Blick ins Wochenblatt von 18092

Einen Lockdown gab es in Wasserburg schon vor über 200 Jahren

Was für eine Strapaze für den Mesner und seine Gehilfen: Um die Glocken von St. Jakob für eine halbe Stunde zu läuten, waren fünf Mann und viel Kraft nötig.
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Was für eine Strapaze für den Mesner und seine Gehilfen: Um die Glocken von St. Jakob für eine halbe Stunde zu läuten, waren fünf Mann und viel Kraft nötig.

Der Heimatforscher Ferdinand Steffan wirft einen Blick in das Wasserburger Wochenblatt von 1802. Leser sollten die Frage klären: Mit welchem Recht hat die Witwe damals die Einwohner und Nachbarschaft zum Gebet zwingen und Reisende vor verschlossenen Gasthoftüren stehen lassen können?

Wasserburg – Das Instrument des Lockdowns gab es auch schon in früheren Jahrhunderten, wie ein Blick in die Ausgaben des Wasserburger Wochenblattes im 19. Jahrhundert verrät. Weil der Unmut der Bevölkerung auch damals ein Thema für die Redaktion dieses Amtsblattes für das Königliche Bezirksamt Wasserburg und die Königlichen Landgerichte Wasserburg und Haag war, schauen wir uns die Aufzeichnungen genauer an und tauchen in die Historie der Stadt ein. Was die Ausgangssperre mit dem Glockenläuten zu tun hatte und wieso eine Witwe die Fäden in der Hand hielt:

Witwe Sibilla veranlasste die „Ausgangssperre“

Am 17. September 1732 hatte Sibilla Elverez, Witwe eines Salzfertigers, „3 Krautäcker für das Läuten der Glocken eine halbe Stunde lang nach dem Ave Maria-Läuten in der Oktav Aller Seelen in der Pfarrkirche St. Jakob“ gestiftet. Die Familie Elverez besaß eine Kapelle in Haus Nummer 285, heute ist das der Kaspar-Aiblinger-Platz 34, Rückgebäude. Der Altar war zu Ehren der Heiligen Petrus und Paulus geweiht. Die Kirchweihe wurde am Sonntag nach dem Fest Peter und Paul (29. Juni) gefeiert. Bei einer Teilung des Hauses wohl am Ende des 18. Jh. dürfte die Kapelle verschwunden sein, denkt Heimatforscher Ferdinand Steffan. Eigentümer der Haushälften im Jahr 1796 waren Franz Xaver Stechl und Sebastian Eichner.

Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich aber – aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen – zu dem Rosenkranzgebet mit dem Läuten eine halbstündige Ausgangssperre für die Stadtbewohner und eine Schließung der Läden und Gastwirtschaften entwickelt, also ein Lockdown in der ganzen Stadt, befristet auf eine Woche nach Allerseelen und für die Dauer jeweils einer halben Stunde, so Steffan.

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Dieser Brauch hatte im Laufe der Jahre zu Verstimmung der Einwohner geführt, sodass die Redaktion des Amtsblattes im Jahre 1802 ihre Leser zur Stellungnahme aufforderte. Die Fragestellung: Mit welchem Recht hat die Witwe damals die Einwohner und Nachbarschaft zum Gebet zwingen und Reisende vor verschlossenen Gasthoftüren stehen lassen können? Natürlich stellte man auch in den Raum, ob man binnen einer halben Stunde das geforderte Gebet „im Geiste der Andacht“ überhaupt verrichten könne.

Und ob die Ausgangssperre, während der sich niemand auf der Straße blicken lassen sollte, nicht die beste Gelegenheit für Diebesgesindel sei. Da alle Glocken der Stadt geläutet werden sollten – welche Anstrengung für die Mesner und ihre Gehilfen – hätten diese jedes Geräusch der mutmaßlichen Delinquenten übertönt.

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Am 15. Oktober 1803 griff der Rat der Stadt die Problematik in einer Petition an die Churfürstliche Landesdirektion erneut auf und stellte die Frage, ob „während des Geläutes und Gebetes niemand auf den Gassen erscheinen dürfe und alle Häuser, Kramerläden und sogar die Gasthöfe – auch für Fremde – bis zum Gebetsschluss verschlossen bleiben müssten“.

Ausgangssperre war laut Direktion polizeiwidrig

Die Direktion entschied schon nach einer Woche (21. Oktober 1803), dass das halbstündige Läuten abzuschaffen und das Verbot, die Häuser zu verlassen und auf die Straße zu gehen, polizeiwidrig sei. Allerdings könne das Gebet im Haus beibehalten oder in die Kirche verlegt werden, statt des Dauergeläuts könne Anfang und Ende durch ein kurzes Anläuten angezeigt werden.

Der Magistrat folgte der Anregung der Landesdirektion und setzte fest, dass in der Oktav von Allerseelen „eine Viertelstunde vor 5 Uhr abends mit dem Geläut aller Glocken ein kurzes Zeichen gegeben werden und um 5 Uhr in der Pfarrkirche dann der Rosenkranz gebetet werden sollte.“

Gleichzeitig verknüpfte man damit das Beten einer feierlichen Litanei, welche die Familie Laibinger eigens gestiftet hatte. Mit der erstmaligen Verkündigung dieses Beschlusses am 30. Oktober 1803 von der Kanzel herab war der Streit um diesen religiös motivierten Lockdown beendet. Darüber berichtet das Wasserburger Wochenblatt 1843 (Nr. 46).

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