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Erinnerung an Ingrid Mohrs legendäres „Café Mohr“ in Wasserburg: Promis schleckten dort Eis

32 Jahre lang führte sie zusammen mit ihrem Mann Gerd das Eiscafé in der Salzsenderzeile: Ingrid Mohr.
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32 Jahre lang führte sie zusammen mit ihrem Mann Gerd das Eiscafé in der Salzsenderzeile: Ingrid Mohr.
  • Winfried Weithofer
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Künstler Friedensreich Hundertwasser kehrte gern bei ihr ein, Schauspieler Eddi Arent liebte ihren Erdbeerkuchen: Ingrid Mohr führte mit ihrem Mann bis 1994 ein legendäres Eiscafé in Wasserburg. Wenn sie in Erinnerungen schwelgt, hört jeder gerne zu – auch der Reporter der Wasserburger Zeitung.

Wasserburg – Ob Käsekuchen, Gulaschsuppe oder Eiskugeln: Es war immer göttlich, was Ingrid Mohr servierte. Noch heute schwärmen alteingesessene Wasserburger von ihren Leckereien. Mit ihrem Mann, der vor 18 Jahren starb, hat sie das „Eiscafé Mohr“ in den 60er Jahren gegründet, das 32 Jahre lang seine Kunden verwöhnte. In diesem Jahr, am 2. November, feiert sie ihren 80. Geburtstag – eine charmante Frau mit sympathischer Ausstrahlung und voller Energie, die schnell in Erzähllaune kommt.

Gut gelaunt hinterm Tresen: Das Inhaber-Ehepaar Mohr in den Anfangsjahren.

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In Erinnerungen zu schwelgen, das zaubert ein Lächeln in ihr Gesicht. Für den Besucher hat sie extra Fotos und Zeitungsausschnitte aus früheren Zeiten bereitgelegt.

Sie fühlt sich durch und durch als Wasserburgerin – doch eigentlich stammt Ingrid Mohr aus Sachsen-Anhalt. In ihrer Kindheit fand sie wegen des frühen Todes ihrer Mutter keinen stabilen familiären Halt, schließlich landete sie im August 1955, mit gerade mal 14 Jahren, über Umwege in Solingen. Beruflich stieg sie in der Lebensmittelbranche ein – zuerst als Metzgergehilfin in einem großen Betrieb der Klingenstadt. Bis Ende 1960 blieb sie in Nordrhein-Westfalen, dann wechselte sie nach Frankfurt, um dort berufliche Erfahrungen zu sammeln.

Zum Start sechs Wochen schönes Wetter

An einem Tanzabend im April 1961 lernte sie ihren Mann Gerd kennen, den sie noch im Sommer jenes Jahres heiratete. Ihre Schwiegereltern kannte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht, dazu musste das junge Paar nach Wasserburg fahren. Dort begegnete die junge Ingrid zum ersten Mal den Eltern ihres Mannes, die dort mit einem Eisstand ihren Lebensunterhalt verdienten. Ingrid wurde von einem Tag auf den anderen zur festen Kraft am Stand. Und sie lernte, wie man Eis macht. Auf jeden Fall war die Schwiegertochter hochwillkommen: „Wir haben uns sofort super verstanden“, sagt sie rückblickend über das Verhältnis zu Gerds Eltern.

Eröffnung 1962: Bis 1994 war das Eiscafé ein Publikumsmagnet in Wasserburg..

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Als die Tage kühler und weniger Eiskugeln verlangt wurden, war der Familie rasch klar, auf andere Weise Geld verdienen zu müssen. Ingrid Mohr übernahm einen Job in einer Fabrik in Edling und half samstags zusätzlich bei Metzgerei Maurer in Wasserburg aus, ihr Mann arbeitete bei der Wasserburger Schnapsbrennerei Sigl. „Wir haben dringend Geld gebraucht, wir hatten doch nichts“, erinnert sich Ingrid Mohr an jene schwierigen Monate.

Mit Risikobereitschaft ging es weiter: Ein Kredit wurde aufgenommen, um ein Haus in der Salzsenderzeile 16 zu kaufen, eine ehemalige Krämerei. Zusammen mit dem Zuverdienst – auch den elterlichen Eisstand gab es noch – wurde der Umbau der schmalen Immobilie finanziert. Am 30. Juni 1962 konnte das „Eiscafé Mohr“ mit zwei Dutzend Plätzen eröffnet werden. Der Start verlief optimal: „Wir haben sechs Wochen lang schönes Wetter gehabt. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da los war“, so Ingrid Mohr. In langen Schlangen standen die Kunden, vor allem Schüler, vor dem Geschäft an. Fünf Eiskugeln kosteten gerade mal eine Mark, sechs Geschmacksrichtungen waren im Angebot: Vanille, Banane, Zitrone, Schokolade, Erdbeer und Nuss.

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Der Arbeitsaufwand war enorm: „Ich habe von vier Uhr morgens bis zehn Uhr abends gearbeitet“, erzählt Ingrid Mohr. Im Winter bot sie Gulaschsuppe an – für 1,50 Mark mit Brot. Damit nicht genug: Aus der Backstube kamen leckere Kuchen, der Käsekuchen fand reißenden Absatz: „Am Schluss habe ich pro Tag zehn, zwölf Stück gebacken.“ Zu Weihnachten gab es die beliebten Plätzchen. Auch wenn sie „wie bekloppt“ geschuftet habe, sei es eine schöne Zeit gewesen, schwärmt Ingrid Mohr. „Die Gäste unseres Eiscafés haben immer gesagt: Das ist unser Wohnzimmer.“ Ein Publikumsmagnet.

Komiker Eddi Arent liebte ihren Erdbeerkuchen

Auch der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser (1928 bis 2000) kehrte dort ein. „Er hatte immer einen blauen und einen roten Socken an und war irgendwie lustig“, erinnert sie sich. „Er sagte zu mir: Sie sind immer so richtig schön rund.“ Noch heute muss sie über den Spruch lachen, der, so glaubt sie, damit sein Kunstverständnis zum Ausdruck brachte. Und noch einen weiteren Prominenten lockte es ins Café: Eddi Arent, den berühmten Schauspieler und Komiker. „Der war so nett. Er hat so gerne Erdbeerkuchen bei mir gegessen“, sagt Ingrid Mohr. Zur Stammkundschaft gehörte auch Marie Theres Relin – Tochter von Maria Schell, die lange Jahre in Wasserburg lebte und heute wieder Bürgerin der Stadt ist.

Am 30. November 1994 fiel der Vorhang im Eiscafé. Ein unvergesslicher Tag: Sämtliche Wirte von Wasserburg kamen zum Abschied und brachten Geschenke, was Ingrid Mohr noch heute rührt. Für gute Freunde, und die gibt es in großer Zahl, backt sie bis heute weiter. Auch den legendären Käsekuchen.

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