Tim Geist aus Isen bringt selbst einen Großmeister im Schach zum Schwitzen

Schon als ganz kleiner Bub war Tim Geist süchtig nach Schach, verrät seine Mama Elena. Der Isener ist mit seinen zehn Jahren bereits Teil des bayerischen Nachwuchskaders. Im Hintergrund ist ein Teil seiner Trophäen zu sehen.
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Schon als ganz kleiner Bub war Tim Geist süchtig nach Schach, verrät seine Mama Elena. Der Isener ist mit seinen zehn Jahren bereits Teil des bayerischen Nachwuchskaders. Im Hintergrund ist ein Teil seiner Trophäen zu sehen.

In seiner Altersklasse ist Tim Geist Bayerns Erster in der DWZ-Rankingliste und zählt zu den Top Ten in Deutschland. Schach ist sein Leben. Der Neunjährige aus Isen hat selbst schon einen Großmeister bei einem Schnellschachturnier ins Schwitzen gebracht. Portrait eines großen Talents.

Von Henry Dinger

Isen – Tim Geist ist ein freundlicher und zurückhaltender Junge. Nichts an ihm verrät, dass er zu den besten Schachspielern in seiner Altersklasse in Bayern zählt und zu den zehn Besten in Deutschland gehört.

Er plant mehrere Spielzüge im Voraus

Oder dass er mehrere Spielzüge vorausplanen kann. Oder dass er schon mal einem Großmeister erfolgreich die Stirn geboten hat. Schach? Ist das nicht nur was für blasse Nerds? Tim beweist das Gegenteil. Der Isener spielt genauso gern und auch mit gutem Erfolg Fußball, bewegt sich viel an der frischen Luft und mag seine Haustiere. Also ein ganz normaler Junge.

Warum man bei diesem Strategiespiel vom „Spiel der Könige“ spricht, ist leicht erklärt. Der Begriff „Schach“ kommt vom persischen Wort für „Schah“ - also „König“. Dass das Brettspiel eine ernst zu nehmende Sportart ist, die Konzentration fördert und die Leistung erhöht, zeigt Tims ganze Familie.

Ganze Familie im Schach-Fieber

Tims Papa stammt ursprünglich aus der Nähe von Moskau, seine Mutter, eine Erzieherin, aus Sibirien. Diese Herkunft, glaubt man allgemeinen Klischees, prädestiniert geradezu, sich am Schachbrett meisterlich zu schlagen. Immerhin stammen gut zwei Drittel aller bisherigen Schachweltmeister aus Russland beziehungsweise aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion.

Zu den wohl bekanntesten Namen gehören Michail Botwinnik, Anatoli Karpow und Garri Kasparow.

Jedenfalls spielte schon Tims Papa Vladimir mit sieben Jahren das königliche Spiel. Auch seine zwei Söhne konnte er frühzeitig dafür begeistern: Der heute zwölfjährige Denis beherrschte die Regeln mit sechs Jahren. Sein kleiner Bruder Tim war gerade einmal vier, als er lernte, wie sich die 32 Figuren auf dem Kästchenbrett bewegen dürfen. Und sofort war der Bub mit Feuer und Flamme bei der Sache.

„Er war richtig süchtig danach“, erinnert sich seine Mutter. „Er konnte es noch nicht mal richtig aussprechen, aber fragte die Leute ‚Ssspiest du Sach?‘“, sagt Elena Geist und lacht. Dass Kinder so früh mit den Grundlagen des Spiels vertraut gemacht werden, ist übrigens nicht verkehrt – der amtierende Weltmeister und derzeit beste Spieler Magnus Carlsen aus Norwegen war acht, als er begann, mit 13 war er Großmeister und mit 22 Jahren Weltmeister. Wie gut ein Schachspieler ist, benennt hierzulande die Deutsche Wertungszahl (DWZ), die anhand einer Formel von Arpad Elo nach den Ergebnissen in gespielten Langpartien bei Turnieren und Meisterschaften errechnet wird.

,Mit 5 Jahren startete Tim im Verein

Tims Vater Vladimir gilt mit einer DWZ von 1875 als überdurchschnittlicher Vereinsspieler, Tim führt mit einem Wert von 1594 die bayerische Liste seiner Altersklasse an, Denis kommt auf eine DWZ von 1541, Tendenz steigend. Ab 2100 zählt man zur Oberliga, ab 2300 zur Bundesliga, ab 2500 als Großmeister und über 2700 als Weltklassespieler.

Tim startete mit fünf Jahren beim Post Schachverein Dorfen (PSV), in dem auch sein Bruder aktiv ist. Schon bald zeigte sich, dass der kleinste Geist mindestens genauso talentiert ist wie Vater und Bruder. Erste Erfolge stellten sich ein. Sein erster Auftritt war beim Erdinger Schulschach-Cup für die Grundschule Isen. Schon als Siebenjähriger nahm Tim an Pokalturnieren und Meisterschaften teil.

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Nach dem Sieg in der U08 beim Abschlussturnier der bayerischen Rapidserie in Garching – hier waren bis auf wenige Ausnahmen alle bayerischen jugendlichen Spitzenspieler vertreten – überredete ihn sein erster Trainer Uwe Rehfeld zur Teilnahme an den offenen internationalen Deutschen Meisterschaften in Sebnitz (Sachsen).

Dieses Turnier brachte wertvolle Erfahrungen und war auch Anlass für die Teilnahme an der Deutschen Jugendvereins-Meisterschaft im Magdeburger Maritim-Hotel. Bei dieser Meisterschaft haben Tim und sein Bruder mit dazu beigetragen, dass der PSV Dorfen auf Platz 19 von 63 kam.

Die Erfolge der beiden Jungs zeigen sich in vielen Pokalen und Medaillen, die mittlerweile die Zimmer der Jungs zieren – etwa 60 Pokale sind es schon. Seit 2019 gehören Tim und Denis zum bayerischen Nachwuchskader D1 und werden dreimal pro Jahr zum Kadertraining eingeladen.

Fast jedes Wochenende bei Wettkämpfen

Fast jedes Wochenende sind die Geists zu den Wettkämpfen im Einzel- oder Mannschaftsspiel, zum Kadertraining oder auch zum Feriencamp unterwegs. Die Ziele liegen in ganz Deutschland. Meist dabei sind die Eltern. Mutter Elena achtet als Betreuerin streng darauf, dass ihre Söhne trotz aller Konzentration genügend essen und trinken.

Dass es dabei auch zu spannenden Szenen kommen kann, zeigt eine Kurzpartie gegen einen Großmeister (DWZ über 2500). Der junge Isener zeigte sich ganz unbeeindruckt von der Prominenz seines Gegners. „Der Großmeister schaute am Anfang ganz entspannt, als er Tim sah. Doch er hat ihn wohl unterschätzt. Man sah ihm seine Nervosität förmlich an“, erzählt Elena Geist. Die Partie endete Remis – ein großer Erfolg für Tim.

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Ende April 2019 feierte Tims Bruder Denis nicht nur seinen zwölften Geburtstag, sondern es war auch ein besonderer Moment für die Geists: An diesem Tag wurde der Schachverein Isental mit Sitz in Isen aus der Taufe gehoben. Der Verein zählt mittlerweile etwa 30 Mitglieder.

Zu den Spitzenspielern gehören die beiden FIDE-Meister Stefan Mooser (DWZ 2260), Rupert Prediger (DWZ 2181) – er ist Schachlehrer am Gymnasium Dorfen – sowie Vladimir Geist (DWZ 1875). Alle drei sind auch Trainer von Tim. Geübt wird dreimal pro Woche. Darüber hinaus trainieren Tim und sein Bruder die Kleinen des Isener Schachnachwuchses, die mit viel Spaß bei der Sache sind.

Demnächst geht es aufs Gymnasium

Trotz des großen Zeitaufwandes für Schach ist Tim ein guter Schüler und wechselt im kommenden Schuljahr aufs Gymnasium Dorfen. Die Gefahr, dass er vom langen Sitzen am Spielbrett einen krummen Rücken bekommt, besteht übrigens nicht: Wie schon erwähnt, spielt Tim Fußball in der E2-Jugend beim TSV Isen. „Manchmal sind da am gleichen Tag Turniere – da ich beides gerne mache, kann ich mich nicht entscheiden und spiele vormittags Fußball und am Nachmittag Schach“, sagt Tim ganz pragmatisch.

Das nächste große Schachturnier, das auf den Buben wartet, ist die Deutsche Jugendschachmeisterschaft. Dafür hat er sich in seiner Altersklasse U10 mit besten Ergebnissen qualifiziert. Dann kam Corona und die Meisterschaft zu Pfingsten wurde abgesagt. Im Oktober nun soll der Wettkampf stattfinden – Tim ist natürlich am Start. Bis dahin wird er von den bayerischen Landestrainern auf den Wettbewerb vorbereitet.

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