Er fährt! Der unverwüstliche Wald-Käfer aus Unterreit macht seine erste Probefahrt

  • Andrea Klemm
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Der „Waldkäfer“ – er fährt! Zwar hat er noch keine Türen, kein Dach und keine Frontscheibe. Und eigentlich sitzt auf dem Rahmen nur der vordere Karosseriekorb mit Lenkrad. Dennoch: Auf der freien Privatstraße macht die restaurierte VW-Karosserie mit Feuerwehrpumpe als Antrieb an die 100 Sachen.

Kraiburg/Unterreit – Man kann immerhin schon erahnen, dass es sich um einen „Kugelporsche“ Baujahr 1958 handelt. Noch vor einem Jahr lag das schrottreife Kultauto in einem Wald bei Grünthal halb verschüttet, bis es von Flo Rauscheder aus Kraiburg gemeinsam mit seinem Bruder Markus ausgegraben und geborgen wurde. Gut fünf Jahrzehnte dürfte der VW Käfer 1200 dort vor sich hin gegammelt haben.

Rost als gewolltes Stilmittel

Auf die Probefahrt haben sich Flo Rauscheder aus Kraiburg und Adi Ruhaltinger aus Mühldorf schon lange gefreut. Die beiden Schrauber-Spezln haben sich gemeinsam das verrückte Projekt vorgenommen, den Käfer zu restaurieren, so viel an Originalteilen wie möglich zu erhalten und wieder auf die Straße zu bringen. Und das Ganze im „Rat-Look“, wie man das in der Szene nennt, wenn Rost ein gewolltes Stilmittel ist. „Der Style bleibt abgefuckt, samt Roststellen und Moos. Das undefinierbare ausgeblichene Grün und die Spuren des Alters und der Witterung werden konserviert mit Owatrol-Öl“, sagt Flo (38), der gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Markus (36) in Kraiburg hobbymäßig eine Hinterhof-Werkstatt betreibt. Aus Spaß am Schrauben. In seinem „bürgerlichen Leben“ arbeitet Flo bei der Post.

Motor mit Feuerwehrpumpe ersetzt

Der „Waldkäfer“ ist nun aus mehreren Fragmenten baugleicher Käfer zusammengebaut, „um eine gesunde Struktur zu bekommen“, erklärt Flo, der jedes Einzelteil des Waldkäfers zerlegt, begutachtet und wenn möglich, repariert hat. Das Originalgetriebe sei zwar noch funktionstüchtig, allerdings so stark korrodiert, dass es kein Öl hält.

Sieht doch schon recht ordentlich aus – der Waldkäfer. Die beiden „Bruchpiloten“ Adi Ruhaltinger (links) und Flo Rauscheder freuen sich auf die Testfahrt.

Hälfte des Projektes ist erreicht

Ein Motor war nicht mehr vorhanden, als die Rauscheders den Schrottwagen, den im Wald jemand als Unfallwagen entsorgt hatte, vergangenen Herbst bargen. Seither habe Flo Rauscheder fast täglich an seinem Projekt gewerkelt, sein Mitstreiter Adi die ganzen Teile sandgestrahlt. Der Unterboden wird wie neu aussehen. Die Oberseite, also auch das „Häusl“ und die Innenausstattung werden die Geschichte des Wagens erzählen – und „antik“ sein. „Wir wollen den Charakter des Käfers erhalten und verzichten auf Neuteile, die müssten wir sonst patinieren. Technisch steht er – nun sind wir etwa bei der Hälfte unseres Vorhabens“, sagt Flo Rauscheder nicht ohne Stolz.

So im Wald vergraben wartete der VW Käfer auf seine Bergung.

Natürlich ist die Karosserie tiefer gelegt und hat vorerst ein sogenanntes Statik-Fahrwerk bekommen und gedroppte Federschwerter für die stabile Spur der Hinterachse. Vermutlich ist der Wagen damit aber zu tief und ein Luftfahrwerk wird nachgerüstet, um den Käfer heben und senken zu können.

Bremsen aufzutreiben war nicht einfach

Die Pulverbeschichtung der Teile nahm Korbinian Bayer vom „Werk 84“ in Kastl vor. „Allererste Sahne“, lautet Flos Urteil.

Sieht doch schon recht ordentlich aus – der Waldkäfer.

Auf die Frage, ob es bei den Arbeiten unangenehme Überraschungen gegeben habe, antwortet der Tüftler mit einem Augenrollen, wie schwierig es gewesen sei, für dieses Käfer-Modell Bremsen aufzutreiben. Auch die Schweißarbeiten am Bodenteil waren umfangreicher als ursprünglich gedacht.

Viele Tipps über Facebook und Instagram

Der Tank besteht aus zwei alten. „Grad beim Zamheften ging mir das Schweißgerät kaputt – und das an einem Wochenende. Zefix“, flucht er lachend.

Adi Ruhaltiger und Vanessa Möller taugt es im „Waldkäfer“.

Weil die Geschichte des Waldkäfers durch den Bericht in der Wasserburger Zeitung und die Sozialen Netzwerke so viel Aufmerksamkeit erhielt, bekamen Flo und Adi von Fans viele Kleinteile, wie Zündunterbrecher oder Zündkerzen oder gleich ganze „Überlebenspakete“ angeboten und teilweise geschenkt.

Stabilität durch selbsttragenden Rahmen

„Der Flo hat sich fast schon fanatisch ins VW-Käfer-Thema eingearbeitet. Das Netzwerken auf Instagram und Facebook ist super, da kommen auch viele Tipps“, sagt Ruhaltinger. „Ja, wennst sowas restaurieren willst und dich nicht auskennst, bist verloren“, ergänzt Flo.

Der Motor, der beim Käfer bekanntlich im Kofferraum sitzt, war nicht mehr vorhanden. Die Schrauber haben dem Waldkäfer ein Teil einer alten Feuerwehrausstattung eingebaut. Es handelt sich um einen alten VW-Industriemotor, eine Feuerwehr-Tragkraftspritzenpumpe. Im Moment funktioniert er wie ein Pumpenmotor – unabhängig von der Zündung. „Das bauen wir noch um“, lacht Flo. Das hofft der TÜV wohl auch.

Keine Rallye im Corona-Jahr

Die Stabilität des Gefährts, das im Moment an eine Seifenkiste erinnerte, kommt vom selbsttragenden Rahmen“, sagt Adi Ruhaltinger. Das Wichtigste sei, dass Hinterachse und Vorderachse, die mit dem Mitteltunnel verbunden seien, nicht durchgerostet sind. „Das ist das Rückgrat des Wagens“, erklärt der Mühldorfer, der im Bereich Oldtimer- und Rennsportservice tätig ist. Und in seiner Freizeit Rallye fährt, zum Beispiel in Algerien oder Rumänien. Nicht aber im Corona-Jahr, wie er bedauert.

Der Waldkäfer und seine „Projektgruppe“: Flo Rauscheder, Adi Ruhaltinger, Hobby-Fotograf Stefan Kura, der alles dokumentiert und Vanessa Möller.

Umso größer war die Vorfreude auf die Testfahrt mit dem Waldkäfer. Dass dieser auf der freien Strecke einer Privatstraße 100 Sachen macht, liege zum einen am geringen Gewicht, weil „Häusl“ und Innenausstattung – bis auf die Sitze – fehlen. Aber auch am Standmotor, der autark läuft.

Durch den Waldkäfer neue Liebe getroffen

Große Jungs, großes Spielzeug. Adi Ruhaltinger bei Probesitzen. Im Hintergrund sind Flo Rauscheder (rechts) und sein Bruder Markus zu sehen.

Nicht verwunderlich ist, dass das Projekt Waldkäfer für Gesprächsstoff sorgt. „Sowas bringt die Leut‘ zam“, sagen die Beteiligten. Und wie! Der „Waldkäfer“ hat dem Flo auch eine neue Liebe eingebracht: Seine „Schrauberbraut“ hat er bei einem Autotreffen kennengelernt.

Waldkäfer überwinterte im Wohnzimmer

Der Unterbau des Waldkäfers hatte in Flo Rauscheders Wohnzimmer einen Ehrenplatz.

Vanessa Möller aus Altenmarkt ist total begeistert und nun voll bei der „Operation Waldkäfer“ eingebunden. Natürlich auch schon damit gefahren. „Sowas ist genau mein Ding, das bockt voll“, sagt die 32-Jährige mit leuchtenden Augen. „Beste Frau“, findet Flo. Vermutlich auch, weil sie es gar nicht seltsam fand, dass das Unterteil des Waldkäfers den Winter über im Wohnzimmer stehen durfte.

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