Unterricht für Kinder mit geistiger Behinderung

50 Jahre im Dienst am Menschen: Das Franziskushaus in Gars blickt auf seine Geschichte

Die erste Schulleiterin des Franzikushaus Schwester Maria Bonavertura Haslberger am Esstisch mit ihren Schützlingen. Das Bild stammt aus dem Jahr 1972.
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Die erste Schulleiterin des Franzikushaus Schwester Maria Bonavertura Haslberger am Esstisch mit ihren Schützlingen. Das Bild stammt aus dem Jahr 1972.
  • vonBruno Münch
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Ein großes, aber wegen der Corona-Pandemie sehr eingeschränktes Jubiläum feierte das Franziskushaus und das heutige „Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung“: Vor 50 Jahren begann der Unterricht für Kinder mit geistiger Behinderung.

Gars – In der Trägerschaft der Franziskanerinnen von Au am Inn wurden vor 50 Jahren 22 Kinder aufgeteilt in zwei Klassen in einem neu geschaffenen 5-Tage-Heim untergebracht. Heute werden in der Schule rund 150 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, 90 von ihnen besuchen am Nachmittag die Heilpädagogische Tagesstätte.

Ein angegliedertes Heilpädagogisches Kinderheim mit durchgängiger Betreuung bietet Platz für 34 Kinder und Jugendliche. Außerdem werden durch das „Franziskanerhaus“ Landkreisweit etwa 500 Kinder von etwas mehr als 300 Fachkräften in sieben eigenständigen Einrichtungen betreut.

Die Franzikanerinnen erkannten die Zeichen der Zeit

„In den 1960er Jahren gab es die bundesweite Elternvereinigung Lebenshilfe, die auf fachkundige Förderung von Kindern mit einer geistigen Behinderung drängte“, erzählt Schwester Brigitta, Franziskanerin und in den Anfangsjahren Sonderschullehrerin in Au im Lehrerzimmer der Schule.. Bis dahin habe man diese Kinder in Hilfsschulen betreut oder sie sogar ohne Unterricht zu Hause gelassen,

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Die Franziskanerinnen hätten damals die Zeichen der Zeit erkannt und daher mit dem Aufbau einer „Sonderschule für Geistigbehinderte“ begonnen, bestätigt Thomas Meier, seit 1999 Schulleiter in Au.

Eine moderne Einrichtung stellt sicher, dass die Kinder individuell betreut werden können.

Inklusion und Kooperation mit Regelschulen steht im Vordergrund

„Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Aufgaben sehr verändert und erweitert“, stellt er fest. So stehen heute neben der erzieherischen und unterrichtlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf auch die Themen wie Inklusion und Kooperation in den Regelschulen vor Ort im Vordergrund. Die dort tätigen Lehrkräfte erhalten durch einen „Mobilen sonderpädagogischen Dienst“ (MSD) Hilfestellungen im Unterricht, die die „Inklusion“ von Kindern mit Behinderungen in Regelschulen zum Ziel haben. Entsprechende Beratung und Unterstützung gibt es auch für Regelkindergärten vor Ort in Form einer „Mobilen Sonderpädagogischen Hilfe“ (MSH).

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Schwester Birgitta kommt auf die Grundidee der Behindertenarbeit zu sprechen und stellt heraus, dass es den Franziskanerinnen von Anfang an wichtig gewesen sei, vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes jedes einzelne behinderte Kind zu sehen und ihm bessere Entwicklungsmöglichkeiten zu geben.

„Franziksushaus„ erschließt immer neue Aufgabenfelder

Schulleiter Meier stimmt ihr zu und führt aus, dass dieser Zielsetzung heute durch eine individualisierte Förderung gut Rechnung getragen werden könne. Die in der Schule vorhandene gute Ausstattung mit personellen, räumlichen und sachlichen Ressourcen ermögliche es, einen auf die Bedürfnisse der einzelnen Schülerinnen und Schüler abgestimmten Unterricht anzubieten, der von einfachen, lebenspraktischen Angeboten für schwerbehinderte Kinder bis hin zum Umgang mit modernsten Lernmitteln und digitalen Medien reiche.

Zusammenfassend stellt Geschäftsführer Richard Voglmaier fest, dass die Institution „Franziskushaus“ heute thematisch viel breiter aufgestellt sei, als in den Anfängen und dass man sich auch in Zukunft den Herausforderungen stellen und immer wieder neue Aufgabenfelder und Themengebiete erschließen wolle.

Auch Architektur hat sich angepasst

Von dieser Aussage kann sich der Besucher auch in der Architektur des „Franzikushaus“ überzeugen. In den letzten 50 Jahren wurde eine ganze Anzahl von neu errichteten oder umgewidmeten Gebäuden gebaut, die den notwendigen Raum für die vielfältigen Möglichkeiten der Bildung und Erziehung bieten, welche das Förderzentrum für die jungen Menschen heute bereithält.

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Im neuen Jahr soll in Anbetracht der in diesem Jahr coronabedingt entfallenen Feierlichkeiten zumindest in einem festlichen Gottesdienst in der Klosterkirche des Jubiläums gedacht werden.

Das Franziskushaus von den Anfängen bis heute

Das Franzikushaus fördert seit 50 Jahren Kinder mit geistiger Behinderung.

1970: Gründung der „Privaten Sonderschule der Franziskanerinnen für geistig Behinderte“ mit 5-Tage-Heim mit der ersten Schulleiterin Schwester Maria Bonaventura Haslberger

ab 1972: Beginn der schulvorbereitenden Einrichtung (SVE)

ab 1977: Beginn der Frühförderung für behinderte und von Behinderung bedrohte Kinder im gesamten Landkreis

ab 1979: Aufbau einer heilpädagogischen Tagesstätte zur Betreuung der Kinder am Nachmittag

ab 1980: Einführung der Berufsschulstufe

ab 1994: Einführung des integrativen Kindergartens in Au; Umbenennung in die Franziskus-von-Assisi Schule: „Schule zur individuellen Lebensbewältigung“

1997: Gesamteinrichtung erhält den Namen „Franzikushaus Au am Inn“

2003: Umbenennung der Schule in das „Förderzentrum mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“

ab 2005 Eröffnung einer heilpädagogischen Kindertagesstätte in Waldkraiburg

ab 2011 Eröffnung des neuen heilpädagogischen Kinderheimes in Au

2013: Übernahme des Gemeindekindergartens Gars und Reichertsheim

2018: Eröffnung des Familienstützpunkt Gars – Reichertsheim

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