Gastronomen in und um Wasserburg werden erfinderisch nach dem Corona-Lockdown

Wirt Peter Fichterhat die Terrasse des Stechl Kellers in eine Orangerie verwandelt. Die vielen Früchten freuen ihn – die Sorgen bleiben.
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Wirt Peter Fichterhat die Terrasse des Stechl Kellers in eine Orangerie verwandelt. Die vielen Früchten freuen ihn – die Sorgen bleiben.
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  • Heike Duczek
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  • Andrea Klemm
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  • Winfried Weithofer
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  • Christa Auer

Am Montag, 18. Mai, dürfen endlich auch die Gaststätten wieder öffnen – zuerst nur ihre Terrassen und Biergärten, in einer Woche dann auch die Innenräume. Doch die strengen Hygieneregeln und viele Auflagen erschweren den Neustart.

Wasserburg/Reichertsheim/Amerang – Deshalb ist die Stimmung in der Gastronomie im Wasserburger Land nach wie vor getrübt. Vorfreude sieht anders aus.

Der Stechl Keller in Wasserburg

Peter Fichter hat seine Terrasse am Stechl Keller in eine Orangerie verwandelt. Seit Tagen ziehen der Orangen-, Zitronen- und Granatapfelbaum, natürliche Abstandshalter aus Fichters Wohnung auf der Burg, die Blicke der Passanten auf sich. Ein kleines Paradies am geschäftigen Marienplatz, doch der Hobbybotaniker Fichter fühlt sich als Wirt eher der Hölle nah. Die Auflagen zur Wiedereröffnung sind so hoch, dass er draußen wie drinnen nur etwa ein Drittel der sonst möglichen Gäste bewirten kann. „So ist es unmöglich, Geld zu verdienen“, bedauert Fichter angesichts der Tatsache, dass viele Fixkosten etwa für Strom, Gas, Wasser und Personal gleich bleiben. Er hat außerdem investieren müssen: in Desinfektionsmittel und Spender, in Mundschutz, Plexiglasscheiben und neue Speisekarten, die mit einer abwaschbaren Folie überzogen sind oder – kontaktlos – über einen QR-Code mit dem Handy eingelesen werden können.

Jakob Hastreiter, Inhaber des Queens, hat Ihrer Königlichen Hoheit ebenfalls einen Mund-Nase-Schutz aufgesetzt.

Dass er die siebenwöchige Schließung überlebt hat, verdankt er auch seinem Verpächter, der ihm die Pacht erlassen habe. Die Soforthilfen hat Fichter nach eigenen Angaben an sein Personal weitergegeben, die meisten sind bei ihm fest angestellt.

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Der Wasserburger Gastronom hätte gerne noch zwei Wochen gewartet – und dann „normal aufgemacht“. Doch jetzt darf er schon heute wieder starten – und macht mit, obwohl ihm vor allem die Abstandsregeln Kopfzerbrechen bereiten. „Servieren auf 1,5 Meter Abstand: Da bekommen wir alle in den nächsten Tagen extrem lange Arme“, sagt er. Auch kochen mit Mundschutz nach seinen Erfahrungen bei 60 Grad Umgebungstemperatur am Herd „eine Katastrophe“.

Was Fichter ebenfalls umtreibt, ist die Tatsache, dass er von allen Gästen die Kontaktdaten erfassen muss – damit mögliche Infektionsketten nachverfolgt werden können. Die Gäste müssen sich anmelden – spontaner Besuch? Fehlanzeige. Und das Personal muss die Einhaltung der Regeln überwachen – ebenfalls eine neue Aufgabenstellung.

Wirt Alois Grasser vom Ameranger Gasthaus Suraner ist skeptisch, ob sich auf Abstand eine richtige Biergartenatmosphäre einstellen wird. Und ob die Hygieneregeln eingehalten werden.

Eine Besuchergruppe würde der Wirt am liebsten gar nicht erst reinlassen: „Politiker müssen draußen bleiben.“ Fichter fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. „Wir sind die Gastgeber Deutschlands, wir repräsentieren dieses Land. Und wir sind der zweitgrößte Arbeitgeber. Trotzdem hat man uns komplett missachtet in der Corona-Krise“, findet er.

„Wir möchten keine Allmosen, sondern echte Hilfen“, betont Fichter und hat eine Idee: Der Staat könnte rückwirkend zwölf der 19 Prozent der bereits abgeführten Umsatzsteuer zurückzahlen. Das sei eine faire und schnelle Lösung, die all jenen Gastronomen zugute komme, die 2019 fleißig gewesen seien und ehrlich ihre Steuer gezahlt hätten.

„Das Fichters im Grünen“ ist eine aus der Not geborene Idee von Christian Wimmer, Inhaber des Kulturladens. Hier baut er einen Biergartenausschank.

Das Queens in Wasserburg

Jakob Hastreiter, Inhaber der kultigen Wasserburger Wirtschaft „Queens“, will sich bei der Wiedereröffnung strikt an die Vorgaben des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga halten. Er sieht in der Einhaltung der Abstandregeln die größte Herausforderung für sein Lokal. „Das wird ein bisschen schwierig.“ Für 20 bis 30 Gästen könnte er draußen Platz bieten, früher hatten es locker 50 Besucher sein können. Ausdehnen kann sich das Queens kaum, die Straße läuft ziemlich eng am Gebäude vorbei. Auch in der Küche wird Mundschutzpflicht herrschen, weil sie recht klein ist.

Der 28-jährige Hastreiter beschäftigt drei festangestellte Mitarbeiter. Ob er auf weitere Helfer zurückgreift, kann er jetzt noch nicht sagen. „Man muss erstmal schauen, wie es losgeht.“ Durchgehend warme Küche, von 12 bis 20 Uhr, will er anbieten, auch zum Mitnehmen.

Fichters Kulturladen in Ramsau

Das„Fichters“ in Ramsau bei Reichertsheim trifft es besonders hart, weil der Fokus des Kulturladens auf Konzerten und Veranstaltungen liegt. Diese bleiben weiterhin auf unbestimmte Zeit untersagt – eine Katastrophe für das erst im Oktobzz19 eröffnete Lokal. „Wann es damit weitergehen kann, steht in den Sternen; der wirtschaftliche Verlust für uns ist immens, ebenso für die Künstler, mit denen wir in engem Kontakt sind“, sagt Inhaber Christian Wimmer, der 400 000 Euro in den ehemaligen Kramerladen seiner Großmutter gesteckt hat, um ein Zeichen gegen das Wirtshaussterben am Land zu setzen.

Da somit die Haupteinnahmequelle verloren geht, wurden er und sein Team kreativ: Für die Sommermonate initiiert er das „Fichters im Grünen“, einen Biergarten auf der gegenüberliegenden Dorfwiese, „die uns die Raiffeisenbank Haag-Gars-Maitenbeth netterweise spontan verpachtet hat“. Nach der langen Zeit von Social Distancing wegen des Corona-Lockdowns will er so einen Ort schaffen, an dem sich Leute treffen können, die wieder gewonnene Freiheit genießen und soziales Miteinander stattfinden kann – natürlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. „Es wird sich zeigen, ob die Einnahmen die Mehrausgaben für die strengen Auflagen sowie die Neuinvestitionen für den Biergarten abfangen können. Einen Versuch ist es Wert“, bleibt Wimmer optimistisch.

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Das Gasthaus Suraner in Amerang

Mit gemischten Gefühlen sieht die Familie Grasser der bevorstehenden Öffnung der Biergärten entgegen. „Unsere Familie bewirtschaftet das Gasthaus nun schon in dritter Generation und es macht uns große Freude, wenn sich unsere Gäste bei uns wohlfühlen“, sagt Marion Grasser. Ihre große Hoffnung ist, dass das auch trotz strengem Hygienekonzept weiterhin so bleibt.

Die Schließung der Gastwirtschaft mit etwa 140 Plätzen, großem Biergarten und Kegelbahn in den vergangenen acht Wochen, aber auch die bevorstehende Öffnung habe die Familie vor große Herausforderungen gestellt, sagt die Wirtin. Mit Essen zum Abholen an den Wochenenden hat der Familienbetrieb die letzten Wochen einigermaßen überbrückt, doch die finanzielle Einbußen seien beträchtlich. Auch für die rund 20 Mitarbeiter. Die Festangestellten seien in Kurzarbeit, aber die vielen Aushilfen hätten kein Einkommen. Klar sei die Freude beim gesamten Team groß, dass es endlich wieder losgehe, allerdings bereiteten die lange Ungewissheit und die strengen Öffnungsvorkehrungen auch Kopfzerbrechen. „Wann und unter welchen Bedingungen kann geöffnet werden ? Konkrete Informationen darüber habe ich in der Zeitung gelesen“, sagt Grasser. Man habe die Wirte lange im Ungewissen gelassen.

Das verbindliche Hygienekonzept der bayerischen Staatsregierung sei vom 13. Mai. Um die umfangreichen Auflagen zu erfüllen und zum Teil bauliche Veränderungen vorzunehmen, blieben also nur wenige Tage. Mundschutz und Desinfektionsmittel waren schon besorgt, aber Desinfektionsspender und Trennscheiben mussten angebracht und neue Speise- und Getränkekarten angefertigt werden. Die müssen ebenso wie die Tische oder Salz und Pfeffer nach jedem Gast desinfiziert werden. Dafür hätten sich die bisherigen mehrseitigen Mappen als ungeeignet herausgestellt, erklärt die Grasser.

Aus dem gemütlichen Biergarten hat Alois Grasser inzwischen acht der insgesamt 19 Tische entfernt und neu angeordnet. Damit fehlen gut 40 Prozent der Sitzgelegenheiten. Damit werde der Umsatz quasi halbiert, der Personalaufwand bleibe.

In einer Teambesprechung wurden die Mitarbeiter mit allen Vorschriften vertraut gemacht. Schließlich müssen sie die Gäste am Eingang empfangen, nach ihrer Zusammengehörigkeit befragen, zum Tisch begleiten und darauf achten, dass die Gäste nur in erlaubten Tischgemeinschaften zusammensitzen, keine grippeähnlichen Krankheitssymptome aufweisen und Abstand halten. „Vor allem letzteres wird wohl keine leichte Aufgabe, vor allem wenn ein paar Bierchen im Spiel sind“, sagt Marion Grasser und denkt dabei an den Vatertag kurz nach der Öffnung. „Doch gemeinsam mit unseren Gästen und unserm Team werden wir die Herausforderungen schon meistern“, betonen die Grassers.

Siehe auch Berichterstattung über den Sonderweg der Haager Wirte auf Seite 12.

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