergstraße.

Haftungsrisiko liegt bei der Stadt

Bürgermeister Michael Kölbl (SPD) mahnte: „Wir haben das Haftungsrisiko und sind für die Verkehrssicherheit zuständig – was, wenn sich jemand einen rostigen Nagel eintritt? Das Gelände an der Essigfabrik ist eigentlich schon abbruchreif“. Der Sprühnebel beim Sprayen sei ein Thema. „Der Ärger ist vorprogrammiert, wenn da einzelne Farbtropfen auf den Autos landen“, so Kölbl. „Wir als Stadt sind grundsätzlich aufgeschlossen, wollen aber keine Flächen einfach so freigeben, sondern begleitete Aktionen.“ Man könnte den AK68 einbeziehen, schlug Steffi König (Grüne) vor. Und ein temporäres Parkverbot ausgeben, wenn eine Sprayer-Aktion läuft, „damit die Autos nix abbekommen“.

SPD-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Janeczka blieb bei seiner Haltung. Bereits im Mai 2019 hatte er die Sinnhaftigkeit des Grünen-Antrags in Frage gestellt. Es sei „naiv“, zu glauben, Graffitikünstler würden sich legale Flächen für ihre Spraywerke wünschen. Diese Kunstform lebe von der Anarchie und ihrem Eintreten gegen das Establishment.

„So ein Workshop ist nicht Graffitikunst im klassischen Sinne. Streetart lebt nun mal im Untergrund, da sprüht man nicht auf vorgegeben Flächen. Man ist anonym“, so Janeczka. Er wolle keinesfalls, dass plötzlich im ganzen Stadtgebiet „Tags“ auftauchen.

Robert Mayerhofer, Leiter des Liegenschaftsamtes, sagte, man habe alle vorgeschlagenen Flächen geprüft. Gebe man sie zur Nutzung gemäß der Anträge frei, müsse gewährleistet sein, dass kein Eigentum beschädigt werde und den Sprayern nichts passiere. Aus Haftungsgründen könne man kein wildes und unkontrollierte Besprühen zulassen.

Elisabeth Fischer (CSU) sagte, die Essigfabrik sei je jetzt schön. „Darf man das wieder übersprühen?“ Kölbl nickte, „das ist Sinn und Zweck dieser Kunstform, die ist vergänglich“.

Josef Baumann (Freie Wähler Rechtmehring) schlug vor, auch die „Städtereklametafeln“ für Sprayer freizugeben.

Werner Gartner (SPD) lobte die Ferienprogrammaktion, die Stadtrat Chris Peiker (LLW), begleitet hatte und beantragte, man möge ihm Rederecht erteilen, damit er davon berichten kann. Dies wurde mit 3:6 Stimmen abgelehnt. Heike Maas (CSU) sagte, „die Wildsprüher werden wir eh nicht abhalten. Aber den Gestaltungswettbewerb finde ich gut“. Steffi König bekräftigte, dass es eine künstlerische Begleitung brauche, „es soll ja schön aussehen“.

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Was vorher geschah:

Flachen für Graffiti freigeben? Dieses Thema begleitet die Stadträte schon seit geraumer Zeit. Die Verwaltung hatte im Frühjahr 2019 Flächen vorgeschlagen, jedoch waren Stadtrat und Hauptausschuss nicht begeistert.

Die Grünen beispielsweise, die die Graffiti-Flächen-Debatte angestoßen hatten, reagierten enttäuscht, denn nur das WC-Häuschen am Gries sollte nach einer Prüfung durch die Verwaltung geeignet sein. In dieser Sitzung kam es zur Sinn-Debatte um den Grünen-Antrag durch SPD und CSU.

Heuer im Sommer realisierte die Stadtratsfraktion SPD/LLW im Rahmen des Ferienprogramms einen Graffiti-Workshop am Burkhardtgelände.

Ende Juli 2020 stellten SPD und Linke Liste den Antrag, den ehemaligen Fabriktrakt, der sich am Holzhofweg 15 befindet, für die Anbringung von Graffiti zur Verfügung zu stellen. Eine Woche darauf ging der Antrag der Grünen ein. Sie wollten die Trafostation an der Köbingerberstraße, die Mauern an den Wertsoffinseln von Hermann-Schlittgen-Straße/Willi-Ernst-Ring und an der Köbingerbergstraße sowie eine Fläche „Unter der Rampe“ „zur vorübergehenden und dauerhaften Nutzung als Graffiti-Flächen“ ausgewiesen haben.

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