Eine "Herbstfest-Affäre"

Rosenheim - Der 31-jährige Angestellte aus dem westlichen Landkreis bestritt vor dem Schöffengericht keine Sekunde, dass er mit der jungen Frau Geschlechtsverkehr gehabt habe. "Ich war in Rosenheim mit Kollegen auf der Wiesn und bin danach in eine Disco gegangen. Dort hab ich die Frau kennengelernt. Bereits in der Disco haben wir geschmust, deshalb hab ich sie im Anschluss zu mir nach Hause eingeladen", berichtete der wegen sexueller Nötigung Angeklagte.

Weil die beiden kein Taxi bekamen, spazierte das Pärchen zum Bahnhof. Dort gab es auch kein Taxi, doch erklärten sich zwei junge Männer in einem BMW bereit, sie gegen Bezahlung zu seinem Wohnort zu fahren.

In der Wohnung sei es nach etlichen Zärtlichkeiten zum Geschlechtsverkehr gekommen. "Ich habe sie eingeladen, bei mir zu schlafen. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte nach Hause. Ich habe kein Auto, konnte sie also nicht fahren. Das war ihr egal. Sie ist dann gegangen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Nur dass ich mehr als überrascht war, dass ich deswegen zu einer Vernehmung zur Polizei musste. Wann immer die Frau etwas anderes behauptet, lügt sie."

Dass die arbeitslose junge Frau das ganz anders schilderte, verwunderte nicht. Erstaunt war das Gericht aber darüber, dass sie insgesamt drei verschiedene Versionen der Geschehnisse berichtete. "Er hat mich mit Gewalt in seine Wohnung gezerrt. Dagegen habe ich mich heftig gewehrt." Das klang zunächst plausibel. Allerdings wurde es fragwürdig, als sich herausstellte, dass sich dessen Wohnung im ersten Stock befindet und er auf dem Weg dorthin mehrere Türen aufsperren musste. Sie habe indessen keine Gelegenheit zu flüchten gehabt, weil er sie unentwegt festgehalten hätte.

In Anbetracht der Tatsache, dass die junge Frau dem Angeklagten vom Körpergewicht her mindestens ebenbürtig war, erschien das "über die Treppe gezerrt werden" auch immer fragwürdiger. Sie erinnerte sich einmal an Schmerzen wegen des "Zerrens", dann wiederum gab es solche Schmerzen nicht. Druckmale oder blaue Flecken wurden weder von den Zeugen aus dem Sanka, noch von der Polizei bemerkt. Nach ihrer Version war es auch gar nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen. Der Angeklagte habe sie lediglich an den Brüsten angefasst und versucht ihr unter den Rock zu fassen. Das habe sie aber verhindert und ihn mit einem Fausthieb in den Bauch zur Räson gebracht. Auch dabei verhedderte sie sich immer wieder in Widersprüche. Eine wichtige, von ihr benannte Zeugin konnte nicht aufgefunden, ja deren Existenz nicht einmal festgestellt werden.

So galt es letztlich nur die Glaubwürdigkeit der Zeugin und die Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen gegen die des Angeklagten abzuwägen. Das Ergebnis war einhellig. Was tatsächlich in dieser Nacht geschehen war, konnte nicht aufgeklärte werden.

Der Staatsanwalt erklärte, dass die Widersprüchlichkeit des angeblichen Tatopfers und deren Unfähigkeit, Abläufe wenigstens in etwa zu beschreiben, so große Zweifel an deren Aussage aufwürfen, dass er einen Freispruch für den Angeklagten beantrage. Der Verteidiger, Rechtsanwalt Friedrich Schweikert, verwies nochmals auf die vielen Ungereimtheiten in den verschiedenen Aussagen der jungen Frau. Er beantragte ebenfalls Freispruch für seinen Mandanten.

Das Gericht neigte dazu, den Aussagen des Angeklagten mehr Glauben zu schenken. "Aber darauf kommt es gar nicht an", betonte Heinrich Loeber, Vorsitzender des Schöffengerichts, "wenn an der Schuld des Angeklagten auch nur hinreichende Zweifel bestehen, so ist er freizusprechen" - was das Gericht in seinem Urteil auch tat. au

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