Zwangsarbeiter in Wasserburg: Wie Unternehmen im Zweiten Weltkrieg Menschen ausbeuteten

Ein polnischer Zwangsarbeitervor einem Hof in Amerang mit dem Fahrrad. Das Foto stammt aus einem Privatarchiv. Stadtarchiv

Verschleppt, ausgebeutet, entrechtet - das war das Schicksal der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich - auch in Wasserburg. Zwei Historiker haben dieses düstere Kapitel in der Geschichte des Altlandkreises erforscht und dem Heimatverein vorgestellt. Meggle gehörte damals mit zum größten Arbeitgeber, die Quellenlage ist aber dünn.

Von Winfried Weithofer

Wasserburg – „Während des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter im Deutschen Reich zu sein, bedeutete für die Betroffenen oftmals Verschleppung, Ausbeutung und Entrechtung.“ Mit dieser Feststellung eröffnete der Historiker Joey Rauschenberger seinen Vortrag vor dem Wasserburger Heimatverein über den „massenhaften Ausländereinsatz“ während der NS-Diktatur.

15 Prozent der Bevölkerung waren Zwangsarbeiter

Zusammen mit seinem Kollegen Philipp Thomas Haase stellte er Forschungsergebnisse über die Zwangsarbeit im Altlandkreis Wasserburg in den Jahren von 1939 bis 1945 vor, die jetzt als Buch erschienen sind. Das Werk der beiden jungen Heidelberger Historiker ist das Ergebnis einer Preisauslobung der Stadt.

Schwieriges Kapitel

„15 Prozent der Bevölkerung in Wasserburg waren Zwangsarbeiter“, sagte Peter Rink, Vorsitzender des Heimatvereins, vor den 40 Zuhörern. Eine Zahl, die die Dimension dieses Unrechts deutlich mache. Bürgermeister Michael Kölbl sprach von einem „schwierigen Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte“.

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Er betonte die Erinnerungsarbeit, die die Stadt Wasserburg betreibe und die er für „sehr, sehr wichtig“ halte. Und er wies darauf hin, dass demnächst – voraussichtlich am 27. Januar – ein Denkmal am Heisererplatz für die Opfer des Nationalsozialismus eröffnet werde.

Viele Kinder zwischen elf und 17 Jahren unter den Arbeitern

Rauschenberger berichtete über die Willkür des NS-Regimes bei der Rekrutierung der ausländischen Arbeitskräfte und über die Gewaltexzesse, denen die am Schluss acht Millionen Ausländer im Deutschen Reich weitgehend schutzlos ausgeliefert waren.

Forschten in einem düsteren Kapitel Wasserburgs:die Historiker Philipp Thomas Haase (links) und Joey Rauschenberger. Vor dem Heimatverein sprachen sie über die Schicksale der Zwangsarbeiter, die bei Meggle oder aber auf Bauernhöfen eingesetzt waren. Weithofer

Anschließend lenkte er den Blick auf die Verhältnisse im Altlandkreis. Dort waren zwischen 6000 und 9000 ausländische Arbeitskräfte untergebracht – und das bei einer Gesamtbevölkerungszahl von gerade 31.000. Der Anteil der aus Polen und der Sowjetunion stammenden Zwangsarbeiter bezifferte er auf jeweils rund 30 Prozent. Franzosen, hauptsächlich Kriegsgefangene, seien mit mehr als 16 Prozent die dritte große Gruppe gewesen. Daneben gab es noch zahlreiche Jugoslawen, Italiener, Tschechen und Ungarn. Knapp 36 Prozent der Zwangsarbeitenden seien weiblich gewesen, führte Rauschenberger aus. Erschreckend nannte er die Altersstruktur der Wasserburger Zwangsarbeiter: „Über acht Prozent waren nach 1927 geboren und während des Krieges damit zwischen elf und 17 Jahre alt.“

Die medizinische Versorgung für die ausländischen Arbeitskräfte sei höchst mangelhaft gewesen. „Vom deutschen Gesundheitswesen waren sie weitgehend ausgeschlossen.

Zuchthaus für Bäuerin nach Affäre mit einem Franzosen

Die Historiker nahmen auch die Einsatzorte der Zwangsarbeiter im Kreis unter die Lupe. Man habe sie in jeder einzelnen der 62 Gemeinden nachweisen können, sagte Rauschenberger. „In allen Branchen wusste man, die Arbeitskraft der Zwangsverschleppten auszunutzen.“ Das Gros, passend zu überwiegend agrarischen Struktur des Landkreises, sei in der Landwirtschaft eingesetzt worden.

Von 113 Fällen in der Firma Meggle, die zu den größten Arbeitgebern für ausländische Arbeitskräfte im Landkreis gehörte, war die Rede. Die Quellenlage ist laut Haase bei Meggle dünn. Ein Kontakt zu dem Unternehmen sei hergestellt worden. „Es sind aber keine Quellen zu finden, die uns weiterhelfen.“ Lediglich zwei kurze Erinnerungsberichte habe er erhalten. Den Versuch, Quellen des Molkereibetriebs Bauer zu erhalten, habe man erst gar nicht unternommen.

Einzelschicksale recherchiert

Die Forscher haben auch Einzelschicksale verfolgt. „Wieder ein Franzosenliebchen“, hieß es etwa verachtungsvoll in einer Zeitungsnotiz des Wasserburger Anzeigers, in der der Redakteur die „gewissenlosen Frauenpersonen“ warnte, „die das Verbot missachten“. Beschrieben wird der Fall einer 28-jährigen Bäuerin aus Schonstett, die noch kurz vor Kriegsende wegen einer Affäre mit einem französischen Kriegsgefangenen mit Zuchthaus bestraft wird, und das Schicksal eines polnischen Landarbeiters, der „das Deutschtum herabgesetzt“ habe. Wegen Aussagen einer Magd aus Jeßling, die sich als zweifelhaft herausstellten, sei ihm der Prozess gemacht worden.

Die Historiker fanden auch heraus, dass noch heute Kontakte zwischen manchen Arbeitgebern und ihren ausländischen Arbeitskräften oder deren Familien bestünden – „eine versöhnliche Perspektive“, wie sie finden.

DAS BUCH

Philipp T. Haase/Joey Rauschenberger: Zwangsarbeit im Landkreis Wasserburg a. Inn 1939-1945.

Herausgeber im Eigenverlag: Stadt Wasserburg am Inn/Stadtarchiv

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