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Einsatz für Menschen mit Beeinträchtigung

Der neue Wasserburger Behindertenbeirat ist voller Tatendrang

Voller Tatendrang: Der neue Behindertenbeirat, bestehend aus Ingo Hesse, Ethel-D. Kafka (Geschäftsführerin), Doreen Bogram und Anita Förtsch (von links) steht in den Startlöchern. Jeder der mit einer Behinderung zu tun hat – ob diese sichtbar ist, oder nicht – kann sich mit seinen Anliegen an das Team wenden, das im Bürgerbahnhof angesiedelt ist.
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Voller Tatendrang: Der neue Behindertenbeirat, bestehend aus Ingo Hesse, Ethel-D. Kafka (Geschäftsführerin), Doreen Bogram und Anita Förtsch (von links) steht in den Startlöchern. Jeder der mit einer Behinderung zu tun hat – ob diese sichtbar ist, oder nicht – kann sich mit seinen Anliegen an das Team wenden, das im Bürgerbahnhof angesiedelt ist.
  • Andrea Klemm
    VonAndrea Klemm
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Sie selbst mussten oft kämpfen, um sich zurecht zu finden: Anita Förtsch, Doreen Bogram und Ingo Hesse. Die Drei bilden nun den neuen Behindertenbeirat der Stadt Wasserburg und sind die Anlaufstelle und das Sprachrohr für Menschen mit Beeinträchtigung.

Wasserburg – „Seit zwölf Jahren leide ich an meiner schweren Gehbehinderung und musste viel kämpfen. Wenn ich jemandem helfen kann, dass der es leichter hat – sei es in Sachen Barrierefreiheit in der Stadt oder bei Papierkram – bin ich da“, sagt Anita Förtsch, eine der neuen Behindertenbeiräte der Stadt Wasserburg. Die 52-Jährige freut sich, ihren Beitrag ehrenamtlich leisten zu dürfen.

Anliegen an den Beirat herantragen

Gemeinsam mit Doreen Bogram und Ingo Hesse bildet Förtsch das Dreigestirn, unterstützt von Geschäftsführerin Ethel-D. Kafka. Der Behindertenbeirat – angesiedelt im Bürgerbahnhof – ist die Anlaufstelle für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige; im November fand die konstituierende Sitzung statt. „Dieses Mal gab es für den Beirat viele Interessierte und ein Bewerbungsverfahren. Die Stadträte haben sich für die Drei entschieden“, freut sich Kafka im gemeinsamen Zoom-Interview.

Bis 2026 ein Team

Die Amtsperiode läuft analog zu der des Stadtrates, so dass das Team bis 2026 nun zuständig ist, die Interessen von Menschen mit Handicap gegenüber Verwaltung, Stadtrat und Bürgermeister zu vertreten. Als begleitende Berater sind Elfriede Weiherer und Wolfgang Slatosch noch zwei Jahre an Bord.

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Kafkas Appell an Bürger, die mit einer Behinderung zu tun haben: „Wer ein Anliegen hat, braucht keine Scheu zu haben, sich an den Beirat zu wenden. Wir sind das Sprachrohr zur Stadt und natürlich auch für Menschen mit nicht sichtbaren Beeinträchtigungen da“, so Kafka. Ohne diesen Input tue sich der Beirat schwer. Und nur durch den Austausch mit Betroffenen bleibe der Beirat auf dem neuesten Stand. „Ob und was baulich machbar ist, etwa Bordsteinabsenkungen, besprechen wir mit Stadtbaumeisterin Mechtild Herrmann“, so Kafka weiter.

Vernetzung und Zusammenarbeit

Mit Herrmann sowie Seniorenbeauftragter Friederike Kayser-Büker, aber auch den örtlich ansässigen Diensten, Einrichtungen und Organisationen werden die verschiedenen Impulse besprochen, die der Beirat „einsammelt“ und vorträgt. Hier gebe es eine enge Zusammenarbeit und eine gute Vernetzung. So sei dieses Organ auch zuständig für Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Behindertenpolitik.

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Mit Doreen Bogram hat der Beirat eine erfahrene und streitbare Frau im Team: Die 49-Jährige ist schwerbehindert durch eine unheilbare Erkrankung und arbeitet als Gewerkschaftssekretärin in Rosenheim im Bereich Rechtsschutz für die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Leidensweg bis zur Anerkennung

„Ich weiß, wie wichtig es ist, Schwerbehinderte zu unterstützen und zu integrieren, ich hatte auch meinen Leidensweg bis zur Anerkennung, dass ich wirklich krank bin“, sagt die quirlige Frau. Ihr sieht man die Krankheit nicht an. „Man sieht Behinderungen meist nur, wenn jemand im Rollstuhl sitzt oder ihm ein Arm fehlt. Wer nicht sichtbar ist, wird übersehen“, so Bogram.

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Was ihr in der Altstadt Wasserburgs auffällt: Menschen mit Sehbeeinträchtigungen sind bisher in Sachen Barrierefreiheit nicht berücksichtigt. Sie wünscht sich, dass bei der nächsten Sanierung sogenannte Blindenleitsysteme eingearbeitet werden, damit man mithilfe eines Blinden- oder Pendelstocks etwa den Gehweg taktil erfassen kann.

Zu hohe Bordsteine

„Barrierefreiheit im öffentlichen Raum, aber auch Beratungen für behindertengerechten Wohnraum sind unsere Themenschwerpunkte“, sagt Ingo Hesse, der auch gleich an Familien mit Kinderwägen denkt, die auf breitere Fußwege, Rampen und Absenkungen an Gehsteigen angewiesen sind. Hesse ist 56 Jahre alt und auch von einer Behinderung betroffen. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist herauszufinden, wenn man fragen kann und welche Rechte man hat“, sagt er im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung.

Erreichbarkeit des Klinikneubaus

Ein Herzensthema ist für ihn der Klinikneubau von kbo und Romed, dass der gut mit Rollstuhl und Rollator erreichbar sein wird. Dazu gehöre die Gestaltung der Wege und Zufahrtsmöglichkeiten. Für die Innengestaltung gebe es Statuten, die die Architekten ohnehin umsetzen müssen.

Mittelalterpflaster ist anstrengend

Anita Förtsch, die vor fünf Jahren von Bachmehring nach Wasserburg gezogen ist, sei aufgefallen, dass es in der Stadt zu wenig Behindertenparkplätze gebe. In der Altstadt sei das buckelige Mittelalterpflaster für Menschen, die schlecht zu Fuß sind, anstrengend – mit dem Rollstuhl oder einer Gehilfe erst recht. Gut gelöst dagegen seien jene Gehwege, die bereits barrierefrei umgewandelt seien.

Mehr Ruhebankerl in der Stadt erwünscht

Laut Förtsch und Hesse gebe es noch zu viele Stufen oder zu hohe Gehsteige, die Hindernisse darstellen. Man wolle sich auch für mehr Parkbänke in der Stadt, etwa der Ledererzeile, einsetzen. Für Gehbehinderte sei es wichtig, sich zwischendurch setzen zu können, um sich auszuruhen. Auch an der Innhöhe wird ein geeignetes Platzerl für ein Ruhebankerl gesucht.

Kontaktcafé nach Corona

Wenn Corona vorbei ist, soll, so Kafka, das Kontaktcafé im Bürgerbahnhof wieder reaktiviert werden. Vor der Pandemie fand es einmal monatlich statt. Dort konnten sich betroffene Menschen vernetzen und austauschen und sehen: ich bin nicht allein.

An dieser Stelle lobt Anita Förtsch auch das Cafésito, in dem Bewohner der Stiftung Attl arbeiten. „Das ist ganz toll, die haben Teil. Dort ist es für mich wie in einer Familie“, schwärmt sie. Hesse ergänzt, der ganze Bürgerbahnhof mit all seinen Fachstellen sei eine prima Sache.

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Stichwort Schwerbehindertenausweis:

Beruflich hat Doreen Bogram in ihrer Funktion bei ver.di mit dem Thema Rechtsschutz und auch dem Schwerbehindertengesetz SGB IX zu tun. Bogram weiß aus eigener Erfahrung, dass es für Betroffene eine große Überwindung ist, den Schwerbehindertenausweis zu beantragen: „Man wehrt sich innerlich dagegen, will sich nicht als krank sehen.“ Die Feststellung auf den Grad der Behinderung hänge von vielen Faktoren ab. Das SGB IX schütze Schwerbehinderte – etwa davor, im Job zwangsversetzt zu werden, „weil man nicht mehr so leistungsfähig ist“, so Bogram. Wer ohnehin schon eingeschränkt sei durch seine Erkrankung und den Ausweis beantrage, habe oft die Befürchtung, vom Arbeitgeber noch mehr eingeschränkt zu werden. „In unserer Leistungsgesellschaft gibt es eine Angst vor dem Makel, dem Stempel ,schwerbehindert‘. Doch den Antrag zu stellen, lohnt sich“, so Bogram.

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