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NATIONENFEST

Exotisch, bayerisch, fröhlich, 25

„Göttertänzerin“ Eliza Gomez-Wolf war 2017 Zuschauerliebling. Sie ist auch in diesem Jahr wieder dabei. John Cater
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„Göttertänzerin“ Eliza Gomez-Wolf war 2017 Zuschauerliebling. Sie ist auch in diesem Jahr wieder dabei. John Cater

Es ist kein Fest wie jedes andere, geht von ihm doch eine besondere Botschaft aus: Kommt zusammen, Völker dieser Welt! In diesem Jahr findet das Wasserburger Nationenfest zum 25. Mal statt. Ein Rückblick.

Wasserburg – Im Stadtarchiv finden sich jede Menge Dokumente zu der multikulturellen Sause, die 1993 erstmals über die Bühne ging. Den relativ bescheiden gestalteten Flyer zur Premiere hat das Archiv ebenso gespeichert wie Hunderte kleinere und größere Zeitungsartikel in den Folgejahren. Dazu Fotos mit vielen strahlenden Gesichtern, Musikern und Tänzerinnen in bunten Gewändern. Es ist das Fest, das Wasserburg im Frühsommer regelmäßig zum Vibrieren bringt. Fröhliche Atmosphäre, gute Laune, exotische Klänge.

Entstanden ist das Nationenfest als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda, Mölln und Solingen Anfang der 90er-Jahre – Tausende Wasserburger beteiligten sich damals an spontanen, stillen Protesten und Lichterketten. Ein starkes, solidarisches Zeichen gegen Ausländerhass sollte gesetzt werden. Und dabei sollte es nicht bleiben. Der damalige Freundeskreis Lichterkette widmete sich von nun an mit großem Engagement der Aufgabe, alljährlich Menschen aus 40 und später noch mehr Nationen, heute sind es über 90, zu einem vergnügten Treffen in der Stadt zu versammeln.

Entstanden ist das Nationenfest als Reaktion auf die fremdenfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda, Mölln und Solingen Anfang der 90er-Jahre

Die Wasserburger nahmen es dankend an, strömten in Scharen in die Altstadt. Der Chronist hielt in seinem Bericht am 22. Mai 1995 fest: „Besonders die Stände, die leibliche Genüsse boten, zogen die Gäste magisch an, man probierte sich durch spanische Paella, indische Pakoras, Falafel, türkisches Kebap, französisch-deutsche Crêpes, griechisches Gyros oder bayerische Spezialitäten.“ Nur verleidete damals der Dauerregen vielen Wasserburgern den Besuch.

Auch ein Jahr später, 1996, trieb ein Schauer die Besucher unter die Dächer und Arkaden. Von einem eher gemütlichen als rauschenden Fest wurde berichtet. Nach der vierten Auflage aber galt es schon beinahe als Selbstläufer. 1997 („heuer mit Wetterglück“) folgte der Durchbruch, wenn man der Berichterstatterin glauben mag: „Dieses Mal besaß das Fest genügend bescheidenen Charme, um seinen größeren Brüdern, dem Weinfest und dem Nachtflohmarkt, mal eine lange Nase zu machen.“

1998 kam erstmals die weltanschauliche Komponente ins Spiel: Der Förderverein Aktionsbündnis RioKonkret stellte die Frage „Wasserburg 2100 – Lust auf Zukunft?“, und rund 50 Künstler reichten 100 Werke mit ihrer Vision eines lebenswerten Wasserburg ein. 1999 rückte dann wieder das Thema, das dem Nationenfest zugrunde liegt, in den Mittelpunkt: Migration. Eine Landkarte wurde präsentiert, auf der die Wurzeln von 42 Hauptschülern dargestellt waren – der eigene Geburtsort, der der Eltern und der Großeltern. „Aus Russland, Frankreich, Italien und Griechenland stammen viele der jetzigen Wasserburger, ein Denkanstoß“, formulierte die Journalistin in ihrem Bericht.

2002 zählte man bereits 10 000 Besucher, die sich beim Fest in der Altstadt zwischen Herrengasse, Hofstatt und Rathaus tummelten. Doch es ging schon damals nicht allein ums Amüsement: Vermehrt wurden politische Aspekte von den Veranstaltern berücksichtigt. So diskutierte der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir mit dem Waginger Bürgermeister Sepp Daxenberger über die Globalisierung. Ein Stand von „Terre des Hommes“ wies auf die Ausbeutung von Kindern hin. Auch ein Gottesdienst kam ins Programm: In mehreren Sprachen hielt Pfarrer Bogdan Piwowarczyk eine Messe in der Jakobskirche. Jahre später gab es einen interreligiösen Andachtskreis.

Im Lauf der Jahre wurde die Berichterstattung über das Fest immer opulenter – ein Hinweis auf dessen wachsende Beliebtheit. 2007 titelte man treffend: „Beim Feiern gibt es keine Fremden“, 2010 lautete eine Schlagzeile: „Platz für alles, außer Vorurteile“ und 2016 „Falafel oder Germknödel“. Ein Zehnjähriger, zum Fest befragt, wurde mit den Worten zitiert: „Weil’s einfach schee is.“ Auch in den Jahren danach sollte dieses Urteil Bestand haben. Denn egal, ob strahlende Sonne oder mieses Wetter – das Fest hat sich längst einen festen Platz im Wasserburger Veranstaltungskalender erobert.

Seit vielen Jahren kümmert sich nicht mehr der Freundeskreis Lichterkette, sondern der Förderverein RioKonkret um die Organisation. „Es ist ein Fest für Junge und Alte, Nachbarn und große Familien, dicke Freunde und alte Bekannte, hohe Tiere und große sowie kleine Grüppchen. Wir wollen Fremdenfeindlichkeit abbauen, Gemeinsamkeiten betonen, kulturelle Vielfalt präsentieren, Integration fördern“, ist auf deren Homepage zu lesen. Die Veranstalter sind stolz darauf, dass man dem Nationenfest nachsagt, „jedes Jahr das mit Abstand schönste und friedlichste Fest in Wasserburg“ zu sein.

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