Vor Gericht: Frau aus Wasserburg beteuert, Cannabis „gegen Schmerzen“ angebaut zu haben

Das Schöffengericht Rosenheim verurteilte eine drogensüchtige Frau und ihren ebenfalls drogensüchtigen, erwachsenen Sohn aus Wasserburg zu einer Bewährungsstrafe.
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Das Schöffengericht Rosenheim verurteilte eine drogensüchtige Frau und ihren ebenfalls drogensüchtigen, erwachsenen Sohn aus Wasserburg zu einer Bewährungsstrafe.
  • vonTheo Auer
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Eine drogen- und schmerzmittelabhängige Frau (60) aus Wasserburg und ihr ebenfalls süchtiger, erwachsener Sohn (28) mussten sich wegen Drogenbesitzes vor dem Schöffengericht Rosenheim verantworten. Sie hatte Gras angebaut, weil sie damit, eigenen Angaben zufolge, ihre Schmerzen bekämpfen wollte. Das Gericht verhängte eine Bewährungsstrafe.

Wasserburg/Rosenheim – Mutter (60) und Sohn (28) sind beide drogenabhängig und Hartz-IV-Empfänger. Vor dem Schöffengericht mussten sie die Wasserburger wegen Drogenbesitzes verantworten.

Die Mutter, eine gelernte Hotelfachfrau, war zwischen 1996 und 2014 alkoholabhängig, erkrankte dann an einer Lungenentzündung und erlitt dabei einen septischen Schock. Im Anschluss war sie komatös, woraus sich nach langwieriger Behandlung eine Polyneuropathie (dauerhafte Schmerzzustände) entwickelte. Diese Schmerzen versuchte sie, neben diversen Medikamenten mit Cannabis zu bekämpfen.

Frau leidet unter Psychosen

Der Sohn der Alleinerziehenden geriet ebenfalls in dieses Fahrwasser. Er ist mehrfacher Schulabbrecher, ohne abgeschlossene Ausbildung, bereits 2012 psychotisch erkrankt und wird deshalb im InnSalzach Klinikum behandelt. Dort hat er auch einen Alkohol-Entzug erlebt. Inzwischen ist er, wie die Mutter, von Diazepam abhängig.

Am 7. Oktober 2017 versuchten sie, sich beim Krankenhaus in Wasserburg das starke Schmerzmittel „LyricaR“ und Neuroleptika zu beschaffen. Auf dem Weg dorthin mit dem Auto, ging ihnen das Benzin aus, der Wagen blieb liegen und eine Polizeistreife kam dazu.

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Die Beamten stellt fest, dass sie sich „drogenauffällig“ verhielten. Und dass die Frau Cannabis in der Tasche hatte.

Während der Sohn wieder nach Hause gehen durfte, wurde die Mutter zur Polizeiinspektion verbracht. Nachdem sie die Personalien der Frau festgestellt hatten, fragen sich die Frau, ob sie „wegen der Drogen eine Nachschau in deren Wohnung halten dürfen. Sie erklärte sich einverstanden. Dort angekommen fanden die Beamten in fast allen Räumen Cannabis. Auch zum Trocknen ausgelegtes. Die Herkunft der Pflanzen versuchte die Angeklagte mit „zufälligen Funden am Innufer“ zu erklären.

Gras selbst angebaut

Später beim Ermittlungsrichter gestand sie, dass sie aus Kostengründen „das Gras“ in einer Waldlichtung angebaut und diese erst kürzlich geerntet hatte. Deshalb seien diese auch zum Trocknen in der Wohnung ausgelegt gewesen. Allerdings seien die Pflanzen ausschließlich zu ihrem Eigenkonsum bestimmt gewesen. Sie hätten zu ihrer Schmerztherapie gehört. Ihr Sohn habe mit der ganzen Sache nichts zu tun.

Das war wenig glaubhaft, denn die Untersuchung der Haarproben des Sohnes ergab, dass diese voller THC-Rückstände waren, was einen heftigen Drogenkonsum belegte.

In der Wohnung fanden sich insgesamt etwa ein Kilogramm Cannabispflanzen. Diese waren zwar größtenteils von geringer Drogenqualität. Dennoch wurde ein Drogengehalt von über 36 Gramm THC gemessen, was weit über die juristisch sogenannte „geringe Menge“ hinaus ging.

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Da war die zweite Anklage gegen die Frau nahezu geringfügig. Am 27. Dezember 2018 war sie beim Schwarzfahren in der Bahn erwischt worden. Und anstatt den Zug – wie gefordert – zu verlassen, weigerte sie sich und beleidigte das Kontrollpersonal und auch die hinzugerufenen Polizisten aufs Heftigste.

Mit über zwei Promille Alkohol im Blut war es kein Wunder, dass sie sich an diesen Vorfall nicht erinnern konnte. Ihr Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Markus Frank erklärte für seine Mandantin, dass sie bei allen Vorwürfen geständig sei. Anders der Anwalt des Sohnes. Rechtsanwalt Dr Andreas Michel erklärte, dass sein Mandant keinerlei Erklärung abgebe.

Dr. Josef Eberl, Psychiater und forensischer Gutachter aus dem InnSalzach Klinikum bestätigte, dass die Mutter durchaus an den genannten Schmerzzuständen leiden könne. Allerdings zog er in Zweifel, dass der Cannabisgenuss tatsächlich eine so hohe Linderung verschaffen könne wie das die intensiven Schmerzmittel leisten, die die Angeklagte zu sich nehme. Zweifelsohne, so der Gutachter, unterliegen Mutter und Sohn einer ausgeprägten Polytoximanie – was bedeutet, dass sie von verschiedenen Drogen Gebrauch machen.

Keine Erfolgsaussichten bei Therapie

Bei beiden Angeklagten sei es nicht ausschließbar, dass sie zur Tatzeit nur eingeschränkt schuldfähig gewesen seien. Einen „Maßregelvollzug“, also eine Therapie in einer geschlossenen Anstalt auf Kosten des Staates konnte er jedoch nicht befürworten, weil er dafür keine ausreichenden Erfolgsaussichten erkennen konnte.

Die Staatsanwältin konnte keine positive Sozialprognose für die Zukunft von Mutter und Sohn erkennen. Obschon dies die erste Verurteilung von Beiden sei, schien es ihr unmöglich, dass die Strafen zur Bewährung ausgesetzt werden könnten. Sie beantragte, gegen die Mutter 19 Monate und gegen den Sohn 18 Monate Haft zu verhängen. Bei der Mutter schlügen die Beleidigungen nach der Schwarzfahrt zusätzlich zu Buche.

Rechtsanwalt Dr. Frank gab zu bedenken, dass es im Wesentlichen die chronischen Schmerzen gewesen seien, die seine Mandantin zu ihren Fehlern bewegt hätten. Er hielt eine Haftstrafe von 13 Monaten für angemessen, die zur Bewährung auszusetzen sei.

Beide nach Berlin umgezogen

Rechtsanwalt Dr. Michel hielt es für völlig unbewiesen, dass sein Mandant ebenfalls Besitzer und Nutzer der aufgefundenen Drogen gewesen sei. Er beantragte Freispruch.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Stefan Tillmann hatte keine Zweifel, dass Mutter und Sohn Besitzer und Nutzer des Cannabis gewesen seien. Deshalb wurde sie zu 16 Monaten, der Sohn zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Als Ersttäter kamen sie dennoch in den Genuss einer Bewährungschance.

Mutter und Sohn sind zwischenzeitig nach Berlin umgezogen wo sie in einem Obdachlosenheim leben sollen.

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