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Rüstungswettlauf im Kalten Krieg

Flugabwehrraketen-Stellung jetzt ein Treffpunkt der Jugend: Die Hawks von Kirchdorf

Die einstige FlaRak, Flugabwehrraketenstation, bei Kirchdorf. Das Areal wird heute nicht mehr von Soldaten bewacht, sondern von Wachhunden des Unternehmers, dem das Gelände seit 20 Jahren gehört.
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Die einstige FlaRak, Flugabwehrraketenstation, bei Kirchdorf. Das Areal wird heute nicht mehr von Soldaten bewacht, sondern von Wachhunden des Unternehmers, dem das Gelände seit 20 Jahren gehört.
  • VonLudwig Meindl
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Vor 40 Jahren errichtete die Nato in Berg eine Station für Flugabwehrraketen. Groß war der Protest aus der Bevölkerung gegen die Hawks. Heute ist der Aussichtspunkt ein Treffplatz für die Jugend.

Kirchdorf/Haag –Der Kalte Krieg war noch im Gange: Die „Stellung bei Haag“ gehörte zum Flugraketenbataillon Lenggries 33. Die 4. Batterie war damals hierher verlegt worden. Die gute Rundumsicht waren ein wichtiger Grund, diesen Standort zu wählen.

Demonstration macht überregional Schlagzeilen

Der laute Protest der Bauern führte zur 1. großen Demonstration. Für Bürgermeister Christoph Greißl von Kirchdorf entwickelte sich die mittlerweile integrierte Anlage zum Vorteil (siehe Infokasten).

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So viel Aufmerksamkeit hatten die Kirchdorfer seit dem mittelalterlichen Bauernaufstand nicht mehr erlebt. Ihr Protest Anfang der 1980er machte auch in überregionalen Medien Schlagzeilen, verhallte jedoch erfolglos gegen die strategischen Ziele der Nato, die an diesem zentralen Aussichtspunkt die mobilen Flugabwehrraketen des Typs Hawk einrichtete.

Soldaten rund um die Uhr einsatzbereit

Rund um die Uhr mussten die Soldaten einsatzbereit sein, um den Betrieb sicherzustellen. Hawk ist ein amerikanisches Waffensystem und bedeutet „Homing all-the-way Killer“, was in etwa mit „ständig zielender Mörder“ übersetzt werden kann (Anm. d. Red.).

Typisches Bild: ein Turm der Station

Auf 80.000 Quadratmetern wurden 5 Radartürme errichtet, Unterstände, 2 große Betonbunker, Gräben und Wälle. Die Türme dienten der Steuerung der Hawk-Raketen. Die Raketen waren auf einem Startgerät (eine Art Anhänger) befestigt und konnten im Verteidigungsfall von den Stellplätzen abgeschossen werden.

Bis 1996 mobile Verteidigungsbasis

Die Anlage wurde durch einen Maschendrahtzaun geschützt. Für die Unterkunft diente ein längeres Gebäude. 1981 rollten die Bagger an, im Oktober 1983 konnte der Betrieb der Stellung aufgenommen werden. Die Stellung wurde bis 1996 als mobile Verteidigungsbasis genutzt.

2011 gelang unserem Mitarbeiter Karlheinz Günster ein Blicks in Innere der Gebäude. (2) Günster

Eine freundschaftliche Beziehung zu den diensttuenden Soldaten, unter anderen auch Major Pleban, knüpften die Haager Kriegskameradschaft, Bürgermeister Hermann Dumbs und Robert Scherzer für den Verschönerungsverein. Sie trafen sich am Heiligabend jährlich zum Gespräch mit kleinen Geschenken für die Wache über Weihnachten.

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Noch heute erinnern die markanten Türme an die einstige militärische Funktion. Die Zäune patrouillieren aber keine Soldaten mehr, sondern Hunde, die das Areal bewachen.

Jetzt ein Depot für den Abschleppdienst

Vor knapp 20 Jahren richtete Karl Unterhaslberger hier ein Depot für den Abschleppdienst ein, um Fahrzeuge sicherzustellen. Er hatte das Areal von der Bundesvermögensverwaltung gekauft. Noch einige Jahre zuvor hatte der damalige Kulturchef von Haag, Erwin Kohl, die Idee, die einstige Raketenstation in eine Riesendisko umzuwandeln – doch ihm fehlten die finanziellen Mittel.

Zur Verwirklichung der militärischen Anlage mussten damals 6 Landwirte ihren Grund verkaufen. Das taten sie nicht freiwillig, erst zum Enteignungstermin lenkten sie ein, um einen Mindestbetrag zu retten. Einer, der 11.000 Quadratmeter abgetreten hatte, jammerte danach, man hätte ihm den besten Boden genommen für ein „Trinkgeld“ von 5,90 Mark pro Quadratmeter. Ein weiterer, der Wald abtrat, schimpfte im Zeitungsinterview: „Die haben mich beschissen.“

„Wir sind die ersten, die eine Bombe auf den Kopf bekommen“

Im Gasthof Grainer in Kirchdorf trafen sich die Gegner zur Protestversammlung. Bürgermeister Josef Lechner beteuerte: „Ich habe an die Regierung von Oberbayern appelliert, um den Bau zu verhindern.“ Keiner hörte ihn an, die Landesverteidigung hatte Vorrang. In der Bevölkerung munkelte man schon, da drinnen würden Atomsprengköpfe versteckt. Aus sei es mit der idyllischen Ruhe des ländlichen Dorfes: „Jetzt sind wir Angriffsziel“, befürchtete einer der Protestierer.

Sein Nebenmann bestätigte: „Wir sind die ersten, die eine Bombe auf den Kopf bekommen.“

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Kirchdorf war in seinen Wahlergebnissen Jahrzehnte eine schwarze Hochburg für die CSU. In ihrer Verzweiflung wagten sie nun einen politischen Schritt, der ihnen im Normallfall nie abgerungen worden wäre: Sie wandten sich an die Grünen.

Bürgermeister Lechner schrieb im Auftrag seiner Bürger an den „Grünen“-Geschäftsführer in Mühldorf. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Partei einschalten würden.“ Der überlegte bürokratische Schritte. So kam es zur ersten großen Demonstration zwischen Haag und Kirchdorf. Mit Fahnen und Transparenten fuhren die Protestierenden von weitum an und marschierten von Haag aus über Stürzlham auf den Hügel der Raketenstation. Da rümpften die Bauern wiederum die Nase. Einer kommentierte: „So a Mordsgaudi hätt’ma a ned braucht!“

Bürgermeister: Gemeinde wird Eingrünung aufwerten

Für Bürgermeister Christoph Greißl von Kirchdorf entwickelte sich die mittlerweile integrierte Anlage zum Vorteil:

„Die ehemalige Raketenstellung in Kirchdorf kennen viele Bürger noch aus ihrer aktiven Zeit als Hawk-Stellung, in der sie durchaus mehr Einfluss auf ihre Umgebung und Bevölkerung genommen hat.“ Mittlerweile würden die alten Gebäude und ihre ursprüngliche Aufgabe mit den gelben Abschlepp-Lkw in Verbindung gebracht, die regelmäßig in der Umgebung anzutreffen sind.

Daneben sei der Aussichtspunkt ein Treffplatz für die Jugend geworden. „Die jüngeren Generationen nutzen vor allem die hervorragende Lage, um sich an schönen Tagen bei Sonnenschein und Bergblick die Zeit zu vertreiben“, so Bürgermeister Christoph Greißl.

Die Gemeinde werde in naher Zukunft einen Teil der Eingrünung um das Gelände etwas aufwerten, um den Spaziergängern etwas mehr Erholungswert bieten zu können und vielleicht auch mit dem einen oder anderen Blick durch den Zaun die damalige Zeit kurz Revue passieren zu lassen.

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