Frauennotruf hilft in Wasserburg und Rosenheim Mädchen und Frauen, die von Gewalt bedroht sind

Räumliche Enge und Finanznot während des Corona-Lockdowns führten zu mehr häuslicher Gewalt.
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Räumliche Enge und Finanznot während des Corona-Lockdowns führten zu mehr häuslicher Gewalt.

Während des Corona-Lockdowns sind die Fälle häuslicher Gewalt gestiegen. „Frauen, die wir bis dato betreut hatten, waren nicht mehr erreichbar und durch den Lockdown komplett isoliert. Das war eine sehr schwere Zeit“, sagt Gudrun Gallin vom „Frauen- und Mädchen Notruf Rosenheim“, der auch in Wasserburg Beratungstermine anbietet.

Von Andrea Tretner und Andrea Klemm

Wasserburg/Rosenheim – Während des Corona-Lockdowns sind die Fälle häuslicher Gewalt gestiegen. Die Corona-Quarantäne und auch die Finanznot sind Risikofaktoren für Frauen und Kinder – in den eigenen vier Wänden. Mehrere deutschlandweiten Umfragen und Studien wurden dazu veröffentlicht, unter anderem von der Deutschen Presse-Agentur. „Zu Beginn des Lockdowns sind die Zahlen erst einmal zurück gegangen“, sagt Gudrun Gallin vom „Frauen- und Mädchen Notruf Rosenheim e. V.“, der auch für Wasserburg zuständig ist. „Viele Männer waren im Home-Office und die von Gewalt betroffenen Frauen konnten daheim nicht mehr sicher telefonieren oder unbemerkt rausgehen, um uns anzurufen“, so Gallin.

Mit den Lockerungen seien auch die Anfragen wieder gestiegen.

„Frauen waren komplett isoliert daheim“

Schwierig sei für das Beratungsteam gewesen, dass man Frauen, die man schon länger betreut hatte, nicht mehr erreichen konnte. „Sie gingen nicht mehr ans Telefon oder drückten uns weg – aus Angst. Und sie waren komplett isoliert“, so Gallin. Sie spricht von einer schwierigen Zeit und zitiert Familienministerin Franziska Giffey, die sagte, es dürfe nicht noch einmal einen kompletten Lockdown geben, „wo alles zu hat“. Auch Kinder, die nicht mehr in die Kita oder Schule können, seien ausgeliefert, so Gallin. Und dann auch für andere Fachstellen nicht mehr erreichbar, etwa für die Jugendamt, wie sie wisse.

Beratungszeiten flexibler angepasst

Im Zuge der Corona-Lockerungen habe die Beratungsstelle ihre Zeiten dann flexibler angepasst und Abendtermine oder frühe Morgentermine angeboten. „Die Zahlen sind mit Corona nicht enorm gestiegen. Aber wir haben gut zu tun. 2019 wurden in Stadt und Landkreis Rosenheim 202 Beratungen für Frauen und Mädchen, die Gewalt erfahren haben, durchgeführt. 26 Prozent der Frauen haben Migrationshintergrund und acht Prozent haben eine Behinderung. Heuer rechnet man mit 230 bis 260 Fällen.

Auf Wunsch Termin im Bürgerbahnhof in Wasserburg

Zwar gibt es in Wasserburg kein festes Angebot für Frauen und Mädchen in Not. Der „Frauen- und Mädchen Notruf Rosenheim e. V.“ kommt auf Abruf hierher, genauer gesagt in den Bürgerbahnhof. „Da gibt es einen großen Tagungsraum und man kann Einzelgespräche mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen durchführen“, so Gallin

Sigrid Kratochvil hat im Mai die Beratungsstelle in Rosenheim übernommen und ist ebenfalls zuständig für den Wasserburger Raum. Frauen dürfen sich aussuchen, ob die Beraterin nach Wasserburg kommt oder, wenn jemand Angst hat in Wasserburg gesehen zu werden, könnten die Hilfesuchenden jederzeit in Rosenheim dort vor Ort zum Notruf kommen. Auch Telefonieren oder erst einmal eine Mail schreiben, können ein Weg sein.

Denn es ist nicht immer einfach, für die von Gewalt betroffenen gleich den direkten Kontakt anzutreten. „Manchmal, gerade bei sehr lang zurückliegendem Missbrauch, haben die Frauen oft nur so ein unbestimmtes Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt“. Und hier ist es dann meist leichter, anfangs ein wenig Distanz zu halten, haben die Frauen doch oft große Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Verständlich, denn meist zweifeln sie an ihren eigenen Gefühlen, trauen ihren Empfindungen nicht. Zusammen mit den Beraterinnen, die eine Trauma-Pädagogische Zusatzausbildung haben, wird dann versucht, die Gefühle „aufzuschlüsseln, um damit besser umgehen zu können“.

Lange Wartezeit auf einen Therapieplatz

Hier sieht sich die Beratungsstelle durchaus als Ergänzung zu einer Therapie, zumal es mehr als schwierig ist, einen Therapieplatz zu bekommen, sind doch die Wartezeiten hier bis zu eineinhalb Jahre lang.

„Es geht viel um Stabilisierung“, erklärt Kratochvil, „viele Frauen und Mädchen haben erst einmal einen Schock, wenn ihnen das, was ihnen passiert ist, bewusst wird“.

Das Klientel der Beratungsstelle ist ganz unterschiedlich, es beginnt bei jungen Frauen, die nach dem Discobesuch missbraucht worden sind, bis hin zur 50- bis 60-jährigen Frau, die sich jetzt erst an den Missbrauch aus der Kindheit erinnert.

Durch die flächendeckende Wohnungsnot nehmen zum Beispiel Gewalttaten drastisch zu. Würden bei verfügbarem Wohnraum sich die Paare einfach trennen, müssen sie jetzt oft zusammen ausharren. „Das ist eine gigantische Not der Frauen“, so die Leiterin der Betreuungsstelle.

Finanzielle Abhängigkeit der Frauen

Zusätzlich kommen hier noch finanzielle Existenzängste dazu, werden doch Frauen in Gewaltbeziehungen oft dazu genötigt nicht zu arbeiten, so, ohne eigenem Geld, kann sie der Partner oder Ehemann besser unter Kontrolle behalten. „Die Wohnungsnot“, so klärt Kratochvil auf, „ist natürlich für beide Seiten schlimm, aber wir stehen eben klar auf der Seite der Frau“. Selbst, wenn die Frau halbtags arbeiten geht, quält sie doch die meist die berechtigte Frage: Wer vermietet mir denn eine Wohnung als Halbtagskraft?

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Gewalt kann nicht nur körperlicher, sexueller oder psychischer Natur sein, die Beratungsstelle spricht hier auch von einer finanziellen Gewalt.

Diese vier Gewalttypen können alle Frauen treffen, da gibt es keine Unterschiede ob Wasserburg oder Rosenheim, ob Stadt oder Land, es sind überall dieselben Themen, dieselben Nöte, weiß die Beraterin.

In den vergangenen Jahren ist ein steigender Migrationsanteil in den Beratungsfällen zu beobachten. „Frauen aus anderen, fremden Kulturen merken hier sehr schnell, dass sie auch Rechte haben“, dass es hier anders ist, als „zu Hause“.

Diese Frauen kommen oft über Umwege zum Frauen- und Mädchennotruf. Meist sind es Behörden oder die ehrenamtlichen Helfer, die Hinweise geben.

Geht es zu Hause nicht mehr, ist dort Leib und Leben bedroht, eventuell auch das der Kinder, so steht in Rosenheim das Frauenhaus zur Verfügung, allerdings nur mit begrenzten Möglichkeiten. Sind dort die Zimmer besetzt, „suchen wir bayernweit oder sogar deutschlandweit, bis wir etwas finden“. Plätze in Frauenhäusern gibt es immer noch zu wenige.

Zehn Jahre war Sigrid Kratochvil in der Migrationsbetreuung tätig, da legt man sich „ein dickes Fell an“. „Ich dachte, ich hab schon alles erlebt, aber die vergangenen Monate hier im Frauennotruf haben mich eines besseren belehrt“. Die jüngsten Erfahrungen haben die 40-jährige durchaus verändert, will sie abends jetzt keine Probleme mehr hören und achtet sehr auf ihre Selbstfürsorge. Dass die in sozialen Berufen lebensnotwendig ist, zeigen die hohen Burnout-Zahlen in diesem Berufsfeld. „Das Zwischenmenschliche, was tagtäglich hinter der nächsten Haustüre geschieht, kann einen durchaus beeindrucken“. Und natürlich wie Männer heute immer noch mit Frauen umgehen, trotz Emanzipation, #meToo und etwa Gleichstellungsbeauftragten.

„Allzu gerne einfach nicht hinsehen“

Es sei ein gesellschaftliches Problem, „wo wir nur allzu gerne nicht hinsehen“. Und trotz all dieser Schwierigkeiten und auch Belastungen fühlt sich Sigrid Kratochvil am richtigen Platz. „Ich gehe in dieser Arbeit auf, empfinde sie als richtig und sinnvoll und vor allem ist es eine Stimme für die Schwachen“.

Termine auch in Wasserburg möglich

Um die erlebten Dinge gut zu verarbeiten achten die Mitarbeiter der Beratungsstelle auf gute Supervision. Sie besprechen die Fälle in der Gruppe oder im Einzelgespräch, damit nicht zu viel an Erlebtem mit nach Hause genommen wird.

Jede Frau oder jedes Mädchen, welches sich in irgendeiner Weise bedroht oder missbraucht fühlt, darf sich rund um die Uhr beim Frauen- und Mädchennotruf unter folgender Nummer melden: 08031/268888. Falls der Anrufbeantworter angeht, wird zeitnah zurückgerufen. Termine sind in Wasserburg oder Rosenheim möglich. www.frauennotruf-ro.de

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