Gabriele Beck aus Wasserburg: Ein Leben für den Zauber der Kunst

Liebt schöne Dinge: Gabriele Beck hat zu Hause natürlich österlich dekoriert. Weithofer
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Liebt schöne Dinge: Gabriele Beck hat zu Hause natürlich österlich dekoriert. Weithofer

Die Kunst war der Wasserburgerin in die Wiege gelegt: Ihr Vater war Kirchenmaler, ihre Mutter fertigte Puppen. Von Kunst, da ist sich Gabi Beck sicher, gehe Trost aus, und sie wirke heilend.

Von Winfried Weithofer

Wasserburg – „Tragen stolz das Ränzchen, lustig weht das Schwänzchen“: Auf einer Kommode steht die Tafel mit dem Spruch, der an den Bilderbuchklassiker „Die Häschenschule“ erinnert, und gleich daneben tummeln sich ein paar Stoffhasen, umrahmt von Tulpen, Palmkätzchenzweigen und bemalten Ostereiern. Dieses lustige Ensemble hat Gabriele Beck im Flur aufgebaut, und der Gast merkt gleich: Hier betritt er eine andere Welt – eine Welt, die nicht von kühler, funktionaler Sachlichkeit geprägt ist, sondern vom Zauber durch Bilder, Figuren und alte Möbel. Sie vermitteln ein Gefühl der Wärme, die auch der spürt, der für Volkskunst sonst nicht viel übrig hat.

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Wie schafft es Gabriele Beck, die Menschen davon zu überzeugen, dass Kunst etwas Schönes ist? „Sie müssen nur recht hinschauen. Erst mit der Beobachtung entsteht im Herzen das, was einem gefällt. Nur dann kann man einen Geschmack entwickeln.“ Ein Satz, der überzeugt. Schon als Kind hat sie die Faszination erfahren, die von Kunst ausgeht. Und ihr begnadeter Vater, ein Kirchenmaler, hat sie inspiriert. Von ihm stammen zum Beispiel prächtige Darstellungen von einem Schiffszug auf dem Inn – eine ist im Rathaus zu sehen. Ein Schiffszug ziert als atemberaubendes Fresko auch eine Wand im Innenhof des Hauses in der Färbergasse. Die Mutter war ebenfalls eine Künstlerin, sie brachte die Familie in der Zeit über die Runden, als ihr Mann in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war: „Sie hat Pupperl aus Stoff gemacht, Engerl und auch Prinzessinnen, die sie im München im Haus der Kunst verkauft hat.“ Und auch Gabis Schwester hatte ein Talent für Kunst: „Wunderbare Krippen hat sie gemacht“, erinnert sich Gabi Beck. Die Liebe zu schönen Dingen – das hat sie ihren Eltern zu verdanken.

In ihrem Wohnzimmer reiht sich ein Schatz an den anderen: Ein Heiligengemälde, eine alte Uhr mit zwei Gewichten, eine Engelsfigur, diverse Klosterarbeiten mit bunten Glassteinen, eine Muttergottes, ein weißes Kreuz in einem dunklen Bilderrahmen, geschnitzt vom Vater, der in der Gefangenschaft ein Messer aus einer Patrone gefertigt hat. Ein Blickfang ist auch der reich verzierte Bauernschrank in Marmorrot und die Madonna mit dem geneigten Haupt als Hochstickerei. Alles fügt sich auf geniale Weise zusammen.

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Die Katholikin Gabriele Beck glaubt an Wunder. „Ja, sehr sogar“, sagt sie. „Wunder gibt es. Ich habe das Gefühl, dass immer von irgendwoher Hilfe kommt, wenn es einem schlecht geht.“ Nur zu gut erinnert sie sich an die letzten Worte ihrer Mutter, die zu ihr sagte: „Ja, meinst Du denn, ich lass Dich allein?“ Von Kunst, da ist sich Gabi Beck sicher, gehe Trost aus, und sie wirke heilend.

Zur Schule gegangen ist Beck im Institut der Englischen Fräulein in Wasserburg, nach der mittleren Reife war sie Angestellte bei den Stadtwerken, 27 Jahre lang. Mit 33 Jahren hat sie geheiratet – ihr Mann ist gebürtiger Passauer: „Er ist den Inn heraufgeschwommen“, sagt sie und lächelt ihn an. In Springlbach bei Forsting baute das Paar ein Haus, doch familiäre Verpflichtungen – die Eltern wurden pflegebedürftig, auch die an Krebs erkrankte Schwester – führten dazu, dass sie in Wasserburg bleiben musste.

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Als Ruheständlerin widmete sie sich immer intensiver ihrem Hobby und unterrichtete in den Volkshochschulen in Grafing, Wasserburg und Ebersberg Handarbeitstechniken, die in Vergessenheit zu geraten drohten. Im Heimatmuseum restaurierte sie Riegelhauben und andere Textilien, präsentierte Ausstellungen. Die „Spitzen- und Stickereien-Ausstellung“ geriet zum Publikumsrenner, sie dürften etwa 2500 Besucher gesehen haben, schreibt die Wasserburger Zeitung 1986.

Seit 2009 stattet Gabriele Beck die Burg von Wasserburg alljährlich mit einer 2,40 Meter großen Krippe aus. Die 30 Zentimeter hohen handmodellierten, mit alten Stoffen bekleideten Figuren – 30 an der Zahl - gefallen den Heimbewohnern, „die Patienten haben ihre helle Freude“, sagt sie stolz. Das Modellieren von Köpfen macht ihr besonders viel Spaß. „Da mache ich Gesichter, die freundlich sind oder traurig, die fangen zu leben an in der Hand, das ist fast unheimlich.“ Gabriele Beck lässt sich eben gerne verzaubern.

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Nach dem Eintritt in den Ruhestand eröffnete sie in der Färbergasse einen Laden („Heimatwerk“), verkaufte unter anderem Wasserburger Dirndl aus zweiter Hand. Mit der Erfinderin des Wasserburger Dirndls, Karoline Glasl, war Gabriele Beck eng befreundet. Im Angebot hatte sie im eigenen Laden auch altes Geschirr und Gemälde von Wasserburger Malern, die sie in Kommission nahm.

„Ich habe so viele nette Leute kennengelernt“, sagt sie rückblickend auf die sechs Jahre ihrer Zeit im Laden. Gerne wurde sie von Hauseigentümern eingeladen, in Dachböden nach alten Objekten zu stöbern. Auch Urlaubsreisen standen für sie im Zeichen der Kunst – mit einer Humanisten-Gruppe aus Rosenheim ging es immer wieder nach Italien. „Ich schau mir zu gern die Kirchen an, informiere mich über die Stilrichtungen.“ Ein Leben ohne Kunst – nein, das wäre für Gabriele Beck nicht vorstellbar.

Steckbrief

Name: Gabriele Beck

Geburtsjahr: 14. Oktober 1939

Geburtsort: Wasserburg

Beruf: Verwaltungsangestellte

Kurz und bündig

Was gibt Ihrem Leben Sinn?

Gebraucht werden. Mein Mann und ich – wir brauchen uns.

Was können Sie nicht ausstehen?

Dass die alten Werte nicht mehr so geschätzt werden.

Was würden Sie gerne noch einmal tun?

Modellieren.

Wann sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Das passiert, wenn ich mir zu viel vornehme und nicht mehr alles schaffe.

Was lesen Sie gerne?

Geschichtliches über Apulien.

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