Energie aus der Tiefe für Kraftwerk

Knapp 100 Quadratkilometer groß ist das Untersuchungsgebiet, die Störungszonen sind rot eingezeichnet.
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Knapp 100 Quadratkilometer groß ist das Untersuchungsgebiet, die Störungszonen sind rot eingezeichnet.

Energie fast kostenlos aus der Tiefe: Geothermie ist ein interessanter Faktor in der künftigen Energieversorgung. Im Bereich rund um Wasserburg werden derzeit die Möglichkeiten für ein Kraftwerk untersucht.

Babensham - Seit drei Wochen sind schwere Fahrzeuge im Gemeindegebiet von Babensham, Gars, Unterreit und Schnaitsee auf Straßen und auf Feldern unterwegs, um einen Teil der Erdkruste in vier Kilometer Tiefe zu vermessen. Kaum zu übersehen sind die schweren Maschinen und die vielen, teilweise über Straßen und Wege verlegten Kabel. Bei einem Ortstermin in Babensham stellten die Verantwortlichen nun ihr Projekt in Theorie und Praxis vor. Gesucht wird dabei mehr als 100 Grad heißes Wasser in ausreichender Menge, um damit ein Kraftwerk zu betreiben.

Bei der Untersuchung werden in Rastern zu 500 und 50 Metern durch Geophone in der Erde, die Schallwellen aufgenommen, digitalisiert und an einen Messwagen mit zwei hohen Antennen über Funk weitergeleitet. Dort sitzt unter anderem Thomas Pamula, spricht mit den Fahrern, wiederholt Messungen, falls die Ergebnisse nicht eindeutig sind. Der Wagen ist voll mit hochwertiger Technik, mehrere Sun- und Linux-Computer steuern die Aussendung der Signale an die drei 20 Tonnen schweren vibroseismischen Fahrzeuge und überwachen den Empfang.

Die Frequenzen im Bereich zwischen zehn und 96 Hertz werden in zwölfsekündigen Intervallen abgegeben. Hinzu kommen die GPS-Daten zur exakten Ortsbestimmung. Etwa zwei Sekunden vergehen zwischen Aussenden und Empfang aus vier Kilometern Tiefe, erklärte Geophysiker Dr. Andreas Schuck. Die Schallwellen sind im Bereich der Lastwagen gut zu hören und vor allem zu spüren.

An dieser Millioneninvestition sind mehrere beteiligt. Projektträger ist die "Future Water Engergy (FWE) GmbH" aus Grünwald, dann das Partnerunternehmen "GEOenergie Bayern GmbH", die beiden Investoren "Fröschl Geothermie GmbH" und "Wagner Selection" aus Luxemburg sowie die Dienstleister "IPS Informations- & Planungsservice GmbH" und die Firma "Geofizyka" aus der polnischen Stadt Toru. Das Firmenkonsortium hat bereits an mehreren bayerischen Standorten seismische Untersuchungen und Bohrungen durchgeführt und verfolgt ähnliche Projekte unter anderem in Kirchweihdach, Seebruck und Teisendorf.

Die Nutzung des heißen Wassers gebe es schon sehr lange, erklärte FWE-Geschäftsführer Matthias Hiegl, beispielsweise bei den Thermalbädern. Die Nutzung für eine Stromgewinnung sei jetzt entscheidend vorangekommen, weil man dreidimensionale Untersuchungen durchführen und somit die entscheidenden Bereiche besser lokalisieren könne. Zuvor habe man "viel Glück gebraucht".

Die Chance, in diesem rund 100 Quadratkilometer großen Gebiet in vier Kilometern Tiefe auf ein ausreichendes Heißwasservorkommen zu stoßen, steige damit sehr an. Den nördlichen Teil habe man bereits abgefahren, der Rest komme in den nächsten sechs Wochen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung sei hoch, lediglich "fünf bis sechs", so Matthias Hiegl, hätten im gesamten Gebiet zu einer Überfahrung ihres Grundes Nein gesagt.

Die Rechnung sei angesichts der porösen Kalksteinschicht einfach. Die Wassertemperatur steige alle 100 Meter um drei Grad an. 100 Liter in der Sekunde sollte die "Quelle" mächtig sein, mit 60 Grad pumpe man das Wasser später wieder in die Erde zurück.

Florian Fritsch von der Fröschl Geothermie sah kleinere Kraftwerke voraus: "Keiner will mehr große Strommasten sehen". Große Kraftwerke mit ihren verlustbehafteten Verteilwegen "machen keinen Sinn mehr". Da komme ein solches bis zu zehn Megawatt großes Kraftwerk genau richtig. Das entspreche dem Bedarf von etwa 3500 Haushalten und finde in einem Gebäude, ähnlich der Größe eines Gemeindebauhofs, Platz, und es liefere Fernwärme, falls gewünscht.

Die 70 Millionen-Euro-Investition werde durch eine Einspeisevergütung zur Förderung erneuerbarer Energien unterstützt. Zudem sei diese Technik bei den Energieversorgern lieber gesehen, weil Strom dauernd erzeugt werde. Die Kraftwerkstechnik komme zwar derzeit gerade einmal auf einen Wirkungsgrad von 14 Prozent. Aufgrund der zunehmenden Nachfrage hofften die Fachleute aber nun auf beschleunigte technische Weiterentwicklungen, so Hiegl.

Eingeladen waren zum Ortstermin die Bürgermeister Josef Huber aus Babensham, Norbert Strahllechner aus Gars, Gerhard Forstmeier aus Unterreit und Vitus Pichler aus Schnaitsee. Gefragt wurde von ihnen unter anderem nach dem Zeitplan. Im Sommer soll demnach die Auswertung erfolgen, Ende des Jahres könnte der Standort der Bohrung feststehen, im Jahr darauf die Bohrung erfolgen und in drei Jahren ein Kraftwerk, oder auch zwei, laufen.

Landabsenkungen oder Erderschütterungen seien wegen des Untergrunds nicht zu befürchten, zeigten sich die Verantwortlichen überzeugt, zudem man das Wasser wieder zurückführe und nichts über die Maßen entnehme. Allerdings liegen noch wenig Erfahrungsberichte vor. kg

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