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Interview mit Anita Uhl, Leiterin der HPT in der Stiftung Attl

Im Wandel der Zeit: Was sich in der Betreuung von Menschen mit Behinderung verändert hat

Anita Uhl war 41 Jahre im Dienst der Attler Kinder tätig.
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Anita Uhl war 41 Jahre im Dienst der Attler Kinder tätig.
  • VonBirgit Schlinger
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Weg vom Versorgtsein, hin zur individuellen Förderung: In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Heilerziehungspflege gewaltig verändert. Anita Uhl, Leiterin der HPT in der Stiftung Attl, verabschiedet sich in den Ruhestand und berichtet über ihre Zeit in der Pflege.

Wasserburg – In den 1970ern herrschte in der Sonder- und Heilpädagogik Aufbruchsstimmung. Der noch junge Beruf des Heilerziehungspflegers gab dem Personal im Umgang mit Menschen mit einer Behinderung endlich professionelle Richtlinien für Förderung und Assistenz an die Hand. Nicht selten übernahmen diese Schüler der ersten Stunde Pionieraufgaben und bauten wichtige Bereiche in Einrichtungen der Behindertenhilfe wie der Stiftung auf. Einige dieser Persönlichkeiten verabschieden sich nun nach einem langen Arbeitsleben in den Ruhestand, so wie Anita Uhl, Leiterin der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) in Attl.

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Vor 41 Jahren begann die gelernte Heilerziehungspflegerin in der Stiftung Attl. Sie arbeitete zehn Jahren lang auf Wohngruppen im Kinder- und Jugendbereich, bevor sie als Leitung in die Heilpädagogische Tagesstätte (HPT) wechselte. Um den neuen Aufgaben gerecht zu werden, absolvierte sie berufsbegleitend eine Weiterbildung zum Sozialmanagement für Leiter und Leiterinnen von Kindertagesstätten. Unter ihrer Führung erweiterte sie diese von einer auf fünf Gruppen und setzte die heute noch geltenden pädagogischen Standards. Wir fragten sie nach ihren Erfahrungen.

Wie war die Situation der HPT im Jahr 1990?

Anita Uhl: Damals besuchten mehr Heimkinder als Externe die Makarius-Wiedemann-Schule. Entsprechend gab es in der HPT nur eine Gruppe, die für heutige Verhältnisse allerdings sehr groß war. Ich betreute zwölf Kinder zwischen drei und 21 Jahren. Für uns gab es einen Raum in der Schule, gegessen haben wir in der Schulküche. Nebenbei leitete ich noch verschiedene Orffgruppen in der Stiftung Attl.

Wie ging es dann weiter?

Uhl: Relativ schnell stieg der Bedarf an Nachmittagsplätzen und die HPT ist rasant gewachsen. Nach ein paar Jahren betreuten wir bereits fünf Gruppen mit je neun Kindern. Mit jeder neuen Gruppe brauchten wir natürlich auch mehr Platz. Zum Glück betrachtete der damalige Schulleiter Kurt Thalmeier den Ausbau der HPT als wichtig. Zunächst bekamen wir noch den Handarbeitsraum der Schule zugesprochen, schließlich durften wir Klassenräume am Nachmittag nutzen. Aber ideal war diese Lösung natürlich nicht. Entsprechend erleichtert waren wir, als Anfang der 2000er-Jahre die Planungen für ein eigenes HPT-Gebäude begannen, das wir 2003 dann neu beziehen konnten.

Wie hat sich die Betreuungsarbeit während dieser Zeit verändert?

Uhl: In den 41 Jahren meiner Berufszeit habe ich bei der Betreuung von Menschen mit Behinderung einen gewaltigen Wandel erlebt: weg vom Versorgtsein hin zur individuellen Förderung. Zum Glück war damals mein Team in die Planungen des HPT-Neubaus eingebunden und wir konnten das Haus an unseren Bedarfen ausrichten. In jeder HPT-Gruppe arbeiten heute zwei Fachkräfte (Heilerziehungspfleger oder Erzieher) plus einen Praktikanten oder Freiwillige im BFD. Auch bekommen manche Kinder zusätzlich eine Individualbegleitung. Themen wie Selbstbestimmung, unterstützte Kommunikation und Medienpädagogik haben heute einen ganz anderen Stellenwert als zu meiner Anfangszeit.

Auch in der Zusammenarbeit mit den Eltern hat sich vieles verändert. Und es ist mittlerweile selbstverständlich, dass wir interdisziplinär arbeiten. Gemeinsam mit den Eltern und dem Fachdienst entwickeln wir Förderpläne und setzen diese dann auch zusammen um.

Wie sieht diese Förderung aus?

Uhl: Die Nachmittage sind strukturiert durch Gruppenangebote und Einzelförderung. Und auch diese kann wiederum in den Freizeitbereich eingebaut sein. Zum Beispiel ist Federballspielen eigentlich ein Freizeitsport, kann aber auch eine Förderung sein, wenn ich dabei auf die Auge-Hand-Koordination achte und Bewegung mit Geschwindigkeit kombiniere.

Was bietet die HPT zudem an?

Uhl: Wir bieten Heilpädagogik, Musiktherapie und Kunsttherapie an, zudem Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie. Die HPT grenzt an die Schule an und verfügt über einen eigenen großen Garten. Außerdem befinden sich ein Wasserspielplatz und der Sportplatz mit großem Trampolin vor dem Haus und der Attler Hof ist nicht weit.

Unsere Gruppen nutzen das Schwimmbad, den Badeteich, die Schulturnhalle und die Kegelbahn. Diese Vielfalt und Abwechslung sind ein großer Gewinn für die Kinder und Jugendlichen, die wir betreuen. Natürlich sorgen wir auch für Rückzugsmöglichkeiten und Ruhephasen.

Wenn Sie zurückblicken – was zeichnete Ihre Tätigkeit aus?

Uhl:Die Stiftung Attl ist ein guter Arbeitgeber und trotz manchen anstrengenden Zeiten, ist ein Wechsel in eine andere Einrichtung oder gar ein Berufswechsel für mich nicht in Frage gekommen. Die Arbeit auf der Wohngruppe und die Leitung der HPT war für mich sehr sinnerfüllt. Es ist die richtige Entscheidung gewesen mit Kindern und Jugendlichen mit einer Beeinträchtigung zu arbeiten. Die Kinder bleiben teilweise 15 Jahre in der HPT und wir Betreuer und Betreuerinnen bekommen alle wichtigen Entwicklungsschritte hautnah mit. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich vor allem an die vielen kleinen, schönen Momente. Außerdem ist man in diesem Beruf gezwungen, offen und flexibel zu bleiben und im Team zu arbeiten.

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