Für eine Haagerin ist der Mundschutz eine seelische Qual, aber eine Ausnahme bekommt sie nicht

Was ist bei der Maskenpflicht höher zu bewerten: Der Selbst- oder der Fremdschutz? I. Günster

Wie viel muss man in Kauf nehmen, um andere zu schützen? Mit dieser Frage ist Irene H. (Name von der Redaktion geändert) nun jeden Tag konfrontiert; seit Bayern die Maskenpflicht in Geschäften und dem Öffentlichen Personennahverkehr eingeführt hat. Sie leidet unter einer Angst- und Panikstörung.

Von Irmi Günster

Haag – Seitdem stößt die 41-jährige Haagerin, die uns ihre Geschichte erzählt hat, ständig an ihre Grenzen.

Sie hat seit Jahren eine Angst- und Panikstörung, leidet zudem an einer neurodermitischen Hauterkrankung, die zumeist an den Händen, manchmal aber auch im Gesicht auftritt, sowie an verschiedenen Allergien. Was hat all das nun mit der Maskenpflicht zu tun? Irene H. muss natürlich einkaufen und zudem mit dem ÖPNV regelmäßig von ihrem Wohnort nach München zu ihrer Arbeitsstelle pendeln. Für beides gilt die Maskenpflicht und beide Situationen sind für Irene H. zur Qual geworden.

Verzweifelt an den Hausarzt gewandt

Zuerst habe sie es mit Masken versucht, diese aber gar nicht aushalten können, erzählt sie, dann mit Tüchern und Schals. Damit sei die Situation zwar etwas besser gewesen, aber immer noch fast unerträglich, vor allem, wenn sie diese längere Zeit, wie während der einstündigen Fahrt von und zur Arbeit überziehen müsse. Sie habe innerhalb kurzer Zeit das Gefühl gehabt, nicht mehr richtig Luft zu bekommen, eine „furchtbare Hitze“ habe sie im Gesicht gespürt, und die Panik habe sich wieder eingestellt; zudem hätte sie noch überall im Gesicht rote Flecken bekommen, schildert sie uns ihre Probleme.

Aufgeben sei keine Option gewesen

In ihrer Verzweiflung habe sie bei ihrem Hausarzt angerufen. Dieser habe ihr angeboten, ein Attest auszustellen, riet ihr aber, zuerst beim Gesundheitsamt anzurufen, weil es dort bestimmt eine Regelung für ähnliche Fälle wie den ihren gebe. Von dieser Stelle habe sie zunächst die Auskunft erhalten, dass „noch keine Regelungen der Maskenpflicht und auch keine Ausnahmeregelungen dazu“ vorlägen, sie möge sich doch bitte an ihren Hausarzt wenden, um sich eine Bescheinigung ausstellen zu lassen.

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Gesagt, getan. Der Hausarzt stellte Irene H. ein ärztliches Attest aus, wonach sie „aus gesundheitlichen Gründen ärztlicherseits keine Atemschutzmasken anwenden soll.“ Da sei sie erst mal erleichtert gewesen, bis sie ihr Arzt darüber aufgeklärt habe, dass juristisch gesehen die Supermärkte und Geschäfte dennoch das Recht hätten, sie nicht hineinzulassen, wenn sie keinen Mund- und Nasenschutz trage und auch die Unternehmen des ÖPNV sie nicht mitnehmen müssten, auch wenn sie das Attest dort vorlege. Zuerst sei sie enttäuscht gewesen und habe sich hilflos gefühlt, und „dann kam die Wut“, so Irene H. „Für jedes noch so kleine Gesetz in Deutschland gibt es Ausnahmeregelungen, aber hierfür nicht“, empört sie sich. Was tun? Aufgeben sei keine Option gewesen, zumal „es bestimmt auch andere chronisch Kranke gibt, die auch Probleme damit haben“, meint sie.

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Also eine erneute Mail an das Gesundheitsamt: Die Anfrage habe er an das übergeordnete und dafür zuständige Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (StMGP) weitergeleitet, kam die Auskunft des zuständigen Sachbearbeiters. Von dessen „AbteilungTaskforce Corona-Pandemie – Stabsstelle Recht“ habe sie dann Antwort erhalten, dass „grundsätzlich die Pflicht“ gelte, „eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen“, und zwar „für alle Personen gleichermaßen, sofern dies nicht aus medizinischen Gründen unmöglich ist. Im Falle einer Kontrolle kann es sicherlich hilfreich sein, dass Frau H. das ärztliche Attest bei sich führt, um die Unmöglichkeit einer Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, glaubhaft zu machen.

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Die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung ist von der Verordnung nicht vorgesehen.“

Damit hatte es Irene H. schwarz auf weiß vorliegen, dass das ärztliche Attest im schlimmsten Fall nichts bringt. Nicht mehr einkaufen ginge ja zur Not noch, das könnte jemand anderer für sie übernehmen, aber nicht mehr zur Arbeit fahren? Das „wäre das Schlimmste“, so Irene H.

Ausnahmeregelung nicht vorgesehen

Sie verstehe nicht, dass eine Regierung eine solch weitreichende Verordnung erlasse ohne jegliche Ausnahmen, dass „auf chronisch Kranke, egal ob psychisch oder physisch, keinerlei Rücksicht genommen wird“ und darüber, dass durch die Maskenpflicht „Alte, Kranke und Schwache vor der Corona-Epidemie geschützt werden sollen, dies aber auf Kosten von anderen Kranken geht“. Hier werde mit „zweierlei Maß gemessen“, ist Irene H. überzeugt.

Erst hilflos, dann wütend

Wie geht es nun weiter für die 41-jährige Sekretärin? Bisher habe sie das Attest nicht genutzt, sondern quäle sich Tag für Tag jeweils zwei Stunden mit Schals herum, um Mund und Nase im Bus zu verhüllen. Warum? Schlimmer sei inzwischen eher, „wie man angeschaut wird, wenn man keine Maske trägt“, als die möglicherweise drohenden rechtlichen Konsequenzen. Dann nämlich werde man „ganz schnell als rücksichtslos“ abgeurteilt, „als jemand, der kein Gefühl für die Schwachen in der Gesellschaft hat, dabei ist man doch selber schwach“, bedauert Irene H.

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