Erinnern, informieren, mahnen: Wasserburg weiht Denkmal für die NS-Opfer ein

Bürgermeister Michael Kölbl forderte die Gäste der Denkmaleinweihung auf, wachsam zu bleiben. Nathen-Berger

Florian Löw, 55, Georg Krug, 35, Maria Brunner, 34 – drei von 742 Namen, hinter denen ein schreckliches Schicksal steht: Diese Menschen wurden in der NS-Zeit deportiert und ermordet. Das Denkmal, das die Stadt Wasserburg eingeweiht hat, gibt den Opfern ihre Identität zurück.

Wasserburg – Es war ein würdevoller Festakt am Heisererplatz, musikalisch untermalt von der Stadtkapelle, an dem zur Freude von Bürgermeister Michael Kölbl über 200 Gäste teilnahmen – darunter auch Angehörige von Opfern. Helene Leitner, deren Großmutter mit ihrem Namen auf den 62 Stelen des Mahnmals verewigt wurde, berichtete vom Schicksal der Therese Mühlberger.

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 Die junge Mutter und Hebamme, wohnhaft in Reit im Winkl, erkrankte 1932 psychisch und kam 1933 in die Pflege- und Heilanstalt Gabersee, das heutige kbo-Inn-Salzach-Klinikum. Die Krankenakte der Großmutter, die sieben Jahre in Gabersee lebte, füllte nur zehn Seiten. Die Wortwahl des medizischen Personals: abwertend, menschenverachtend. 1940 wurde Therese Mühlberger mit 120 weiteren Patienten in eine andere Anstalt deportiert, wo sie angeblich an einer Lungenentzündung verstarb. Erst 2014 erfuhr die Enkelin vom gewaltsamen Tod der Oma. „Ihr Schicksal erinnert uns daran, was wir Menschen anrichten können“, mahnte die Vertreterin der Gedenkinitiative „Euthanasie“-Opfer beim Festakt eindringlich.

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Er fand am internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit statt – ganz bewusst habe die Arbeitsgruppe des Stadtrates dieses Datum für die Eröffnung gewählt, betonte Bürgermeister Michael Kölbl. Auch der Ort ist eine Aussage: Das Denkmal liegt mitten in der Stadt, zwischen den beiden Kriegerdenkmälern. Ein Statement, das klar macht: Wasserburg stellt sich dem dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte.

Helene Leitner, Opferangehörige.

Das tut die Stadt bereits seit vielen Jahren: durch Forschungsarbeiten, Publikationen, Gedenktafeln. Ein Antrag der Stadtratsfraktion der Grünen im Jahr 2015 brachte eine Opfergruppe in den Fokus, die in Wasserburg eine bedeutende Rolle spielte: Die aus den Pflege-Einrichtungen in Gabersee und Attl deportierten und ermordeten Patienten. 742 Namen hat die Forschung von Stadtarchivar Matthias Haupt und Bezirksarchivar Nikolaus Braun bisher ermittelt. Menschen, die vergast wurden oder in sogenannten Hungerhäusern an Krankheiten und Mangelernährung verstarben. Ihr Todesurteil: angebliche Arbeitsunfähigkeit. 6000 bis 9000 Zwangsarbeiter im Wasserburger Land litten außerdem unter der Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten. Viele weitere Opfergruppen wurden ermittelt – ein Grund, warum das Denkmal an alle erinnert.

Spiegelflächen für die Reflektion mit der Gegenwart

95 Künstler reichten Gestaltungsideen ein, die Jury mit Vertretern der Stadt, des Stadtrates, des Inn-Salzach-Klinikums und der Stiftung Attl soe der Wissenschaft gaben Dagmar Korintenberg und Wolf Kipper den Zuschlag. Ihr Denkmal besteht aus 62 Stelen, die informieren, erinnern, mahnen – und dank gespiegelter Fläche zur Reflektion mit der Gegenwart einladen. Im Innern ist Platz zum Sitzen und Innehalten – ein geschlossener und offenen Ort der Erinnerung, freute sich der Bürgermeister. Diese Gedenkarbeit wird weitergehen, versprach er. Auf den Stelen ist Platz für weitere Namen und für die Forschungsergebnisse zu weiteren Opfergruppen.

Franz Hartl,Vorstand der Stiftung Attl.

Gedenken in der Mitte der Gesellschaft angekommen

„Es tut gut, heute hier zu stehen“, betonte Vizebezirkstagspräsident Rainer Schneider in seinem Grußwort. Das Gedenken sei in Wasserburg in der Mitte der Gesellschaft angekommen, unterstrich er die Tatsache, dass das Mahnmal nicht versteckt, sondern an einem prominenten Platz im Zentrum steht. Erinnerung funktioniere nicht, wenn sie nur in den Archiven stattfinde. Sie müsse verortet werden im pulsierenden gesellschaftlichen Leben. Erinnerung, die die Opfer beim Namen nenne, gebe ihnen die Würde zurück, zeigte sich Schneider überzeugt.

Als Arzt und Psychiater empfinde er Scham angesichts der Geringschätzung, mit der die Mediziner damals psychisch kranken Menschen behandelt hätten, betonte der Ärztliche Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, Professor Dr. Peter Zwanzger. Er bedauerte, dass die Aufarbeitung der Taten aufgrund kurz vor Kriegsende und danach vielfach zerstörter Unterlagen schwierig ist. 542 Namen von Patienten, die deportiert und getötet wurden, konnten trotzdem ermittel werden, betonte Zwanzger.

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Die Forschungsarbeit von Stadtarchiv und Bezirksarchivar Braun hat auch viele Leidenswege von Menschen mit Behinderungen aus der Pflegeanstalt Attl aufgearbeitet. Der Vorstand der Stiftung Attl, Franz Hartl, sprach von strategisch durchgeführten Vernichtungsaktionen, weil menschliches Leben als unwert eingeordnet worden sei. Bis heute sei die echte Teilhabe von Menschen mit Behinderung, gesetzlich zwar festgeschrieben, noch immer keine Selbstverständlichkeit, bedauerte Hartl.

Prof. Dr. Peter Zwanzger, ärztlicher Direktor Inn-Salzach-Klinikum

„Jedes Leben ist lebenswert“, betonten Pfarrerin Cordula Zellfelder und Pfarrer Dr. Paul Schinagl bei der ökumenischen Segnung der Gedenkstätte. Kein Mensch dürfe über das Lebensrecht anderer Menschen bestimmen, appellierten sie. Cordula Zellfelder schlug den Bogen zur Gegenwart und Zukunft: Mit der Möglichkeit, vorgeburtliche Tests durchzuführen, werde die Gefahr eingegangen, über den Wert eines Lebens zu urteilen.

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Zellfelder und Schinagl brachten in den Fürbitten die Hoffnung zum Ausdruck, dass es immer wieder Menschen gebe, die den Mut hätten, aufzustehen und Nein zu sagen, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten werde.

Die deutsche und auch die Wasserburger Geschichte gebe den Auftrag an die nachfolgenden Generationen, wachsam zu sein, betonte Bürgermeister Kölbl. Jeder trage die Verantwortung dafür, dass sich das Geschehene nicht wiederhole. Hin- statt wegsehen, dafür appellierte der Bezirkstags-Vizepräsident. Es gelte, das Böse zu erkennen.

Weitere Berichterstattung folgt.

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