Erinnerungen an die Wasserburger Hebamme Franziska Oettl: Sie brachte 10.000 Kinder zur Welt:

Von Irene Kristen-Deliano. Wasserburg.

– „Nur selten versammelte sich auf dem Wasserburger Friedhof eine so überaus große Trauergemeinde, wie es bei dem Begräbnis der verstorbenen Hebamme Franziska Oettl der Fall war. Insbesondere Frauen folgten in einem nicht enden wollenden Zug dem Sarg der so früh und schnell aus dem Leben Abberufenen“. So stand es 1968 im Nachruf der Wasserburger Zeitung zur im Alter von erst 54 Jahren verstorbenen Hebamme Franziska Oettl. Viele ältere Wasserburgerinnen und Frauen aus dem Umland denken noch heute, 51 Jahre später, an die Frau, die ihnen in den Stunden ihrer Niederkunft beigestanden und sie umsorgt hat.

Rund um die Uhr für Schwangere im Dienst

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg (1934/36) nahm Franziska Oettl ihren Dienst als Hebamme auf und arbeitete bis zu ihrem Tod 1968. Etwa 10 000 Kinder erblickten mit ihrer Hilfe das Licht der Welt. Sie selbst war Mutter von vier Kindern, die sie in den Anfängen ihres Berufslebens gebar.

Ihre jüngste Tochter erinnert sich im Gespräch an das Leben ihrer Mutter, die für den Beruf vom Land nach Wasserburg in die Ledererzeile gezogen und quasi rund um die Uhr für Schwangere in Bereitschaft war.

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„Telefone gab es nur in ganz wenigen Haushaltungen und so waren es oft weite Wege, um die Hebamme in der Stadt zu erreichen. Da standen dann oft werdende Väter, Angehörige oder Nachbarn vor unserer Tür, um unsere Mutter zur bevorstehenden Geburt zu holen. Manch einem Vater war es auch unangenehm, die Hebamme zu holen, wenn das Kino aus war und man Bekannten über den Weg lief, die auch noch Auskunft wollten, wo man denn des Nachts hin unterwegs sei.

Wenn es eilig war: unterwegs mit dem Moped

Oft fragten wir unsere Mutter, wann sie am Abend heimkomme. `Heute habe sie nur sieben oder acht Wöchnerinnen zu versorgen, hieß es, wenn wenig los war. Das war aber nicht wirklich ein Trost für uns. Die Wöchnerinnen wurden zu Hause morgens und abends von der Hebamme besucht.

Einmal um 6 Uhr in der Früh wurde sie zu einer bevorstehenden Geburt gerufen, es war schon sehr dringlich. Überstürzt schwang sich Mutter auf das kleine Moped. Zugleich war aber eine Musikkapelle in der Stadt zum Weckruf anlässlich einer Feierlichkeit in der Stadt unterwegs. Unsere Mutter ist in der Eile in die Kapelle hineingefahren, Gott sei Dank wurde niemand verletzt und die anschließende Geburt ist auch gut verlaufen.

Mit dem Ruderboot zur Geburt

Ein andermal musste Mutter ins Blaufeld. Es war Nacht, als der werdende Vater vor unserer Tür stand und der Inn hatte Hochwasser. Mit dem Ruderboot haben sie den doch sehr gefährlichen Inn dann überquert. Anderntags erzählte die Mutter von ihrer großen Angst, welche sie während der Überfahrt hatte.

Auch eine Geburt im Auto gab’s damals schon. Sogar unsere Verwandtschaft musste einspringen und eine werdende Mutter mit dem Auto abholen. Es hat arg pressiert, aber trotz allem kam dann das Kind vor der Krankenhaustür zur Welt.

Manchmal hat sie auch unser Vater zu den Entbindungen gefahren. Nicht immer durfte er mit ins Haus und musste deshalb oft stundenlang im Auto in der Kälte auf sie warten, bis die Geburt vorüber war.

Chauffeur der Hebamme hatte keinen Führerschein

War der Vater nicht zur Stelle, sprang ein junger Bursch ein, um unsere Mutter bei Nacht und Nebel zu den Frauen zu fahren, die in den Wehen lagen. Um nicht erkannt zu werden, verkleidete sich der junge Mann. meist mit einem Hut tief ins Gesicht gezogen und einer Joppe mit aufgestelltem Kragen. Er konnte zwar schon gut Auto fahren, hatte aber noch keinen Führerschein. Das war riskant, aber die neuen Erdenbürger hatten Vorrang.

Kinobesuche waren eine Seltenheit und wenn sie doch mal ins Kino ging, konnte es schon sein, dass sie während der Vorstellung herausgerufen wurde, weil sich ein Baby ankündigte.

Egal ob es sich um eine angesehene Geschäftsfrau oder um eine einfache Frau oder Mädchen handelte, es wurde kein Unterschied gemacht. Wenn es soweit war, war unsere Mutter zur Stelle.

In Gedanken immer bei den Frauen

Mutter war in Gedanken immer bei ihren Frauen. Sie wägte immer ab, wer sie wohl am schnellsten benötigte. Da dauert‘s noch, aber bei der muss ich beizeiten zur Stelle sein – so dachte sie.“

An einen Satz denkt ihre Tochter oft und muss schmunzeln dabei: „Unsere Mutter wurde auf einen Bauernhof gerufen und es war wohl nicht das erste Kind der Bäuerin. Denn die größeren Kinder meinten: „Immer wenn diese Frau kommt, lässt sie uns ein Kind da“.

Kurier auf dem Rad brachte die Muttermilch

„Ab und zu kamen Babys zu früh zur Welt und wurden in das Kinderkrankenhaus nach Steinhöring verlegt. Damit aber das Kind mit guter Muttermilch versorgt wurde, gab es einen besonderen Kurierdienst. Täglich fuhr ein Schüler mit dem Radl die 21 Kilometer ins Krankenhaus, um dem Baby das Beste zu bringen.“

Damals war es auch noch üblich, dass einige Tage nach der Geburt getauft wurde. Wenn die Frau noch im Wochenbett lag und niemand das „Kirchliche“ organisieren konnte, wurde meine Mutter gebeten, dies zu tun. Eines meiner Geschwister, wer gerade greifbar war, wurde dann zum Pfarrhof und zum Mesner Philipp geschickt mit dem Auftrag: „ An scheena Gruaß von da Mama, übermorgen is a Tauf!“ Hat immer geklappt!“

„Bis in die 60iger des letzten Jahrhunderts waren fast alle Geburten Hausgeburten, erst mit dem Neubau des Krankenhauses in der Burgau (Ende 1964) wurde es leichter für meine Mutter. Ärzte, Säuglingsschwestern und Krankenschwestern unterstützten sie dann bei der Betreuung der Wöchnerinnen und deren Nachwuchs“, erinnert sich die Tochter.

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