Ich und Corona

Familienmanagerin aus Wasserburg sagt: „Die Ausnahme ist unsere neue Normalität“

Eine der wenigen Freuden im Corona-Winter: Schlittenfahren.
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Eine der wenigen Freuden im Corona-Winter: Schlittenfahren.

Wie lebt es sich als Familienmanagerin im zweiten Lockdown? Wie läuft der Alltag zwischen Homeoffice und Homeschooling? Eine Wasserburger Mutter hat ihre Gedanken dazu aufgeschrieben. Sie möchte, um ihr Privatleben zu schützen, anonym bleiben. Doch ihre Eindrücke teilen viele Familien im Corona-Winter.

Wasserburg – „Das Haus vibriert, es brummt und quietscht – der Mann macht Radltraining. Der Sohn sucht fluchend seine Webcam. „Wer war zuletzt in einer Videokonferenz?“ Die Tochter hat sich in ihr Zimmer verkrochen, hört ihre Lieblingsgeschichten von „Figarinos Fahrradladen“. Ich sitze im Büro und arbeite an einem Text. Ein ganz normaler Tag im Jahr zwei der Corona-Pandemie.

Es gibt Tage, da wird alles zu eng

Normal bedeutet auch, dass ich kaum zwischen Wochentag und Wochenende zu unterscheiden vermag. Die Zeit verschwimmt, die Tage verlaufen ähnlich. Manche Dinge sind geblieben, manche sind neu dazu gekommen. Vieles hat sich verändert.

Die Tochter, jetzt in der zweiten Klasse, zeigt überraschende Medienkompetenz – jetzt, da der Unterricht tatsächlich online stattfindet. Die Lehrerin hat ein tolles „Padlet“ entwickelt. Selbständiges Arbeiten für eine Grundschülerin ist möglich geworden. Der Sohn kommt vom Bildschirm gar nicht mehr weg – zu viel an Unterricht und Sozialkontakten läuft darüber.

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Die Systeme brechen dauernd zusammen, neue werden eingeführt, und wieder komme ich zu dem Schluss, dass Bildungserfolg in Bayern vor allem vom Elternhaus abhängig ist. Das finde ich beschämend. Mein Mann, selbstständig, springt überall ein, kocht, streicht Wände, sieht viele Stunden fern. So bekommt wenigstens einer mit, was in der Welt passiert.

Einerseits bin ich froh, dass es gut läuft. Dass wir gesund sind, auch unsere Omas und Opas. Unsere Arbeitsstellen behalten haben. Dass wir uns mit Garten, Musikinstrumenten und Kreativität die Zeit vertreiben können.

Künstlichen Alltag eingeführt

Dann gibt es Tage, da wird mir alles zu eng. Wenn ich wieder Zahlen verteilen muss, damit die Gespräche nacheinander stattfinden, nicht gleichzeitig. Abends stehe ich alleine vor dem Haus und blicke in die Sterne. Jetzt hätte ich gerne eine Freundin neben mir. Einfach rübergehen, auf einen kurzen Ratsch – das wär‘s jetzt. Doch allein sein tut auch gut. Was ich als Luxus empfinde, ist für andere schmerzhaft, das weiß ich, und werde traurig über mein Genervtsein.

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Als im März 2020 jemand zu mir sagte: „Der Lockdown wird ein Jahr dauern“, wurde mir richtig übel: unvorstellbar damals. Wir führten in der Familie gleich am ersten Tag der Schulschließung einen künstlichen Alltag ein. Wo früher Schule, Arbeit und Hobbys unseren Alltag bestimmten, machten wir das jetzt selbst: Morgens zur gleichen Uhrzeit aufstehen, um 8 Uhr Start von Home-Schooling und Home-Office, Zeiten für Pflichten, Zeiten für Freizeit – strukturiert von (mehr oder weniger) festen Essenszeiten. Voller Elan entwickelten wir alle möglichen Pläne, scheiterten, probierten anderes aus. Oft stand ich in der Küche, die Kinder mit schönem Durcheinander am Küchentisch, ich den Kopfhörer unters Ohr geklemmt, wild im Kochtopf rührend, gedanklich schon wieder beim nächsten Schritt, alles in Eile. Wie lange hält man so etwas aus? Dann kamen der Sommer und die Lockerungen.

Kinder vermissen ihre Freunde

Heute, im zweiten Lockdown sind wir cooler geworden. Als nach den Winterferien die Schulen geschlossen blieben, war das zwar blöd, aber ok. Wir waren vorbereitet: Wir wissen, was zu tun ist. Wir bewältigen und haken ab. Wir diskutieren fleißig am Küchentisch über die Situation. Sind dankbar für Wohlstand und medizinische Versorgung und brutal unzufrieden mit unserem Bildungssystem. Wir sind fröhlich beim Schlittenfahren, Schlittschuhlaufen und Skypen. Vorfreude auf ein Familientreffen an Ostern erlaube ich mir nicht. Wer weiß schon, was im April ist?

Gewachsen an den Schwierigkeiten

Blicke ich auf die Kinder, die so gewachsen sind an all den Schwierigkeiten, bin ich trotzdem hilflos: Man sieht ihnen an, wie sie die Oma vermissen, die Freunde vermissen. Sich nach Gemeinschaft sehnen (ich übrigens auch). Ich kann den Kindern wirklich viel vermitteln, Mut und Lebensfreude. Aber das, was sie wie Luft zum Atmen brauchen, kann ich ihnen nicht geben – und das tut mir weh.“

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