Kommentar: Holocaust-Gedenken in Wasserburg – "ein Denkmal zur richtigen Zeit"

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Beseitigung der Schäden des Hochwassers 1940 durch französische Kriegsgefangene (hier: Schwemmsand schaufeln). Mit dem Thema der NS-Zwangsarbeiter in und um Wasserburg beschäftigt sich auch eine Forschungsarbei. 
  • Heike Duczek
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„Ein Denkmal für die Opfer der NS-Zeit?“ – der Gassigeher, der am Wasserburger Heisererplatz innehält, schüttelt genervt den Kopf. „Dieses Kapitel der deutschen Geschichte sollten wir endlich abschließen, statt uns immer wieder zu erinnern“, sagt er sichtlich verärgert und eilt kopfschüttelnd weiter.

Den Kommentar schreibt Heike Duczek. 

So wie er mögen vielleicht einige denken. Doch dieses Kapitel im Geschichtsbuch lässt sich nicht einfach überblättern oder gar ausradieren. Die Gäste an der Einweihung des Denkmals gehören zwar alle zu den nachfolgenden Generationen, die keine Schuld am Geschehen auf sich geladen haben. 

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Verantwortung tragen sie aber trotzdem – dafür, dass sich ein Unrechtsregime wie das der Nationalsozialisten nicht wiederholt. Das ist in diesen Zeiten, in denen Rechtspopulisten wieder nach der Macht greifen, so wichtig wie selten zuvor in der Nachkriegsgeschichte.

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Deshalb kommt das zentrale Denkmal für die Opfer des NS-Regimes in Wasserburg zwar spät, aber zur richtigen Zeit. Und es liegt am richtigen Platz: Mitten in der Stadt kann es kaum jemand übersehen.

"Sie nennen die Opfer beim Namen"

Die 62 Stelen nennen die Opfer außerdem beim Namen. Und diebegleitende Forschung von Stadtarchiv und Bezirk Oberbayern hat dafür gesorgt, dass niemand mehr sagen kann, das Töten habe es in Wasserburg nicht gegeben. Auch hier wurden Menschen deportiert, ermordet, verfolgt, ausgebeutet, eingeschüchtert, ihrer Freiheit beraubt. Das Denkmal hält die Erinnerung an sie wach – und gibt die einmalige Chance, Geschichtsunterricht gegen das Vergessen wirkungsvoll zu gestalten. Eine Schulklasse, bei der der Nationalsozialismus auf dem Lehrplan steht, kann hier sehen, lesen und begreifen, was Hass und Ausgrenzung bedeuten.

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Das dunkelste Kapitel Wasserburger Geschichte ist auch mit dem Denkmal noch nicht zu Ende erzählt, denn es gibt nach wie vor Forschungslücken. Deshalb ist auf den Stelen Platz für neue Namen. Die Erinnerungsarbeit geht also weiter. Gut so, denn selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste vor wenigen Tagen bei seiner Rede zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz in Jerusalem zugeben: Er wünsche sich, sagen zu können: „Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten.“

Dem Hass weniger Chancen 

Auch in Wasserburg? Scheinbar nicht. Denn hier leben Bürger aus über 90 Nationalitäten friedlich zusammen. Doch die Internetforen, in denen die braune Saat aufgeht, haben auch hier ihre Fans. In einer Stadt, die sich mit einem zentralen Denkmal an einem zentralen Platz so klar zu ihrer Verantwortung bekennt, hat der wieder aufkeimende Hass aber vielleicht weniger Chancen, sich weiter zu verbreiten.

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