15 JAHRE TOTEISKESSELWEG

Eine Erfolgsgeschichte: Stumme Zeugen der Eiszeit im Haager Land mit pädagogischem Konzept

15 Jahre ist die Einweihung her. Unser Archivbild zeigt die Naturschützer gemeinsam mit dem damaligen Landrat Georg Huber (im karierten Sakko) begleitet von der Blaskapelle auf dem Toteiskesselweg. Hinter dem Landrat ist Geografin Lucia Karrer zu sehen.
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15 Jahre ist die Einweihung her. Unser Archivbild zeigt die Naturschützer gemeinsam mit dem damaligen Landrat Georg Huber (im karierten Sakko) begleitet von der Blaskapelle auf dem Toteiskesselweg. Hinter dem Landrat ist Geografin Lucia Karrer zu sehen.
  • Andrea Klemm
    vonAndrea Klemm
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Vor etwa 18.000 Jahren während der Würmeiszeit trug es sich zu, dass im Haager Land stumme Zeugen der Eiszeit entstanden: die Toteiskessel. Weil sie eine Besonderheit sind, hat ihnen die Ortsgruppe Haag vom Bund Naturschutz gemeinsam mit der Agenda21-Haager-Land-Gruppe einen Wanderweg mit pädagogischem Konzept gewidmet. Eine Erfolgsgeschichte feiert Geburtstag.

Haag – Vor etwa 18.000 Jahren während der Würmeiszeit trug es sich zu, dass im Haager Land stumme Zeugen der Eiszeit entstanden: die Toteiskessel. Weil sie eine Rarität in Deutschland sind und im Voralpenland nur vereinzelt erhalten geblieben sind, hat ihnen die Ortsgruppe Haag vom Bund Naturschutz gemeinsam mit der Agenda21-Haager-Land-Gruppe einen Wanderweg mit pädagogischem Konzept gewidmet. 15 Jahre ist das her und längst zu einer Erfolgsgeschichte geworden, freut sich Judith Harrison, die für die beiden Trägervereine spricht.

Fördermittel abgerufen

Die Einrichtung des Toteiskesselwegs wurde mit Mitteln des Freistaates Bayern und der Europäischen Union aus Leader+ gefördert.

Harrison erinnert sich an die Ursprungsidee, die 2003 entstanden war. „Die Toteiskessel um Haag waren kaum bekannt“, sagt die Kraiburgerin, die bei der Haager Ortsgruppe für die Betreuung des Weges zuständig ist. „Machen wir doch einen Weg zu diesen Löchern, dachten wir uns damals.“ Die Gruppe Agenda21-Haager Land war gleich mit von der Partie.

Ausgesucht wurde ein kleines Gebiet um Maxau, östlich von Haag, was naheliegend war, da hier bereits eine Diplomarbeit über Toteiskessel von der Waldkraiburger Geografin Lucia Karrer vorlag. „So gab es interessantes Material über diese Kessel, über die man sonst wenig in der Literatur findet“, erklärt Harrison weiter.

Wie sollte der Weg heißen?

Der nächste Schritt war, das Einverständnis der betroffenen Grundeigentümer zu bekommen, was problemlos erfolgte. Und da der angedachte Wanderweg im Gebiet von drei Gemeinden verläuft – Haag, Reichertsheim, Gars – war die Namensfindung für den Weg nicht leicht, aber schließlich einigte man sich auf „Toteiskesselweg im Haager Land“.

Die Finanzierung konnte das Naturschutz-Team dank einer großzügigen Spende vom Modehaus Eberl und anderen privaten Spendern sowie des EU Leader+ Strukturförderprogramms und Gelder der Agendagruppe gestemmt werden. 8000 Euro kamen so für die Umsetzung zustande.

Einweihung am 17. Juni 2005

Nach zwei Jahren der Vorbereitung war es dann soweit: Am 17. Juni 2005 wurde der Weg feierlich vom damaligen Mühldorfer Landrat Georg Huber und den Projektträgern eröffnet.

Im Laufe der Jahre kamen viele Leute und die unterschiedlichsten Gruppen zum Toteiskesselweg nach Haag. Ob als Programmpunkt für einen Firmenausflug, oder zur Lehrerfortbildung im Landkreis, für die Ausbildung von Junglandwirten, oder für Ausflüge von Vereinen und Naturschutzgruppen auch der umliegenden Landkreise, oder bei den Schulwandertagen – der Toteiskesselweg wird sehr gern besucht, freut sich Diplom-Geografin Lucia Karrer, die seit 2005 Führungen am Weg anbietet.

Artenschutz gewinnt an Bedeutung

„Gerade jetzt, wo der Artenschutz an Bedeutung gewonnen hat, interessieren sich die Menschen mehr für unsere heimischen Biotope, wie die Toteiskessel. Sie schätzen unsere Arbeit, etwa verbuschte Kessel freizuschneiden, um die Artenvielfalt zu schützen“, so Karrer.

Nachdem die Waldbesitzer entlang des Weges bei den bisher nicht zugänglichen Kesseln so freundlich waren, entsprechende Rückewege anzulegen und die Gerhard und Ellen Zeidler-Stiftung, die ihren Sitz in Waldkraiburg hat, 2011 einen Kostenunterstützungsantrag zur Erweiterung des Toteiskesselwegs bewilligte, konnten 2013 weitere sieben Kessel hinzugenommen werden.

„Am Anfang kaum bekannt, kennt man heute den Wanderweg auch im weiteren Umland. Wir danken alle, die an die Schaffung des Weges geglaubt und ihn ermöglicht haben“, sagen Harrison und Karrer, die mit Leib und Seele Naturschützerinnen sind. Letztere ist und in der Region bekannt, für ihre lebendigen Führungen, etwa zum spektakulären Prallhang am Innufer bei Ebing (nahe Waldkraiburg).

Karrer ist Kennerin der Urviecher

Sie versteht es, in der Fantasie der Teilnehmer Gomphotherium, Deinotherium und andere Urviecher, die sich einst hier wohlfühlten, lebendig zu machen. Zwei Funde sorgten in den vergangenen Jahrzehnten für Aufsehen. So wurde im Flussbett nahe der Ebinger Alm der Unterkiefer eines Deinotherium giganteums (Hauerelefant) gefunden. Flussabwärts wurde das ganze Skelett eines Gomphotheriums von Anglern entdeckt. Man kann es in der Paläontologischen Sammlung in München besichtigen. Spannend: Anhand der Knochen konnte man feststellen, dass der gute alte Gompho hinkte. „Er hatte am rechten Fersenbeinknochen eine Wachstumsfuge und litt an einem Hüftschaden, außerdem fehlte ihm ein Stoßzahn“, so Karrer bei einer ihrer Führungen.

Wer die Geografin zu den Toteiskesseln, die sie „Schätze Eiszeitlandschaft“ nennt, begleitet, erfährt auch eine Menge, über den Wandel, dem die Landschaften stetig unterworfen sind, etwa durch Entwässerung, Flurbereinigung und etwa Siedlungs- und Straßenbau.

„Schätze der Eiszeitlandschaft“ heißt auch das landkreisübergreifende Projekt, das sich gemeinsam mit den Landschaftspflegeverbänden, den Unteren Naturschutzbehörden für den Erhalt und die Pflege von Toteiskesseln und -seen sowie weiterer landschaftlicher Besonderheiten der Eiszeitlandschaft im Raum Haag und Wasserburg einsetzt und Maßnahmen umsetzt.

Blick auf einen sumpfigen Toteiskessel am Wanderweg nahe Haag.
Der Geologe Dr. Johann Wierer sprach bei der Einweihung an einem der Toteiskessel.

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