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„Klappern gehört zum Handwerk“

„Deutschlandweit fehlen 100.000 Leute“: Wie Unternehmen in der Region sich Fachkräfte und Nachwuchs sichern

Löten ist nur eine von vielen Aufgaben eines Anlagenmechanikers. Die Arbeit ist vielseitig, Interessenten für den Beruf gibt es nur wenige.
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Löten ist nur eine von vielen Aufgaben eines Anlagenmechanikers. Die Arbeit ist vielseitig, Interessenten für den Beruf gibt es nur wenige.
  • VonAnja Leitner
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Fachkräftemangel und kein Nachwuchs in Sicht: Hier ist Kreativität gefragt. Das unternehmen Betriebe in der Region, um sich Fachkräfte zu sichern.

Gars/Soyen – Fachkräftemangel und kein Nachwuchs in Sicht: Gegen dieses Problem kämpft das Handwerk schon seit Jahren. Was tun die Betriebe, um ihre Angestellten zu halten und wie hart ist der Kampf um gute Leute?

Josef Pflügl, Inhaber der gleichnamigen Firma in Lengmoos.

Josef Pflügl, Inhaber von Pflügl Haustechnik GmbH & Co. KG in Lengmoos bei Gars, weiß, wie sehr der Arbeitsmarkt umkämpft ist. „Man muss seinen Leuten einfach was bieten, dann bleiben sie auch“, sagt der Innungsobermeister für Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik in Traunstein.

Fluktuation sehr gering

„Wir bezahlen übertariflich, bei uns bekommen beispielsweise die Anlagenmechaniker um die 3500 Euro brutto im Monat. Der Tariflohn liegt bei etwa 3200“, so Pflügl, „gleichzeitig muss das Arbeitsklima passen. Wir richten Feste für unsere Mitarbeiter aus. Wenn sie Geburtstag feiern wollen, können sie unsere Hütte benutzen. Die Jungen feiern demnächst hier eine kleine Disco-Party. Das Miteinander muss einfach passen“, erzählt er.

Bei der Firma Pflügl arbeiten zurzeit 50 Mitarbeiter im Büro, im Kundendienst, Lager oder als Anlagenmechaniker. Davon sind sieben Azubis, fünf weitere Lehrlinge folgen im Herbst. Und die Fluktuation sei sehr gering, so der Firmenchef.

Doch grundsätzlich habe das Handwerk einen großen Mangel an Fachkräften und Auszubildenden. „Deutschlandweit fehlen 100.000 Leute, der Arbeitsmarkt ist leer“, sagt der Innungsobermeister. Außerdem komme noch das große Problem hinzu, dass sich die Industrie „die guten Leute abfischt“. Nach der Ausbildung würden die Gesellen abgeworben. „Der Markt ist hart umkämpft. Und die großen Konzerne bezahlen natürlich auch gut.“

Doch viele kleine Betriebe könnten es sich nicht leisten, ihre Angestellten tariflich oder sogar übertariflich zu bezahlen. Pflügl sieht hier die Politik in der Pflicht. „Die extreme Steuerlast ist ein großes Problem für kleine Unternehmen. Die Lohnsteuerkosten sind gigantisch. Das muss der Betrieb erst mal stemmen. Gleichzeitig muss man wirtschaften und die Mitarbeiter gut bezahlen. Für mich ist es kein Wunder, dass darunter das Handwerk leidet“, verdeutlicht er.

Darüber hinaus habe die Branche ein „großes Imageproblem“, sagt Pflügl. „Das beste Beispiel: Wir haben einen Auszubildenden hier bei uns mit einem Abiturschnitt von 1,5. Er wollte aber lieber etwas Handwerkliches lernen, doch sein Lehrer hätte ihm abgeraten: Er solle lieber studieren“, erzählt der Innungsobermeister, „das verstehe ich wirklich nicht. Und dieses Verhalten finde ich sehr bedenklich. Die Gesellschaft hat sich stark verändert. Ohne Abitur und Studium ist man nichts wert. Es fehlt einfach die Wertschätzung“, beanstandet der Firmenchef.

Dabei habe gerade ein handwerklicher Beruf viele Vorteile, meint Pflügl. „Wenn ich mir selber helfen kann – das ist doch so viel wert. Ich brauche niemanden, der mir mal schnell eine Fuge ausspritzt oder was zusammenbaut – für mich kein Problem. Doch für viele andere schon“, meint der Innungsobermeister.

Das sieht Rudolf Schiller, Inhaber der gleichnamigen Zimmerei in Soyen und Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft Rosenheim, ähnlich. „Wer als Zimmerer arbeitet, kann sich so bei Bedarf selbst Wohnraum schaffen“, erklärt Schiller.

Grundsätzlich habe aber jede Handwerksbranche mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen. „Wir als Zimmerei können uns glücklich schätzen, dass wir in den vergangenen Jahren eher Aufschwung hatten, auch was die Anzahl der Arbeitskräfte angeht. Heuer stellen wir vier Azubis ein. Ein Lehrling ist fertig, er bleibt bei uns.“ Insgesamt beschäftige die Zimmerei Schiller 14 Angestellte, so der Firmenchef.

Übertarifliche Bezahlung

Die Fluktuation in seinem Betrieb sei relativ gering. „Es gibt natürlich Unterschiede auf dem Land und in der Stadt. Hier bei uns in Soyen haben viele noch Berührungspunkte mit dem Handwerk. In der Stadt ist es erfahrungsgemäß schwieriger, das Personal zu halten“, so der Vorsitzende.

Damit seine Mitarbeiter zufrieden sind, bezahle Schiller übertariflich. Es würden aber auch andere Faktoren zählen, wie den Angestellten eine Perspektive zu bieten. „Die Lehrlinge richtig ausbilden, betriebliche Weiterbildungen veranlassen, die Mitarbeiter fördern – das ist ganz wichtig. Man muss die Leute fürs Handwerk begeistern“, verdeutlicht er.

Trotzdem habe sich in den vergangenen zehn Jahren einiges geändert, beispielsweise geht Schiller selbst in die Schulen, um den Heranwachsenden die Berufe vorzustellen. „Klappern gehört zum Handwerk. Ich halte Vorträge und bin auf Messen unterwegs, um Nachwuchs zu akquirieren. Ganz wichtig dabei ist es, die eigenen Azubis mitzunehmen. Die Schüler unterhalten sich lieber mit Gleichaltrigen“, erklärt er, „es ist wichtig, mit der Zeit zu gehen, auch im Hinblick auf soziale Medien. Man muss die Zielgruppe einfach abholen“, sagt Schiller.

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