GEFAHR IM CORONA-STILLSTAND

Fachleute aus Wasserburg warnen: Legionellen lieben den Lockdown

Besonders beim Duschen können die Legionellen aus dem Trinkwasser gefährlich werden, da sie als Aerosole über die Atmung aufgenommen werden. Trinken und Händewaschen sei dagegen nicht gefährlich, so die Experten.
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Besonders beim Duschen können die Legionellen aus dem Trinkwasser gefährlich werden, da sie als Aerosole über die Atmung aufgenommen werden. Trinken und Händewaschen sei dagegen nicht gefährlich, so die Experten.
  • vonRichard Helm
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Im Corona-Lockdown herrscht in vielen Schulen und Schwimmbädern, Hotels und Freizeitanlagen Grabesruhe – doch in den Wasserleitungen dieser Einrichtungen geht es möglicherweise recht wild zu: Dort herrschen unter Umständen ideale Bedingungen für eine rasante Vermehrung von Krankheitserregern.

Wasserburg /Rott – Wegen Corona sind derzeit viele Schulen und Schwimmbäder, Hotels und Freizeitanlagen geschlossen. In den Gängen dort herrscht Ruhe – doch in den Wasserleitungen dieser Einrichtungen geht es möglicherweise genau deswegen außerordentlich wild zu: Dort könnten derzeit durch den Lockdown ideale Bedingungen für eine rasante Vermehrung der Legionellen entstehen. Die kleinen Umweltkeime, die in geringen Mengen in jedem Süßwasser vorkommen, können in höherer Konzentration durchaus zu ernsten Gesundheitsstörungen führen. Nicht umsonst gibt die deutsche Trinkwasserverordnung eine regelmäßige Untersuchungspflicht auf Legionellen vor.

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Eine, die sich gut auskennt mit den stäbchenförmigen Bakterien, ist die milchwirtschaftliche Laborantin Marianne Mesner. Sie arbeitet seit 40 Jahren im Bereich der Mikrobiologie und entnimmt seit 10 Jahren für das Analytik Institut Rietzler für den Raum Südostbayern Wasserproben, die sie im hauseignen Labor prüfen lässt. Während des wiederholten Lockdowns stellt die Rosenheimer Standortleiterin eine Erhöhung der Legionellen fest.

Keine Probleme an den städtischen Schulen in Wasserburg

Wie sieht die Lage in Wasserburgs Schulen aus, wollte unsere Zeitung von Robert Mayerhofer, dem Leiter des Liegenschaftsamtes Wasserburg, wissen. Er hielt vorsorglich noch einmal Rücksprache mit den Hausmeistern der Grund- und Mittelschule und der Schule in Reitmehring, die auch ein Schulschwimmbad hat. „Bei uns“, so konnte Mayerhofer bestätigen, „gibt es keine Probleme mit Legionellen, weil wir in diesen Einrichtungen die Heizung schon wegen des Frostschutzes nicht ganz runterfahren.“ In den drei Schulen seien sogenannte Legionellenschaltungen angebracht, die das Wasser einmal am Tag auf mindestens 70 Grad Celsius erwärmen und auf diese Weise eine „thermische Desinfektion“ durchführen. „A bisserl aufpassen muss ma scho, das ma ois richtig macht“, gibt er zu bedenken.

Marianne Mesner, Milchwirtschaftliche Laborantin und Standortleiterin Rosenheim beim Analytik Institut Rietzler.

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Rektorin Manuela Strobl von der Schule in Rott ist sich auch der Gefahr der Legionellen-Vermehrung bewusst. Es würden wöchentlich Duschen und Wasserhähne gespült, erklärt sie. Hausmeister Franz Bauer von der Rotter Schule berichtet von der letzten Wasserprüfung im Dezember. Es wurden keine besorgniserregenden Werte festgestellt.

Kurz vor Mitternacht gehen die Duschen wie von Geisterhand an

Für das Badria in Wasserburg gibt Günter Rödel als technischer Leiter fachmännisch Auskunft. Sein Team geht mit Chlordioxid gegen Legionellen vor, und zwar gleich am Boiler. „Davon kommt aus dem Duschkopf nichts raus“, erklärt er.

Zusätzlich sorgt eine automatische Schaltung dafür, dass kurz vor Mitternacht die Duschen wie von Geisterhand für etwa fünf Minuten angehen. „Und im Lockdown spülen wir dann auch noch einmal die Woche zusätzlich alle Wasserleitungen, sämtliche Hähne und Duschen durch, erklärt Rödel weiter.

Im Badria liegen die Messwertefast immer bei Null

Immer im Blick auch das Messgerät, dass ständig die Zahl der Legionellen anzeigt. „Da liegen wir immer weit unter den 100 Einheiten, die im Wasser sein dürfen. Wir sind fast immer bei 0l“, freut sich Rödel, der sich mit seinem Technikteam auch am Wochenende vergewissert, dass im Badria alles reibungslos läuft.

Beinah liebevoll erwähnt er besonders das große Schwimmerbecken, dass vor 40 Jahre erbaut wurde. „Würden wir hier das Wasser auslassen, dann würde der Mörtel, mit dem hier noch gebaut wurde, innerhalb weniger Wochen austrocknen und Risse könnten entstehen.“ Das gilt es zu verhindern. Deshalb bleibt das Becken gefüllt, die Wassertemperatur wurde allerdings auf 15 Grad abgesenkt.

„Und wenn wir dann endlich wieder in Betrieb gehen dürfen, werden zusätzlich noch einmal Wasserproben genommen“, kündigt er an, „damit einem entspannten Badevergnügen nichts im Wege steht.“

Wann wird’s gefährlich?

In der Trinkwasserverordnung ist für Legionellen ein Technischer Maßnahmenwert von 100 koloniebildenden Einheiten je 100 ml festgelegt. Wird bei einer Untersuchung eine Überschreitung dieses Wertes festgestellt, muss vom Labor dies unmittelbar dem zuständigen Gesundheitsamt gemeldet werden. Es kommt zu weiteren Pflichten und technischen Maßnahmen wie einer Gefährdungsanalyse vor Ort bis zu einer eventuell erforderlichen umfassenden Sanierung der Trinkwasser-Installation.

Legionellen lösen beim Menschen zwei unterschiedliche Krankheitsbilder aus:

  • Legionärskrankheit /Legionellen-Pneumonie: Die Legionärskrankheit, oder Legionellen-Pneumonie, ist eine Form der Lungenentzündung. Sie kann sich durch Husten, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, schweres Krankheitsgefühl und hohes Fieber äußern. Dabei kann es auch zu Durchfall oder Verwirrtheitszuständen kommen. Bei korrekter Behandlung bestehen gute Heilungsaussichten.
  • Pontiac-Fieber: Diese Krankheit äußert sich in grippeähnlichen Beschwerden wie Fieber, Unwohlsein, Kopf- und Gliederschmerzen, aber nicht in einer Lungenentzündung. Die Erkrankung heilt meist von selbst innerhalb einer Woche

Vorbeugen ist einfach

Marianne Mesner rät: Bei einer Stilllegung bis zu einer Woche reicht es, die Wasserhähne aufzudrehen, bis es gleichbleibend heiß oder kalt austritt. Sind die Duschen und Waschbecken länger als eine Woche unbenutzt, sollte die Installation intensiv gespült, die Hauseingangsbehälter rückgespült und das Wasservolumen im Wassererhitzer komplett ausgetauscht werden.

Bei dem Spülen der Leitungen ist es ratsam, die Duschköpfe abzumontieren und gleichzeitig an mehreren Stellen das Wasser zuerst heiß und dann kalt fließen zu lassen. Für jeden, der erzogen wurde in Hinsicht auf die Kosten und der Umwelt ja nur kein Wasser zu verschwenden, tut es sicherlich weh, anzusehen, wie das Wasser in großen Mengen nutzlos abfließt. Doch es sind unerlässliche Maßnahmen für die eigene Gesundheit.

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