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HEIMATFORSCHUNG

Geißler, Ausgespannte, Kreuztrager: Wasserburger Karfreitagsprozessionen vor 400 Jahren

Kreuztrager, Geißler oder Flagellant und Ausgespannter (nicht abgebildet): Das sind die Darstellungen aus Salzburger Prozessionen, die in dieser Form im ausgehenden 18. Jahrhundert bereits verboten waren.
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Kreuztrager, Geißler oder Flagellant und Ausgespannter (nicht abgebildet): Das sind die Darstellungen aus Salzburger Prozessionen, die in dieser Form im ausgehenden 18. Jahrhundert bereits verboten waren.

400 Jahre in die Vergangenheit zurück reist Heimatforscher Ferdinand Steffan und beschäftigt sich mit der Karfreitagsprozessionen in Wasserburg, wo es teilweise grausam zuging.

Wasserburg – Der Münchner Schriftsteller, Historiker und Geistliche Lorenz von Westenrieder (1748 bis 1829) gab im Jahre 1788 den ersten Band seiner „Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie, Statistik und Landwirthschaft samt einer Uebersicht der schönen Literatur“ heraus.

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Darin veröffentlichte er unter den „Historischen Merkwürdigkeiten“ auch einen Auszug aus dem Tagebuch des Wasserburger Patriziers und Handelsmannes Abraham von Kern der Ältere (1563 bis 4.7.1628). In seiner Vorrede bemängelt er, dass die Aufzeichnungen zwischen 1392 und 1579 nur sehr sporadisch und kurz seien. Erst ab dem Zeitpunkt, als Abraham Kern selbst Augen- und Zeitzeuge gewesen sei, werden die Notizen ausführlicher.

Ob Westenrieder alle Aufzeichnungen Kerns wiedergegeben hat, ist unbekannt und kann auch nicht mehr festgestellt werden, da das Tagebuch Kerns als verschollen gilt. Von besonderem lokalgeschichtlichen Interesse sind die Berichte zur Feier der Fastenzeit und Kartage 1624 bis 1626, deren Ausgestaltung eng mit den Kapuzinern zusammenhängt, die sich erst 1622 in der Stadt niedergelassen hatten.

Kapuziner hatten das Predigerrecht

Am 24. August 1622, dem Tag des heiligen Bartholomäus weilten vier Kapuzinerpatres und ihr Provinzial in der Stadt und haben unter Beteiligung vieler Personen ein Kreuz von der St. Jakobs-Pfarrkirche in feierlicher Prozession auf den Anger des verstorbenen Hanns Schrecker getragen und dort aufgestellt, wo ihr Kloster und die Kirche gebaut werden sollten.

Ein Jahr später, am 24. September 1623, erfolgte die Grundsteinlegung durch den Propst Petrus Mittmann von Gars. Von da an, spätestens aber ab 1624 hatten die Kapuziner das Predigerrecht auf der Kanzel von St. Jakob und griffen in die Seelsorge und das religiöse Brauchtum ein.

So erregten am 25. März 1624 in der Frauenkirche sechs „Persohnen (so) auf Anweisung der herrn Capuziner (sich) ofentlich gegaißlet“ großes Aufsehen. Kern vermerkt zu dem ungewöhnlichen Auftritt:„So dem Volck noch selzsam, und vil zugloffen, wenig andacht gewest“, das heißt, dass diese Form der Bußübung in Wasserburg noch unbekannt war. Zwar waren Flagellanten und Geißlergruppen als Formen der Bußübung und sakralen Sündenvergebung in ganz Europa seit dem 12./13. Jahrhundert ebenso bekannt wie umstritten, doch dürften sie bislang in der Stadt keine Rolle gespielt haben.

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Wenige Tage später, am 5. und 6. April (Karfreitag/Karsamstag) „seyn mehr processiones und dißciplinieren (= Bußübungen durch Geißelung) bei Tag und Nacht gehalten (worden), und ein zimbliche Andacht geschechen“, das heißt dass diese Form der österlichen Buße nun akzeptiert war. Mittlerweile waren es schon „an die 21 gaißler“ und ebensoviele „Creutztrager“, die bei den Prozessionen mitzogen. Außerdem fand bei St. Jakob „ein coloquium oder tragedi von Abraham, Isac und etliche Engeln mit den Waffen Christi (= Leidenswerkzeugen)“ statt, worunter man wohl ein Sprechtheater zum Leiden Christi, dem Vorläufer des Wasserburger Passionsspiels sehen darf.

684 Personen nahmen teil

Im folgenden Jahr 1625 hatte sich der Brauch schon soweit eingebürgert, dass in der Fastenzeit „zu Unterschidlichen mahlen zu dem Miserere bey unser lieben Frauen Kirchen“ jeweils 20, 30, 40 oder mehr oder weniger penitenzer (= Büßer)“, wie „gaißler, Ausgespannte Und Creutztrager erschinen, und in beglaittung der herrn Capuciner auß Ihren bewohnten hauß in bedeutte Kirchen herum komen“.

Unter dem „Miserere“ wird man das Beten des Bußpsalmes 51 zu einer bestimmten Tageszeit mit der Gemeinde verstehen müssen. Während die Kreuzträger ein großes Kreuz auf ihren Schultern schleppten, hatten die „Ausgespannten“ nur einen Stock durch die Ärmel ihres Gewandes geschoben haben, auf dem ihre Arme festgebunden waren. Ob die Geißler sich mit nacktem Oberkörper schlugen, sodass Blut floss oder Kleidung anhatten, sodass sie keine ernsthaften Verletzungen davontrugen, wird nicht beschrieben.

An der am Morgen des Karfreitags seit alters üblichen Prozession haben an die 684 Personen teilgenommen. Auch nachts wurde ein Umgang in der Stadt gehalten, bei dem man Passionsszenen darstellte. „Über die 40 Pferdt gebraucht worden, bei wellicher sich vil Flagelanten und Creuzdrager mehr befunden“, vermerkt Abraham von Kern.

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Wie rasch sich diese Form der Bußprozessionen eingebürgert hat, zeigt Kerns Eintrag für das folgende Jahr. In der Fastenzeit 1626 haben sich ab dem Sonntag Reminiscere (= zweiter Fastensonntag) beim Miserere-Gebet in der Frauenkirche an allen Sonn- und Feiertagen „penitenzer mit Creutztrage(r)n Gaisle(r)n und außgespanter erzaigt auf 1 mahl je 30. 40 Persohnen“.

An der nächtlichen Karfreitagsprozession mit Figuren und Pferdegespannen nahmen „51 flagelanten, acht außgespant(e) und 42 (die das) Schwere Creutz getragen“ teil. „Auch die Officier von Adl und die des Rats (sind) gevolget“, das heißt, auch die Oberschicht der Stadt beteiligte sich jetzt daran. Beim Umzug am Osterabend (= Karsamstag) wurden lebende Bilder wie „Abraham und Isac“, die schmerzhafte Muttergottes („Unser Frau mit dem Schwerdt in der Brust“), die drei Marien oder die heilige Veronica dargestellt, „denen mehr 35 flagelanten, 40 Creutzträger Nachgangen“.

Glockenton signalisierte die Sperrzeit

Kern überliefert auch, mit welch drastischen Mitteln die Kapuziner bei ihren Predigten die Bußfertigkeit der Gläubigen zu wecken suchten. Die Predigt des P. Stephan vom 6. März muss ihn so beeindruckt haben, dass er das Wesentliche festgehalten hat: Um die Existenz und die Qual des Fegefeuers zu untermauern, hat er von „der Canzel ein schwarze abconterfette Handt herabgezaigt und vermelt dem Volckh“, dass ein Bauer in Altheim, Grafschaft Burgau, zum Beweis der Pein, die er im Fegfeuer leidet, „diese Gstalt der schwarzen Hand“ einem Schneider mit einem Donnerstreich „in ein Stuel geschlagen“ und seine Qualen auch stimmlich verkündet habe. Um die Aktualität dieses „himmlischen“ Zeichens zu unterstreichen, gibt Kern noch an, dass sich dies 1625, also vor einem Jahr, ereignet habe. Welche Wirkung diese drastische Kapuzinerpredigt hatte, ist nicht überliefert.

Kritisch äußert sich Abraham Kern aber auch zu Neuerungen. So hatte man am 18. April 1625 erstmal begonnen, „die gewönlich Hoßaus Gloggen vor dem Ave Maria für ain Spörglogkhen zu leuthen“ und befohlen, dass danach alle Mesner gleichzeitig „Gebeth leuthen sollen“. Es war bislang der Brauch, mit einer bestimmten Glocke „den Hus auszuläuten“, nun sollte dieser Glockenton gleichzeitig die Sperrzeit signalisieren. Kern meint dazu, dass „man nur wider zu Bueßung des Fürwiz etwas Neues habe und aufbring, dadurch die löblich alten Stattbreuch abgethan werden.“

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Leider schließen die Aufzeichnungen des Abraham von Kern mit dem 6. Januar 1628, als er beim Kirchgang einen Schwächeanfall erlitt und am 4. Juli des gleichen Jahres verstarb. Die wenigen Abschnitte, die sich mit dem kirchlichen Leben in der Stadt beschäftigen, zeigen, wie es während der Fastenzeit und in den Kartagen in Wasserburg vor knapp 400 Jahren zuging. Prozessionen mit Geißlern und Kreuzträgern fanden bis ins 18. Jahrhundert weiterhin an vielen Orten statt, so auch in Gars, und sind heute noch Bestandteil bei Umzügen in Spanien, Portugal, Südamerika oder auf den Philippinen. In Bayern und Salzburg wurden sie 1770 verboten. Für Salzburg haben sich in der Kuenburg-Sammlung von Kostüm- und Trachtenbildern einige Darstellungen erhalten, die einen Eindruck solcher Prozessionen vermitteln.

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