"Den Staubsauger mach' ich Mama aus"

Leo, sieben Jahre, Lausbubenlachen und Lausbubencharme.
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Leo, sieben Jahre, Lausbubenlachen und Lausbubencharme.

Singt im Radio eine Frau, singt sie nicht lange. Leo macht das Radio aus.

Nadine gab den geliebten Gospelchor auf. Der kleine Junge und die junge Frau hören extrem. Ein Schicksal, dass sie mit nicht einmal einem Prozent der Deutschen teilen. "Hyperakusis" heißt die Krankheit, die Leo und Nadine manchmal den letzten Nerv raubt.

Wasserburg - "Der hört das Gras wachsen" oder "Die hört die Flöhe husten" - oft schnell dahin gesagt. Schwierig wird's wenn es stimmt. "Wenn meine Kolleginnen nicht mal annähernd die Leuchtröhre der Beleuchtung in der Arbeit zischen hören, ist es für mich ein unerträglicher Krach" sagt Nadine Huber (Nachname geändert). Die 24-Jährige ist seit einem halben Jahr nicht mehr derselbe Mensch, der sie einmal war. Bei ihr tauchte die Hyperakusis plötzlich auf. Leo hingegen hat die Krankheit von Geburt an. Festgestellt wurde das erst vor etwa einem Jahr, als er sich richtig gut ausdrücken konnte. "Das war schon immer so. Ich habe gedacht, das ist normal", sagte der damals Sechsjährige zu seiner Mutter Regina Niedernhuber (Nachname geändert).

Staubsaugen? Geht gar nicht. "Da mache ich den Staubsauger einfach aus", sagt Leo, "und wenn Mama ihn wieder anmacht, dann ziehe ich den Stecker", erzählt der Siebenjährige mit einem frechen Grinsen. "Ich habe das lange als Lausbubenstreich abgetan - bis feststand, dass Leo einen Grund dafür hat", sagt seine Mutter

Es ist sind sowohl die Lautstärke als auch das Hören ungewöhnlich hoher Frequenzen, das Leo, Nadine Huber und ihren rund 700000 Leidensgenossen das Leben so schwer macht. Da wird der Scanner an der Supermarktkasse zum Problem, der bremsende Lkw, der Föhn, die kieksende große Schwester und auch das Signal am Auto, wenn der Tank leer ist. Nadine Huber hat ihren Cappuccino-Automaten aus ihrer Küche verbannt, denn das Mahlwerk der Maschine raubt ihr den letzten Nerv. Mit Mama und den Schwestern Plätzchen oder Kuchen backen, das ging für Leo gar nicht. Bis Regina Niedernhuber sich einen altmodischen Handrührer zulegte.Jetzt kann Leo die Teigreste aus der Schüssel schlecken. Aus der Plastikschüssel, eine Metallschüssel wäre zu laut. Da drohten schon wieder Kopfschmerzen.

Nadine Huber musste ihren Alltag völlig umkrempeln. "Nicht einfach, wenn man plötzlich anders ist", sagt die Amerangerin. Doch sie werde lernen, damit umzugehen, ist die Krankenschwester sicher. Wenn ein Krankenwagen mit dem Sondersignal, also dem eingeschalteten Martinshorn in die Klinik fahre, ergehe es ihr immer gleich: "Neben einem erhöhten Puls, schrecklichem Kopfschmerz und einem Schwindelgefühl wegen des übermäßigen Schalls, spüre ich ein Kribbeln am Kopf und der Schulter, das sich schrecklich anfühlt", beschreibt Nadine Huber Situationen ihres Alltags, die sie mittlerweile fürchtet. Mittlerweile tut sie überwiegend im Schwesternzimmer Dienst. Aber: "Der Wagen mit den Essenstabletts quietscht immer so, das ist ein schrecklicher Ton, den ich noch nicht abstellen kann."

Leo geht in die erste Klasse. In eine neue erste Klasse. Eingeschult wurde er in einem Dorf im Wasserburger Umland. Die 25 Kinder in der Klasse waren einfach zu viel. Der quirlige, fröhliche Leo zog sich immer mehr zurück, "mein Lauser blockte alles ab", erzählt seine Mutter. Jetzt geht Leo in eine der Wasserburger Grundschulen, hat 16 Klassenkameraden und nach Ansicht seiner Mutter "das große Los gezogen". Und er ist kein Einzelfall: In seiner Klasse ist ein schwerhöriges Kind, das Hörgeräte trägt. Da finden es die Klassenkameraden völlig okay, wenn Leo, der das Gras wachsen hört, sich einfach die dicken Ohrenschützer aufstülpt, wenn es ihm zu laut wird.

Leo hat Fußball gespielt. Ging gar nicht. Die Trillerpfeife. Jetzt macht er Reittherapie, seine Mutter hofft, dass er durch die ruhige Atmosphäre lernt, störende, schrille Geräusche besser ausblenden zu können. Aber eigentlich will Leo lieber boxen.

Das Ausblenden lernt Nadine Huber gerade. Der HNO-Arzt, der ihr die Diagnose unterbreitet hatte, riet ihr, sich mit einem Training darauf einzustellen. Mittels eines "Noisemakers". Nadine Huber soll mehrfach pro Tag mit dem eingestellten Geräusch, das einem Wind ähnelt, das Gehirn trainieren, mit bestimmten Geräuschen umzugehen und diese nicht mehr als störend anzusehen.

Leo hat seine eigene Art, mit störenden Geräuschen fertig zu werden: Er hält sich die Ohren zu und macht selber Geräusche, übertönt die Umwelt. Geht leider nicht immer. Wer Leo bespaßen und in den neuen Asterix-Film einladen will, könnte sich einen Korb holen: Trotz mitgebrachter Ohrendämmung - er wickelt sich einen Schal um und setzt die Kapuze auf - ist Kino für Leo ein schreckliches Erlebnis: Viel zu viele viel zu laute Töne aus viel zu vielen Richtungen. Ein Asterix-Heft fände Leo vermutlich viel cooler.

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