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„De Buaschn“ verändern ein Dorf

15 junge Flüchtlinge aus Eritrea in Winden bei Haag: Die Geschichte einer geglückten Integration

Aufgrund des Dublinverfahrens musste Miki, einer der „Buaschn“, nach Italien ausreisen. Matthias Kurzmaier begleitete ihn, dieses Foto ist dort entstanden. Es ist eine von vielen Geschichten, die der Asylhelfer zu erzählen hat.privat
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Aufgrund des Dublinverfahrens musste Miki, einer der „Buaschn“, nach Italien ausreisen. Matthias Kurzmaier begleitete ihn, dieses Foto ist dort entstanden. Es ist eine von vielen Geschichten, die der Asylhelfer zu erzählen hat.
  • Sophia Huber
    VonSophia Huber
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2015 nahm Winden, ein Ortsteil von Haag, 15 junge Eritreer auf. Sechs Jahre später haben alle eine Ausbildungs- beziehungsweise Arbeitsstelle. Matthias Kurzmaier, Mitbegründer des Helferkreises, blickt zurück auf die Höhen und Tiefen im Integrationsprozess.

Haag – Eine Wohnung im Wasserburger Land. Zwei Männer verstecken sich in einer viel zu kleinen Gästetoilette. Einer stammt aus Haag, der andere aus Eritrea. Es hat an der Tür geklingelt. Zollbeamte. Der Mann aus Eritrea – von allen nur „Miki“ genannt – zittert. Sein Status in Deutschland ist unsicher. Die Arbeitserlaubnis hat er vor Wochen verloren. Schließlich, nach mehreren Minuten, gehen die Beamten. Die Männer auf der Gästetoilette atmen auf.

Die Beamten werden nicht wieder kommen und Miki wird seine Arbeitserlaubnis zurückerhalten, auch dank des Engagements von Matthias Kurzmaier, der sich mit ihm in der Toilette versteckt hat.

15 junge Eritreer wohnen seit 2015 im Dorf

Kurzmaier ist Malermeister und stammt aus Winden, einem Ortsteil von Haag. 2015 hat er dort den Helferkreis mitbegründet. Inzwischen haben alle von „de Buaschn“, wie die 15 jungen Männer aus Eritrea im Dorf genannt werden, einen Arbeitsvertrag. Der Letzte startet im September in die Ausbildung.

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„Es ist eine Geschichte von gelungener Integration“, sagt Kurzmaier, „mit all ihren Höhen und Tiefen.“ Oder zumindest ist es ein Zwischenschritt, an dem es sich lohnt, zurückzublicken, denn eigentlich ist Kurzmaier der Überzeugung, dass Integration nicht endet.

Bei Miki drohte die Abschiebung

Miki arbeitet bei ihm in der Firma, ist inzwischen ausgelernt und darf sich Facharbeiter im Malerhandwerk nennen. Aufgrund des Dublinverfahrens hatte der junge Mann seine Arbeitserlaubnis zwischenzeitlich verloren. Er war 2013 auf Lampedusa angekommen und war in Italien registriert worden.

Sogar einen anerkannten Asylantrag hatte er. Doch nach einem Jahr unter unmenschlichen Lebensbedingungen zog es ihn weiter nach Deutschland. Er landete in Winden, begann bei Kurzmaier zu arbeiten. Doch schließlich drohte die richterliche Abschiebung.

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Der Ausbilder diskutierte für ihn mit den Behörden. Schließlich flogen sie gemeinsam nach Italien. Eine freiwillige Ausreise sei die einzige Möglichkeit gewesen, erklärt Kurzmaier. Dort angekommen debattierte er weiter. Eine nervenaufreibende Angelegenheit. Das Schlimmste aber, sagt er, seien die vielen Stunden Wartezeit gewesen. Alltag für die Geflüchteten, doch für Kurzmaier eine neue Erfahrung. „Ich habe mir das bis dahin auch nicht vorstellen können.“

Matthias Kurzmaier, Mitbegründer des Helferkreis

Schlussendlich musste Miki drei Monate in Italien verbringen, bis sein Verfahren durch die italienische Bürokratie gegangen war. Kurzmaier und der Helferkreis standen ihm zur Seite. Sie zahlten das Hotel.

Die Vorurteile haben abgenommen

„De Buaschn“ haben Winden verändert, davon ist Kurzmaier überzeugt. Die Angst und Vorurteile, welche ihn in der Bürgerversammlung 2015, als über die Asylunterkunft diskutiert wurde, gezwungen hatten, aufzustehen „und was zu sagen“, hätten abgenommen.

„Als das Landratsamt den Vertrag mit dem Heim aufgekündigt hat, war die Frage im Dorf: Aber was ist mit den Buaschn? Die können uns doch de Buam nicht wegnehmen.“ Die Besitzer des Hauses gingen schließlich mit jedem der Eritreer einen eigenen Mietvertrag ein. „Die meinten, das funktioniert so gut, dann machen wir das halt so.“

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Aber es war auch nicht immer einfach mit der Integration. Kurzmaier will das gar nicht schön reden. Mülltrennung, Ordnung halten, das sei zum Beispiel immer wieder ein Problem gewesen. Des Öfteren wurde Kurzmaier von seinen Buam – nicht immer freundlich gemeint – als „großer Bruder“ bezeichnet, weil er so streng und unnachgiebig in diesen Punkten war.

Auch die gut gemeinte Anmeldung zum Laufteam des Sportvereins stellte sich später als Fehler heraus. Denn die Buaschn wollten lieber Fußball spielen, mit dem Laufen verbanden sie zu viele Erinnerungen an Eritrea, wo sie oft um ihr Leben rennen mussten.

„Die Politik würde ich nicht noch mal unterstützen“

Es waren emotionale sechs Jahre, auch für Kurzmaier. Er hat viele Geschichten zu erzählen und nicht alle von ihnen haben ein glückliches Ende. Eines Tages plant er sogar, ein Buch darüber zu schreiben.

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Doch trotz allem: Er würde es wieder tun. „Wenn wir noch einmal 2015 hätten“, sagt er, „ich würde wieder vor den Flüchtlingen stehen und helfen.“ Das sei ihm einfach ein Bedürfnis. Nur die damalige Politik würde er nicht noch mal unterstützen. „Wir müssen in den Ländern vor Ort helfen und etwas bewegen“, sagt er, „Wir können nicht alle aufnehmen. Das schaffen wir nicht.“

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