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Erinnerungen an den Obinger Pfarrer, der mit dem Motorrad zur Amtseinführung knatterte

Pfarrer Ernst Baier mit seiner geliebten BMW-Isetta
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Pfarrer Ernst Baier mit seiner geliebten BMW-Isetta

Er ist eine Legende: Pfarrer Ernst Baier, der bis 1986 in Obing lebte. Erbstücke aus dem Nachlass spiegeln das Leben eines Geistlichen wider, der unkonventionell wirkte – und unvergessen bleibt.

Obing – Bei einem Besuch bei den Heimatfreunden (Plus-Artikel OVB-Online) übergab Pfarrer im Ruhestand Valentin Tremmel eine Reihe interessanter Erbstücke, die er vom ehemaligen Pfarrer Ernst Baier kurz vor dessen Tod im Jahr 1986 erhalten hatte. „Darunter waren viele Urkunden von Pfarrer Baier und seiner Mutter Clementine, die viel Aufschluss über deren Leben geben“, freut sich Obings Ortsheimatpfleger und Schriftführer der Heimatfreunde, Ludwig Bürger. Die überreichten Unterlagen werden zunächst im Archiv erfasst und sollen später als Grundlage für eine Ausstellung zu Ehren von Pfarrer Baier dienen.

Sohn einer ledigen Hausdame am königlichen Hof

Seine Mutter Clementine Baier (geboren 1880) war Hausdame am königlichen Hof in München, in der Zeit als Prinzregent Luitpold regierte, da König Otto I. regierungsunfähig war. Am 31. Januar 1901 erblickte Ernst das Licht der Welt in Erbach. Der Ort liegt an der bayrisch-württembergischen Grenze, wo die Familie Verwandte hatte. Zur damaligen Zeit war es nicht einfach, als ledige Mutter ein Kind aufzuziehen; vor allem, als Ernst sich entschloss, Pfarrer zu werden, wobei viele Hürden überwunden werden mussten.

Der kleine Ernst war am Hofe gern gesehen

Die jetzt übergebenen Unterlagen zeugen jedoch davon, dass der kleine Ernst am Hofe gern gesehen war: In den Unterlagen sind zahlreiche Bilder aus dem bayerischen Königshaus mit all den Prinzessinnen, Prinzen und Königen, die davon Zeugnis geben, dass der Bub dort gut aufgenommen wurde. Ebenso enthalten sind persönliche Briefe mit dem Königshaus und viele Ansichtskarten, die Mutter Clementine und Sohn Ernst auf zahlreichen Reisen ausgetauscht hatten. Auch das Andenken an die Erste Heilige Kommunion von Ernst am 24. März 1912 in der Pfarrkirche zu Pasing liegt bei.

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Doch, Ernst Baier schaffte es in der Kirche noch weiter: Am 29. Juni 1925 wurde er im Dom zu Freising zum Priester geweiht und trat seine erste Pfarrstelle in Altomünster an.

Pfarrer Baier und seine geschmückte Isetta anlässlich des 60-jährigen Priesterjubiläums.

Im Zweiten Weltkrieg war Pfarrer Baier in einem Lazarett in Ostpreußen als Schreiber eingesetzt, was Briefe an seine Königliche Hoheit belegen. Im Lazarett zelebrierte Pfarrer Baier auch die Notkirche.

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Nach München/Perlach, Haag und Laufen kam er 1947 nach Obing, wo er bis 1969 Pfarrer war und bis zu seinem Tod am 27. Januar 1986 seinen Ruhestand verbrachte.

In Obing wohnte er zunächst zusammen mit seiner Mutter im alten denkmalgeschützten Pfarrhof in Pfaffing, bevor er in das Benefiziatenhaus in Obing umzog, obwohl das neue „greisliche“ Pfarrhaus schon stand.

Sympathisch

22 Jahre wirkte Pfarrer Baier in Obing und weitere 17 Jahre verbrachte er im Ruhestand in Obing. In seine Wirkungszeit fiel auch die puristische Umgestaltung der Obinger Pfarrkirche: Die farbige Ausgestaltung wurde überweißelt, die Kanzel und das Kommuniongitter wurden entfernt. Am 30. Juni 1985 feierte Pfarrer Baier sein 60-jähriges Priesterjubiläum in der Obinger Pfarrkirche.

Bis zu seinem Lebensende wurde er von Pfarrer Tremmel versorgt. Seine eigene Grabstätte hatte Pfarrer Baier schon zu Lebzeiten vorbereitet. Er wollte im Grab seiner Mutter auf dem Friedhof von St. Georg in München-Obermenzing beerdigt werden.

Für sein seelsorgerisches Wirken verlieh ihm die Gemeinde Obing die Ehrenbürgerwürde. Sein offenes Wesen brachte ihm viele Sympathien ein und wenn er mit seinem Dackel spazieren ging oder mit seiner Isetta unterwegs war, nutzte er oft die Gelegenheit zu einem Plausch. Beinahe legendär waren seine Predigten, die sich oft sehr in die Länge zogen.

Anekdoten und Geschichten aus dem Leben des „großen Blonden“

Als Pfarrer Baier nach dem Krieg wieder nach Hause kam, wohnte seine Mutter in Laufen beziehungsweise Freilassing. Der Heimkehrer war absolut verwundert, dass seine Mutter nicht anwesend war, als er zur Tür hereinkam. Er war fest davon ausgegangen, dass sie zuhause auf ihn wartete. Völlig unverständlich für ihn: Sie war beim Einkaufen.

Über den Tod hinaus fühlte sich Pfarrer Baier mit seiner Mutter Clementine verbunden, die ihn als ledige Mutter aufzog.

„Der große Blonde“

Als Pfarrer Baier 1947 seinen Dienst in Obing antreten sollte, erwartete man den zukünftigen Dorfpfarrer, damals am Land ja noch „eine Institution“, am Kirchplatz mit einem richtigen „Empfangskommando“ – Blaskapelle, Bürgermeister, Vereinsabordnungen, Bevölkerung. Alles wartete schon eine Weile etwas angespannt, als plötzlich ein langsam vorbei knatternder Motorradfahrer bei den versammelten „Gemeindegranden“ eher noch Unmut erzeugte, nicht dass der noch den geplanten Ablauf störe.

Jetzt hielt dieser auch noch irgendwo danach an und entledigte sich anscheinend danach ziemlich unauffällig seiner Schutzkleidung: Kappe, Brille, Handschuhe. Erst dann näherte sich der einsame Biker eher unscheinbar der wartenden Ansammlung und fragte wohl bei jemandem nach dem Grund dieses Aufwandes. Schnell musste man erkennen: Genau dieser „große Blonde“ war der Grund, was dann dem neuen Pfarrer eher peinlich gewesen sein soll.

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Zu Pfarrer Baiers Zeiten war es üblich, dass auch die Pfarrer neben den Kaplänen und Kooperatoren den Religionsunterricht in der Schule hielten. Pfarrer Baier unterrichtete überwiegend die großen Klassen und dabei ging es gelegentlich recht lustig zu. Allerdings schaffte er es nicht immer, wieder Ruhe in die Klasse zu bringen. Dann verließ er heftig erzürnt das Klassenzimmer und schlug die Tür hinter sich zu, sodass es im ganzen Schulhaus hörbar war.

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