Interview

Die Wildtierhilfe Amerang warnt: Der Igel ist in Not – sogar jetzt im Sommer

Igel haben es heutzutage schwer, zu überleben. Schuld sind trockene Sommer, „aufgeräumte“ Gärten und rücksichtslose Autofahrer.
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Igel haben es heutzutage schwer, zu überleben. Schuld sind trockene Sommer, „aufgeräumte“ Gärten und rücksichtslose Autofahrer.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Die Wildtierhilfe Amerang schlägt Alarm. Die Igelpopulation ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Warum das so ist und was Freunde der kleinen, stacheligen Tiere tun können, um ihnen zu helfen, verrät Vereinsmitglied Helga Ludwig.

Amerang – Ihr größter Feind ist der Mensch. Doch die Igel leiden heutzutage auch unter dem Klimawandel. Trotzdem gibt es Hilfe.

Warum ist der Igel selbst im Sommer gefährdet?

Helga Ludwig: Der Igel ist in Not. Er ernährt sich hauptsächlich von Insekten und Würmern. Da unsere Sommer aber seit Jahren zu heiß und zu trocken sind, reduziert sich das Nahrungsangebot für den Igel erheblich. So hat er es schwer, genug Nahrung und Wasser zu finden. Teilweise verhungern und verdursten Igel tatsächlich. Durch Ausweichen auf schlechte Nahrung wie Schnecken werden viele Igel insgesamt immer kränker. Zudem werden zu viele Igel überfahren und der Bestand erholt sich nicht mehr.

Wie steht es jetzt, im August, um die Igel?

Ludwig: Im August werden die Igelbabys geboren. Die meisten Igeljungen kommen im Hochsommer auf die Welt, meist zwei bis fünf Jungtiere. Die neugeborenen Igel tragen bereits erste, winzige, weiß gefärbte Stacheln. Augen und Ohren öffnen sich im Alter von zwei Wochen. Die Igelin säugt die Kleinen etwa sechs Wochen. Sie hat es jetzt noch schwerer, genug Nahrung zu finden, wenn sie auch noch für ihre Jungen sorgen muss. Daher ist es jetzt besonders wichtig, Futter und Wasser anzubieten. Als Futter bietet man am besten Katzen-Trockenfutter in einem katzen- und rattensicheren Igelfutterhäuschen an. Die Kleinen werden wir frühestens im Alter von drei Wochen zu sehen bekommen, wenn sie im Dunkeln mit der Mutter die ersten Ausflüge unternehmen.

Wer ist der größte Feind des Igels?

Ludwig: Der größte Gefährder des Igels ist der Mensch. Zu wenig Umsicht im Straßenverkehr in den Dämmerungs- und Nachtstunden führt in den vergangenen Jahren zu einer Überzahl überfahrener Igel. Zusätzlich zum Futtermangel durch Trockenheit leidet der Igel unter sterilen Gärten, in denen kein Laub unter den Sträuchern liegen bleiben darf, kein Fallobst vorhanden ist, keine Grasinseln oder Strauchgruppen Feuchtigkeit und Insektennahrung bieten. Auch zu viele Katzen bedrohen den Igel. Katzen behandeln Igeljunge wie Mäuse und vernichten ganze Familien. Mähroboter und Rasentrimmer, die unter Büsche direkt in das Schlafnest des Igels reichen, fordern weitere Opfer. Auch das Schneckenkorn sei erwähnt. Es bereitet nicht nur den Nacktschnecken den Tod, sondern tötet auch die „guten“ Schnecken wie Tigerschnegel. Über die Nahrungskette ist so auch der Igel vom Schneckenkorn betroffen.

Muss ich jetzt meinen teuren Mähroboter abstellen?

Ludwig: Nein, der Mähroboter darf weiter laufen – allerdings unbedingt nur tagsüber. Nachts und in der Dämmerung sind die Igel und ihre Jungen unterwegs. Auch wenn die Hersteller von Mährobotern versichern, dass das Gerät ein Hindernis erkennt und gegebenenfalls anhält, kommt es doch oft zu schrecklichen Unfällen. Besonders die kleinen Igelkinder sind betroffen. Ein Igel läuft bei Gefahr nicht weg, sondern rollt sich zusammen. So erleiden die Tiere schwere Schnittverletzungen oder werden buchstäblich skalpiert. Mähopfer mit bis zu 27 Schnittwunden wurden im vergangenen Jahr gefunden.

Wie kann denn der Verkehr auf die Tiere Rücksicht nehmen?

Ludwig: Wildtiere sind überwiegend nachtaktiv. Langsames Fahren bei Dämmerung und Dunkelheit, besonders in Waldstücken und in Siedlungen kann die Mehrzahl der Unfälle verhindern.

Was „nützt“ uns Menschen ein Igel überhaupt?

Ludwig: Das biologisch am wenigsten nützliche Lebewesen auf der Erde ist: der Mensch. Er richtet größeren Schaden an als jede andere Spezies. Statt also zu fragen, was Tiere uns nützen, wäre es richtiger zu fragen, was wir für unsere Mitgeschöpfe tun können. Es gibt viele Möglichkeiten, der in Not geratenen Natur wieder mehr Raum zu geben. Und wie viel Freude bereitet es, unsere Tiere beobachten zu können, wie sie geschäftig durch unsere Gärten streifen und das dankbar annehmen, was wir für sie tun.

So sieht der igelfreundliche Garten aus

Igel lieben abwechslungsreiche, insektenfreundliche Gärten mit niedrigen, einheimischen Stauden und Buschwerk. Das bedeutet nicht, dass ein Garten der Wildnis überlassen werden muss – im Gegenteil. Igel und Vögel suchen die Abwechslung zwischen Rasenflächen, auf denen gejagt werden kann, und geschützten, unberührten „unordentlichen“ Ecken, in denen sie unter Laub auch bei Trockenheit noch Insekten finden, und sich verstecken können. Dort sollte man Reisig, Totholz und das Laub des Herbstes einfach mal liegen lassen. Auch Fallobst ist wichtig – einfach immer eine Handvoll liegen lassen. Der Igel nistet und schläft am liebsten im Schutz eines Gebäudes, also hinter Holzstapeln am Haus, unter Buschwerk am Schuppen, unter einer Holzpalette im Carport. Als Unterschlupf dienen mit Stroh ausgestopfte Paletten oder der Spalt hinter einem Holzstoß.

Unbedingt muss Wasser vorhanden sein. Es reicht ein schwerer, größerer Ton-Blumentopfuntersetzer, der täglich gereinigt und mit frischen Wasser befüllt wird. Häufig sind die Gärten heute recht klein. Doch Igel halten sich nicht an Grundstücksgrenzen. Vielleicht bietet auch der Nachbarsgarten gute Unterschlupfmöglichkeiten und ein Igel-Futterhäuschen im eigenen Garten lohnt sich doch. Wichtig ist, dass der Lebensraum im Ganzen passt und die Tiere von Garten zu Garten gelangen können. Das Abbrennen von länger gelagerten Ästehaufen ist gefährlich, weil darunter gerne Igel und andere Tiere wohnen.

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