Anerkannte Flüchtlingsfamilie soll aus Wasserburger Unterkunft, findet aber keine neue Wohnung

Bildung und Wohnung sind die Grundsteine für die Integration. Doch Flüchtlinge haben es schwer auf dem Wohnungsmarkt. Zu kämpfen hat auch Familie Nazari. Irene Kränzlein (rechts) vom Helferkreis kümmert sich um die Familie. Ihre Tochter Leni (Dritte von rechts) ist mit der Roghayeh (Vierte von rechts) befreundet. Muter Soghara (links) und Vater Ahmad hoffen auf eine Lösung, die es ihnen und ihren Kindern ermöglicht, in Wasserburg zu bleiben.
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Bildung und Wohnung sind die Grundsteine für die Integration. Doch Flüchtlinge haben es schwer auf dem Wohnungsmarkt. Zu kämpfen hat auch Familie Nazari. Irene Kränzlein (rechts) vom Helferkreis kümmert sich um die Familie. Ihre Tochter Leni (Dritte von rechts) ist mit der Roghayeh (Vierte von rechts) befreundet. Muter Soghara (links) und Vater Ahmad hoffen auf eine Lösung, die es ihnen und ihren Kindern ermöglicht, in Wasserburg zu bleiben.
  • vonKarheinz Rieger
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Die afghanische Familie Nazari, deren Mitglieder als Asylbewerber anerkannt sind, wohnt bislang in einer Unterkunft des Landkreises in Wasserburg – als Fehlbeleger, weil sie keine Wohnung auf dem freien Markt findet. Jetzt soll die Unterkunft renoviert werden, die Familie muss ausziehen. Aber wohin?

Wasserburg – Seit Januar 2016 wohnt Familie Nazari aus Afghanistan in Wasserburg. Vor zweieinhalb Jahren sind die aus Kundus stammenden Geflüchteten als Asylbewerber anerkannt worden. Seither sind sie mangels anderer Wohnmöglichkeiten geduldete Fehlbeleger in einer Unterkunft des Landkreises

Jetzt müssen sie ausziehen, da alle Räume renoviert werden sollen. Eine mittlere Katastrophe für die fünfköpfige Familie, die sich in der Vergangenheit bereits mehrfach vergeblich um eine Wohnung im Stadtbereich beworben hatte.

Helferkreis sucht eine Wohnung

Zwei kleine Zimmer mit Gemeinschaftsküche und -bad bewohnen Ahmad und seine Frau Soghara derzeit mit ihren Kindern Roghayeh (6), Amirabas (5) und dem fünf Monate alten Amirelias. Der Platz in der Mittagsbetreuung der Grundschule für die Tochter und der Vorschul-Kindergartenplatz für den älteren Sohn ab September waren bereits organisiert, die B2-Deutschprüfung des Vaters steht bevor. Dann vor drei Wochen der Schreck. 

Bescheide aus dem Landratsamt sorgten für Aufregung in der Unterkunft und im Helferkreis, der sich seit viereinhalb Jahren um das Wohl der Familie und das der weiteren Mitbewohner kümmert.

Fehlerhafter Bescheid von der Behörde

Innerhalb von drei Wochen, spätestens zum 23. Juli, hätten alle in anderen dezentralen Unterkünften des Landkreises eine neue Bleibe zu beziehen, hieß es in den ursprünglichen Anschreiben. Der Grund: Renovierungsarbeiten in den von ihnen bewohnten Räumlichkeiten.

Die Nazaris hatten dabei zu allem Überfluss noch einen fehlerhaften Bescheid erhalten, in dem ihr tatsächlicher Status und ihr drittes Kind nicht berücksichtigt worden waren.

Edith Junker und Resi Furch, seit 2016 für das Patenprojekt Asyl unter anderem für die Familie ehrenamtlich aktiv, wollten das so nicht stehen lassen. Sie wandten sich an die zuständigen Stellen in Stadt und Landkreis.

Einen Teilerfolg erzielt

Ein Teilerfolg konnte erzielt werden: Die Umverteilung wurde kurzfristig für alle Betroffenen aufgeschoben. Denn als anerkannte Asylbewerber wohnen nicht nur die Nazaris in der Unterkunft als Fehlbeleger. Intensive Bemühungen der Familie und des Helferkreises, in der Stadt freie Wohnungen aufzutreiben, blieben seither jedoch ohne Erfolg – auch wegen der eng gesetzten Frist von drei Wochen, sagt der Helferkreis.

Vor allem die plötzliche Eile im Landratsamt kann Resi Furch nicht nachvollziehen. Sie hat, wie andere im Helferkreis auch, in den vergangenen vier Jahren eine persönliche Beziehung zu den Bewohnerinnen und Bewohnern aufgebaut, Freundschaften haben sich entwickelt. Die Helfer könnten die Betroffenen nicht einfach so fallen lassen, wie sie sagen.

14-tägigen Aufschub erreicht

Immerhin ist es zwischenzeitlich gelungen, einen 14-tägigen Aufschub zu erreichen, allerdings nur mündlich. Neue schriftliche Bescheide gibt es lediglich für die bisher noch nicht anerkannten Asylbewerber unter den 14 Bewohnern. Die Nazaris gehören nicht zu diesem Personenkreis.

Zwei mündliche Angebote an die Familie auf Verlegung in andere Unterkünfte des Landkreises empfindet der Helferkreis als nicht annehmbar. Für die Mutter Soghara sei der vorgeschlagene Einzug in einen der Container in Babensham keine Option, da ein ärztliches Attest vorliege. Für sie komme eine solche Unterbringung aus gesundheitlichen Gründen nicht in Frage.

Und die angebotene Wohnung in Bad Endorf würde das eigentliche Problem auch nicht lösen, da die Familie in der neuen Landkreisunterkunft auch nur weiter als Fehlbeleger geführt würde – allerdings unter Wegfall der gewohnten Unterstützung des Helferkreises, des Kindergartenplatzes sowie der Möglichkeit für die Tochter, in der Wasserburger Grundschule mit einer Freundin die erste Klasse zu besuchen.

Sanierung in Etappenvorgeschlagen

Resi Furch hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, zumindest für die Nazaris eine Wohnung in Wasserburg zu finden. Sie würde, das betont sie sehr entschieden, nicht mehr im Helferkreis für diese Unterkunft zur Verfügung stehen, sollte das Landratsamt eine komplette Räumung durchziehen und später eine komplette Neubelegung veranlassen. Die Renovierung könnte ihrer Meinung nach auch anders – nach und nach in Etappen – organisiert werden, ohne alle Bewohner zu verlegen.

Das sagt das Landratsamt

Auf Anfrage der Wasserburger Zeitung nimmt das Landratsamt Rosenheim Stellung zu dem Fall:

„Mieter der Unterkunft ist der Freistaat, vertreten durch das Landratsamt. Die Familie ist seit 5. April 2018 anerkannt und seit dieser Zeit Fehlbeleger. Sie weiß seit Anerkennung, dass sie sich eine eigene Wohnung suchen muss. Es ist uns nicht bekannt, wie intensiv sich die Familie um eine Wohnung bemüht hat.

Aufgrund von Schäden durch Nässe und Feuchtigkeit und um weitere Schäden zu vermeiden, ist eine Renovierung notwendig; die Räume im Keller müssen aus vertragsrechtlichen Gründen geräumt werden.

Entgegenkommen vom Landrat

Die Umzüge zwei Wochen zu verschieben, war ein Entgegenkommen von Landrat Otto Lederer. Es wurde einmal eine Fristverlängerung aufgrund des Entgegenkommens des Landrats gewährt. Die Familie erhielt eine Frist bis zum 30. Juli uns mitzuteilen, für welche angebotene Unterkunft sie sich entschieden hat. Ein Bescheid ist noch nicht ergangen, da die Entscheidung der Familie abgewartet wird. Sie erhielt bereits drei Wohnungsangebote.

Wir haben keine freie Unterkunft in Wasserburg, deshalb das Angebot in Bad Endorf. Wir haben kurzfristig durch Wegzug noch eine Unterkunft in Bad Endorf, die wir der Familie aufgrund der gesundheitlichen Probleme der Mutter anbieten werden. Die Familie wäre in einem Drei-Parteienhaus alleine auf einem Stockwerk untergebracht. Es handelt sich aber auch hier um eine Asylunterkunft.

Renovierung in Etappen nicht möglich

Wir haben immer wieder die Situation, dass sowohl Asylbewerberfamilien, als auch Fehlbelegerfamilien aus unterschiedlichen Gründen umziehen müssen. Aus unserer Sicht ist eine Renovierung in Etappen nicht möglich, da verschiedene Bereiche betroffen sind und es keine Ausweichmöglichkeiten im Haus gibt. Die Eile ist geboten, um weitere Schäden zu vermeiden. 

Die Unterkunft konnte durch unsere Hausverwalter corona-bedingt nicht kontrolliert werden. Die Schäden, durch Nässe und Feuchtigkeit verursacht, wurden erst jetzt bekannt. Wir haben keine andere Lösung als die Unterbringung in einer anderen Gemeinde, da wir keine entsprechenden Plätze in Wasserburg haben. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die Ankündigung der Betreuer zur Kenntnis zu nehmen.“

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