KULTURGESCHICHTE

Einzigartig: Der doppelte Glockenschlag von Haag

Die besondere Turmuhr in Haag könnte von Uhrmachermeister Georg Terzer aus München stammen, vermuten die Experten.
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Die besondere Turmuhr in Haag könnte von Uhrmachermeister Georg Terzer aus München stammen, vermuten die Experten.
  • vonLudwig Meindl
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Das Uhrwerk der Haager Pfarrkirche schlägt ohne Pause seit dem Jahr 1860 und weist noch dazu seine Besonderheiten auf: Wem in Haag die Stunde schlägt, dem schlägt sie zweimal. Mit der Kirchturmuhr verfügen die Haager über eine echte Rarität.

Haag– Wenn in der Karwoche die Turmglocken und Glöckchen am Altar schweigen, so ist der Turmuhr keine Verschnaufpause vergönnt. Das Uhrwerk der Haager Pfarrkirche schlägt ohne Pause seit dem Jahr 1860 und weist noch dazu seine Besonderheiten auf: Wem in Haag die Stunde schlägt, dem schlägt sie zweimal. Mit der Kirchturmuhr verfügen die Haager über eine Rarität.

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Das bestätigte vor einigen Jahren die Begehung einer Delegation der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie (DGC). Der hiesige Uhrenexperte Alfons Reiter hatte die DGC darauf aufmerksam gemacht, dass Haag wohl über eine Rarität verfüge. So kam die Abordnung unter Führung ihres Präsidenten Josef Stadl und Dr. Richard Knerr, Dozent an der Technischen Universität München und Spezialist für mechanische Uhren.

Reiter und Dr. Knerr erläuterten der Delegation vor Ort das Viertelschlagwerk und das Stundenschlagwerk: Zur vollen Stunde schlägt die Haager Kirchenuhr zweimal an, und das auf 2 verschiedenen Glocken. „Da ist keine Zweite da. Das ist ganz selten“, so Reiter. Zu den Besonderheiten zählt auch ein Aufzugs- und Gehwerkgewicht. Es wird mit einer Endloskette aufgezogen. Die Pendellänge beträgt 4,24 Meter. Man muss also nur einmal aufziehen. „Das ist einmalig“, bekundeten Dr. Knerr und Reiter unisono.

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Aus welcher Zeit und von wem die Haager Kirchenturmuhr stammt, war nicht belegt. Reiter vermutete, dass sie nach dem Brand der Haager Spitalkirche 1849 erneuert wurde. Nach weiteren „hochinteressanten Fachgesprächen“ im „Hofgarten“ trennte sich die Delegation.

Das Haager Phänomen

Zuhause kramte jeder in seinen Unterlagen, um das Haager Phänomen zu beleuchten. Uhrmachermeister Karl Müller aus München wurde fündig: Er entdeckte Pläne, die exakt zur Haager Uhr passten und von dem königlich privilegierten Uhrmachermeister Georg Terzer stammten, der am Münchener Viktualienmarkt wohnte. Er übte das Privileg des Turmuhrenbaus von 1858 bis 1863 aus.

„Die Uhr könnte um 1860 eingebaut worden sein“, vermutet Reiter. Die Haager hätten nach dem Brand eine neue gebraucht und diese beim Münchner Meister Terzer bestellt.

In Landau, vermutet man, könne eine ähnliche Uhr stehen, die aber nicht mehr betrieben wird.

Für Haag übernahm die Wartung der Uhr die Familie Reiter, angefangen mit Franz Seraph Reiter, Alfons Reiter und dem heutigen Uhrmachermeister Alfons Reiter.

Der Haager Kirchenturmuhr fehlt selten etwas. Es waren die üblichen Verschleißteile, die nachgefertigt werden mussten. Alfons Reiter hat inzwischen die Pläne des Werks ausgiebig studiert. Zudem kennt er die Mechanik und ihre speziellen Vorlieben: „Sie hat ihre Mucken. Im Winter wird es ihr manchmal zu kalt, da legt sie dann ab und zu eine Aufwärmpause ein.“

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