"Die Jugend braucht ihren Raum"

Für den unteren Teil des Tipis müssen noch die Bretter zugeschnitten werden. Das erledigen Andreas Götz (von links), Arthur und Roman gemeinsam. Foto nk
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Für den unteren Teil des Tipis müssen noch die Bretter zugeschnitten werden. Das erledigen Andreas Götz (von links), Arthur und Roman gemeinsam. Foto nk

Seit sechs Jahren ist Andreas Götz die "mobile Jugendhilfe". Das landkreisübergreifende Pilotprojekt hat vor allem die Minderung von Gewalt und Vandalismus als Thema gesetzt.

Für den Sozialpädagogen braucht es aber in der Jugendarbeit besonders eins: Einen Raum, wo Jugendliche sein dürfen.

Isen/Schwindegg - Die Säge brummt. Sebastian (16) und Roman (12) halten das lange Brett an den Enden fest, damit Andreas Götz ein abgemessenes Stück zuschneiden kann. Möglichst schnell soll das Tipi am Schwindegger Bahnhof auf den neuen Fundamenten stehen. Dazu haben die Jugendlichen gemeinsam mit Andreas Götz die alte Konstruktion abgebaut und sind nun dabei, das "Tipi 2.0" wieder aufzubauen. In Teamarbeit.

Als der 53-Jährige vor sechs Jahren die mobile Jugendhilfe - zu der sich insgesamt sechs Gemeinden zusammengeschlossen haben - übernahm, brachte er neben der beruflichen Qualifikation vor allem eines mit - viel Lebenserfahrung: Diplom-Sozialpädagoge, im Messebau gearbeitet, zwischendurch sieben Jahre nach Südfrankreich ausgewandert, zwei Kinder aus erster Ehe, geschieden, drei Kinder aus zweiter Ehe.

Streetworker und Jugendhilfe

Mit Jugendarbeit hatte Andreas Götz aber fast sein Leben lang zu tun. "Soziale Themen haben mich schon immer interessiert, das war und ist genau mein Ding. Und soziale Kompetenz wiederum zu vermitteln ist wichtig." Im Herzen jung geblieben und doch aufgrund seiner Erfahrung und seines Alters ein ernst genommener Ansprechpartner für die Kommunen, diese Kombination ist wichtig in der täglichen Arbeit des Sozialpädagogen. Einen typischen Arbeitstag gibt es dabei für ihn nicht.

Er ist eine Mischung aus Streetworker und Jugendhilfe, ein Ansprechpartner, bevor offizielle Schritte eingeleitet werden. "Ich stehe wie ein Streetworker auf der Seite der Jugend, höre mir ihre Probleme an und versuche zu vermitteln. Ich bin aber auch von den Gemeinden beauftragt und angehalten, zum Beispiel Sachbeschädigungen aufzuklären", versucht er seine Aufgaben zu erklären. Da die Balance zu finden und zu halten sei eine Herausforderung.

Seine Stelle ist das Resultat eines Pilotprojekts. Insgesamt sechs Gemeinden, darunter neben Schwindegg und Buchbach auch Dorfen, Taufkirchen, Isen und St. Wolfgang, haben sich landkreisübergreifend zusammen geschlossen und eine mobile Jugendhilfe, gefördert von der Regierung, ins Leben gerufen. "Damit sollte vor allem den Auswüchsen von Gewalt und Vandalismus entgegengewirkt werden." Mobil deshalb, weil auch die Jugend nicht fest an einem Ort verankert ist. Nur allein Wohnort und Ort der Schule seien häufig nicht gleich. "Dass dann jemand anderes zuständig ist, macht es schwierig. Auch vor der Landkreisgrenze macht diese Mobilität nicht halt."

Sich immer wieder - auch während Gemeinderatssitzungen - rechtfertigen zu müssen, warum es seine Stelle braucht, war für Andreas Götz am Anfang neu und eine persönliche Herausforderung. "Häufig hieß es, das hat man früher nicht gebraucht, warum brauchen wir es jetzt?" Doch das Leben in ländlichen Gemeinden habe sich verändert. Aus vielerlei Gründen sei die Jugend oft nicht mehr so aktiv im Vereinsleben involviert, weshalb es sich Andreas Götz zum Ziel gesetzt hat, sie noch besser in das Leben der Gemeinden zu integrieren. Auch die Familiensituation ist nicht mehr dieselbe wie vor 50 Jahren. Manch eine Alleinerziehende stößt mit den Söhnen an ihre Grenzen. Zudem sind für Götz Kinder heute gestresster als früher.

Der Gewalt entgegenzuwirken war über die vergangenen sechs Jahre das Hauptaugenmerk. Dazu gehörte Präsenz auf Volksfesten, wo "viel getrunken und geschlägert" werde oder auf Elektro-Partys, auf denen auch Rauschgift ein Thema ist. "Viel getrunken wurde schon immer. Die Zahl der Jugendlichen, die trinkt und Probleme hat ist aber größer geworden", zeigt seine Erfahrung. Auch die Palette an synthetischen Drogen sei mit den Jahren deutlich gewachsen, ebenso die Zahl immer jüngerer Jugendlicher, die kiffen. "Der THC-Gehalt hat sich deutlich erhöht und gleichzeitig die Zahl der Jugendlichen, die irgendwann in die Psychiatrie eingeliefert werden."

Platz finden, wo Jugend erwünscht ist

Das sind die "härteren Fälle", mit denen Andreas Götz in Kontakt kommt. Zu seiner Arbeit zählt es aber auch, den Kontakt zu Cliquen aufzubauen oder der Jugend dabei zu helfen, einen Platz zu schaffen, an dem sie sich treffen kann wie in Schwindegg - auch wenn das Projekt immer wieder am seidenen Faden hängt. "Dass die Jugend einen Platz bekommt und sich nicht auf Kinderspielplätzen, hinter der Schule oder auf Discounter-Parkplätzen trifft, war mir schon immer wichtig", betont er. Doch viele Leute hätten Angst vor der Jugend, da einen Platz zu finden, wo sie erwünscht ist, sei schwierig. In Schwindegg ist das nahe des Bahnhofs gelungen und die Jugendlichen selbst haben beim Bau des Tipis aus Holz kräftig mitgeholfen. "Was sie mit den eigenen Händen schaffen, halten sie auch in Ordnung", weiß Andreas Götz aus Erfahrung. Und sein eigener Hintergrund im Messebau kommt ihm beim Bau zugute.

Projekte wie dieses sind für Andreas Götz in der Umsetzung einfacher geworden. Nach sechs Jahren ist die Anschubfinanzierung durch die Regierung ausgelaufen, wodurch auch der Fokus auf Gewalt und Vandalismus nicht mehr ausschließlich ist - auch wenn beide Themen immer noch einen großen Teil seiner Arbeit ausmachen. "Jetzt, wo die Gemeinden die mobile Jugendhilfe alleine finanzieren, ist mein Profil deutlich vielschichtiger geworden."

Dazu gehört Präventionsarbeit und die Vermittlung von Zivilcourage, die Mediation mit Nachbarn von Jugendtreffs, Beratungen der Gemeinden in Jugendfragen und die Zusammenarbeit mit Jugendreferenten - aber vor allem das Gespräch auf Augenhöhe mit den Jugendlichen selbst. "Ich habe einen guten Draht zu ihnen, vielleicht auch aufgrund meiner eigenen schwierigen Jugend." Das Vertrauen ist da, was sie ihm erzählen, bleibt bei ihm. "Es sei denn, es handelt sich um ein Kapitalverbrechen, das müsste ich melden."

Mit seiner Arbeit, bei der ihm auch Hündin Emmi als starke soziale Komponente zur Seite steht, ist Andreas Götz zufrieden. "Mir ist klar, dass ich nicht die Gesellschaft als Ganze verändern kann, aber ich kann doch meinen Beitrag leisten, Gesellschaft zu gestalten. Die Jugend ist unsere Zukunft, die Auseinandersetzung ist oft mühsam aber wichtig." Er wollte einen sinnvollen Beruf. "Das ist die mobile Jugendhilfe in jedem Fall." nk

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