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Erfolgreicher Protest

„Edling – einig frei“: Vor 40 Jahren erkämpfte sich Edling die Freiheit zurück

Edling heute: eine gute entwickelte Gemeinde, die nach wie vor stolz auf die Eigenständigkeit ist.
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Edling heute: eine gute entwickelte Gemeinde, die nach wie vor stolz auf die Eigenständigkeit ist.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Als am 29. April 1981 in Edling die Sirene heulte, wussten die Bürger: Das ist kein Feueralarm, sondern eine laut herausposaunte positive Botschaft: Edling ist wieder frei. Drei Jahre lang hatten mutige Bürger gekämpft, um die Selbstständigkeit wieder zu erlangen.

Edling – Am 1. Mai 1981 war es soweit: Das Ziel „Edling einig – frei“ war erfüllt. Zeitzeuge Rupert Hiebl und Bürgermeister Matthias Schnetzer, Sohn des damaligen Rathauschefs, erinnern sich.

Bürger stimmen für Selbstständigkeit

„Wasserburg und Edling passen nicht zusammen“, schreibt Hannelore Michl, Vorsitzende der Bürgervereinigung zur Wiedererlangung der Eigenständigkeit der Gemeinde Edling 1979 in einem Leserbrief in der Wasserburger Zeitung.

Auf Protestplakaten machten die Edlinger ab 1978 Stimmung für ihr Anliegen, die Selbstständigkeit wiederzuerlangen.

Diese Meinung teilten damals fast alle Bürger der Gemeinde, die im Rahmen der Gebietsreform nach Wasserburg eingemeindet worden war. 1572 der 1830 Wahlberechtigten beteiligten sich 1976 an einer Bürgerbefragung: 1450 stimmten für die Befreiung, nur 90 dagegen – klarer fiel in Edling selten ein Abstimmungsergebnis aus.

Daheim gab es kaum ein anderes Thema

Doch was tun? Eingaben, Petitionen, Beschwerden, sogar eine Normenkontrollklage waren schließlich schon gescheitert. Edling, Gründungsmitglied der „Aktionsgemeinschaft Demokratische Gemeindegebietsreform in Bayern“, einem Zusammenschluss der Unzufriedenen, entschloss sich zu einer Popularklage. Und gründete im damaligen Gasthof Wurm am 1. Februar 1979 eine Bürgervereinigung.

Dieses Plakat gibt die Stimmungslage der Edlinger wieder.

Mitglied war auch der junge Lehrer Rupert Hiebl, damals 32 Jahre alt. Und natürlich der Vater des jetzigen Bürgermeisters von Edling, Helmut Schnetzer, damals „nur“ noch Stadtrat in Wasserburg. Sein Sohn, vor 40 Jahren ein Teenager, erinnert sich, dass es daheim kaum ein anderes Thema gab als den Kampf zur Wiedererlangung der Selbstständigkeit.

Als er schließlich erfolgreich war, lief der damalige Schulleiter Anton Merkl seinem jungen Kollegen Hiebl mit strahlendem Gesicht auf dem Gang entgegen und rief: „Wir sind frei!“

Der aktive Kämpfer und der Sohn des damaligen Bürgermeisters: Rupert Hiebl (links) und Matthias Schnetzer.

Die Stimmung am 29. April 1981, so erinnern sich Hiebl und Schnetzer, war „euphorisch“. Die Menschen lagen sich in den Armen, es flossen Tränen – „es gab viele bewegende Momente“, berichten sie.

Stiller Protest mit Plakat und Leserbrief

Doch bis zur Befreiung mussten die elf Aktiven der Bürgervereinigung drei Jahre lang kämpfen – in einer Zeit, in der es noch kein Internet gab, keine sozialen Medien, keine Blogs, keine Videokonferenzen. Stattdessen hingen die Ehrenamtlichen am Telefon, schrieben Briefe, gingen Klinkenputzen, versammelten sich vor allem im Büro von Bäckermeister Georg Berndl.

Hier waberte die Luft nach stundenlangen Strategiebesprechungen vor Zigarettenqualm, wie sich Schnetzer erinnert. Wenn der Vater heimkam, gab es oft protestierende Worte der Mutter, weil sich Rauch in der Kleidung festgesetzt hatte.

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Trotz vieler hitziger Debatten waren sich die Protagonisten immer einig: „Wir bleiben auf dem Boden der Legalität“, erinnert sich Hiebl. Schnetzer spricht von einem „stillen Protest“ – mit Plakaten und Tafeln an den Ortseingängen, mit Leserbriefen in der Wasserburger Zeitung, mit hunderten Briefen an Abgeordnete, Behörden, Anwälte.

Ziviler Ungehorsam mit Humor

Ein Höhepunkt des Protests: Bürgermeister Helmut Schnetzer wirft Staatssekretär Kiesl in der Sendung „Jetz red i“ im BR vor, im Befreiungskampf gelogen zu haben. Einmal entrollten die Protestierenden frühmorgens ein Plakat vom Brucktor: „Edling – einig frei“, stand dort in großen Lettern. Wasserburgs Bürgermeister Dr. Martin Geiger, der regelmäßig Bürgersprechstunden im Edlinger Rathaus hielt, wurde mit einem Schild empfangen: „Sprechstunde des Gouverneurs“ stand dort.

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Das war es jedoch schon mit dem zivilen Ungehorsam, die Edlinger kämpften fair, mit Argumenten, mit offenem Visier – beharrlich trotz viel Auf und Ab, wie Hiebl sich erinnert. Denn sie fühlten sich im Recht: Edling hatte schließlich alles, was zu einer eigenständig funktionierenden Gemeinde gehört: eine Verwaltung, eine zweizügige Schule mit über 450 Schülern, eine funktionierende Nah- und Grundversorgung, Gewerbebetriebe, Feuerwehr, viele Vereine. Vom entferntesten Punkt in der Gemeinde waren es über zehn Kilometer bis Wasserburg.

Steppach hatte sich 1971 freiwillig mit Edling zusammengeschlossen, Edling fühlte sich jedoch zwangseingegliedert in die Nachbarstadt. „Wir empfanden es als Willkürakt“, beschreibt Hiebl die Stimmung in der Bürgervereinigung. Sie holte eine Anwaltskanzlei aus München mit ins Boot, die reichte am 2. Januar 1978 die Popularklage ein.

Franz Josef Strauß ließ sich nicht erweichen

Rückendeckung aus der Politik gab es: Mandatsträger im Landtag, die sich für Edling einsetzen, aber auch viele, denen der Wunsch nach Eigenständigkeit wurscht war oder sogar nicht passte. Ministerpräsident Franz Josef Strauß zeigte zwar in einem Brief Verständnis für das Anliegen, ließ sich aber nicht erweichen.

Richter begrüßt Schnetzer mit „Herr Bürgermeister“

Dann kam der Tag der Verhandlung vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof: Und er begann, so erinnert sich Schnetzer an die Erzählungen seines Vaters, mit einem positiven Signal: Der Richter begrüßte Helmut Schnetzer, den Edlinger Stadtrat, mit „Herrn Bürgermeister“.

Und verkündete, dass die Auflösung der Gemeinde nach der Zielsetzung der Gemeindegebietsreform nicht geboten sei. Und: ...“dass die für die Eingliederung von Edling in die Stadt Wasserburg sprechenden Gründen nicht gewichtig genug sind, um den Eingriff in den Fortbestand dieser Gemeinde zu rechtfertigen.“

Tränen geflossen

Am Tag der Freiheit: die fünf Wasserburger Stadträte aus Edling vor dem Rathaus, wo eine Sitzung stattfand, an der sie nicht mehr teilnehmen durften. (Von links) Jakob Berger, Anton Merkl, Lorenz Freiberger, Georg Vital und Helmut Schnetzer.

„Rotz und Wasser“ haben viele geheult, erinnert sich Hiebl. Der Pfarrer wollte zwar die Kirchenglocken nicht läuten, an der Realschule Wasserburg wurde Schnetzer verweigert, den Vater anzurufen, doch die Feuerwehr schaltete die Sirene ein. Die Edlinger jubelten auf offener Straße. Abends war Stadtratssitzung in Wasserburg: Da wies ein ein wenig verschnupfter Bürgermeister Geiger die fünf Edlinger Räte aus dem Saal.

Mit fairen Mitteln gekämpft

Das Verhältnis entspannte sich jedoch schnell wieder, weiß Schnetzer. Es gab noch ein paar kleine Sticheleien, dann kehrte nachbarschaftlicher Frieden ein. „Einen Kollateralschaden gab es nicht, schließlich hatten wir mit fairen Mitteln gekämpft“, weiß der Rathauschef von heute. Es folgten jedoch noch Vermögensauseinandersetzungen, denn in der Zeit der Nichtselbstständigkeit hatte Wasserburg in Edling investiert. Mit sechs Millionen Mark Schulden ging die Gemeinde aus der Streitigkeit heraus.

Gmoafest entstand aus dem Jubel heraus

Vor 40 Jahren begingen die Edlinger die Befreiung mit einer großen viertägigen Feier: Das Gmoafest (Plus-Artikel OVB-Online) ist bis heute wichtigstes gesellschaftliches Ereignis im Dorf. Heuer fällt es erneut aus wegen Corona, dabei hätte es ein Jubelfest gegeben mit einem Extra-Programm, bedauert Schnetzer.

Aktuelle Artikel und Nachrichten finden Sie in unserem Dossier zur Corona-Pandemie

Was wäre Edling heute, wäre es ein Stadtteil von Wasserburg geblieben? Schnetzer ist überzeugt, die Gemeinde hätte sich nicht so entwickelt, wie sie es getan hat. „Da wären Kompetenzen abgeflossen.“ Bis heute profitiert die Kommune nach seiner Überzeugung auch vom Wir-Gefühl jener Jahre. „Es hat Edling zusammengeschweißt.“

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