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Peggy Hennrich bietet Hippotherapie auf Gut Gern an

Demenz: Gut ausgebildete Pferde überzeugen in Wasserburg als Co-Therapeuten

Behutsam nähern sich Reitherapeutin Peggy Hennrich und ihre Patientin Karin (Name von der Redaktion geändert) der 20-jährigen Stute Grazia.
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Behutsam nähern sich Reitherapeutin Peggy Hennrich und ihre Patientin Karin (Name von der Redaktion geändert) der 20-jährigen Stute Grazia.
  • Petra Maier
    VonPetra Maier
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Peggy Hennrich arbeitet in Wasserburg auf Gut Gern als Pferdetherapeutin und erlebt dabei immer wieder die heilsame Wirkung ihrer Pferde auf ihre Patienten. Es sind „Gänsehautmomente“, beschreibt sie. Die Krankenkassen erkennen den therapeutischen Nutzen bisher kaum an. Wir schauten der Therapeutin bei ihrer Arbeit über die Schulter.

Wasserburg – Karin (Name von der Redaktion geändert) geht mit kleinen Schritten auf die große Warmblutstute Grazia zu. Die 60-Jährige ist an Demenz erkrankt und kommt einmal wöchentlich nach Gut Gern in Wasserburg, um hier zusammen mit Peggy Hennrich und ihrer Stute die heilsame Wirkung der Pferdetherapie zu genießen. Karin streichelt der großen Stute den Hals und bürstet sie mit großen Bewegungen vor dem gemeinsamen Ausgang mit der Longe. Grazia hält still. Ihre Ohren sind aufmerksam nach vorn gerichtet.

Karin leitet die Stute Grazia. Als demenzkranke Patientin stärkt sie dadurch unbewusst ihre Konzentration und ihren Gleichgewichtssinn. Eigenverantwortlich stoppt sie den Ausflug, wenn ihr das Tempo zu schnell oder die Strecke zu lang wird. Dadurch wächst auch das Selbstbewusstsein.

Verantwortung für Mensch und Pferd

Pferd und Patientin kennen sich seit drei Jahren. Sie sehen harmonisch aus in ihrem Miteinander. Dennoch hat die Pferdetherapeutin beide immer wachsam im Auge. Sie ist gleichermaßen verantwortlich für das Wohl von Mensch und Tier.

Als junges Mädchen verdiente sie sich ihre ersten Reitstunden mit Ausmisten in ihrem kleinen Heimatort in Thüringen. Später legte sie Reitabzeichenprüfungen in der klassischen Reitweise und im Westernreiten ab. 2019 machte sie ihren Meister im Fach Pferdewirtschaft, „und zwar nach Paragraf 11“, wie sie betont.

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„Ich war einfach immer schon am Reiten und an den Pferden interessiert und spürte sehr schnell, dass die Beziehung zwischen Pferd und Mensch eine besondere sein kann“, beschreibt es die 50-jährige Pferdefachfrau heute. 2018 ließ sie sich zur anerkannten Reittherapeutin ausbilden – eine umfangreiche Fortbildung, denn als Pferdetherapeutin übernimmt Peggy Hennrich nicht nur Verantwortung für das Wohl der Patienten, sondern auch für das der Pferde, die sie wertschätzend als ihre „Co-Therapeuten“ bezeichnet.

Die zierliche blonde Frau leitet ihre drei Therapiepferde nicht nur selbst an, sondern kann auch ihr Temperament und ihren Gemütszustand genau einschätzen und sie zusätzlich körperlich in Topform halten. Die Muskeln der Tiere müssen gut trainiert sein, damit sie die liegende Acht mit ihrem großen Pferdekörper ganz automatisch gehen. Diese schwingende Bewegung sei für die Behandlung vieler psychischer aber auch physischer Erkrankungen von großer Bedeutung, so die Fachfrau.

„Es kommen Menschen mit Lähmungen zu mir, aber auch solche, die keine eigene Körperspannung haben und andere, die zuviel davon besitzen und deren Körper total verkrampft ist. Sie schwingen mit dem Pferd mit, Blockaden und Ängste lösen sich, Tiefenentspannung breitet sich aus.“

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„Dafür müssen die Pferde ein spezielles Training in Gelassenheit und Schrecksicherheit absolvieren. Wenn ein Patient plötzlich herumfuchtelt oder laut schreit, dürfen die Tiere nicht ihre Ruhe verlieren“, weiß Hennrich. Ganz im Gegenteil: In der Praxis habe sie inzwischen mehrmals erlebt, dass die Pferde sehr beruhigend auf den Patienten einwirken würden. „Es war einmal ein Kind hier, das extrem laut reagiert hat, da hat das Pferd es dann behutsam angestupst, als würde es sagen: ‚Du musst nicht so schreien.‘ und dann ist das Kind auch tatsächlich ruhiger geworden“, berichtet die Therapeutin.

„Gänsehautmomente“ bei der Behandlung

Solche „Gänsehautmomente“ erlebe sie bei ihrer Arbeit immer wieder. Patienten, die zuhause oder im Pflegeheim nicht sprechen, würden auf dem Reitplatz plötzlich wieder Laute von sich geben. Ein Kind mit Koordinationsschwierigkeiten habe auf einmal einen Ball gefangen. Es sei für sie immer wieder eindrucksvoll, wie sich ihre Patienten dem Pferd und auch ihr gegenüber öffnen würden. „Keine Stunde ist wie die andere“, beschreibt sie.

Empathisch geht sie auch auf Karin zu. „Wir kennen uns schon lang“, erklärt die Therapeutin und streicht ihrer Patientin einfühlsam über den Rücken. Karin wohnte eine Zeit lang in der Klosterschänke in Attel, als Hennrich sie noch mit ihrem Lebenspartner bewirtete. Damals habe Karin im Gasthaus auf einen Platz im Pflegeheim gewartet, den sie wegen ihrer Demenz beziehen musste. „Wir haben Karin damals betreut und sie hat oft zugeschaut, wenn ich Kindern Reitunterricht gab“, erinnert sich Hennrich. Irgendwann wollte Karin dann selbst ein Pferd streicheln.

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Heute geht Karin ganz selbstverständlich mit der Longe hinter Grazia her. „Den Oberkörper schön aufrichten und du musst sagen, wenn du eine Pause brauchst, dann bleibt die Stute auch stehen“, erklärt Hennrich ihrer Patientin. Karin nickt und treibt das Pferd vorsichtig an. Grazia nimmt es mit gelassener Eleganz, an ihrem Maul bildet sich eine kleine Schaumlinie – „ein Zeichen, dass sie ganz entspannt ist“, verrät die Therapeutin.

Therapeutischer Nutzen? Patienten und Krankenkassen oft verschiedener Meinung

Therapeutisches Reiten fördert das Selbstbewusstsein ihrer Patienten, das Selbstvertrauen, die Konzentration und die Koordination, da ist sich Peggy Hennrich sicher. Viele Patienten würden Fortschritte in Sachen Beweglichkeit und Muskelaufbau machen – ein Fakt für die Pferdetherapeutin, ein großes Fragezeichen für manche Krankenkasse.

Hennrich hofft, dass sich an den Abrechnungsmodalitäten bald etwas ändert, könne doch manchmal sogar eine aufwendige Operation dadurch vermieden werden. Bestes Beispiel: Als letzte Behandlungsmöglichkeit für den Bandscheibenvorfall einer Patientin hatten die Ärzte nach Angaben von Hennrich nur noch eine Operation gesehen. Dank der Pferdetherapie sei dieser Eingriff jedoch vermieden worden.

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Die zentrale Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland (der GKV-Spitzenverband), machte auf Nachfrage gegenüber unserer Zeitung jedoch deutlich: „Die Hippotherapie (im Sinne einer krankengymnastischen Intervention) ist auf Antrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf ihren therapeutischen Nutzen geprüft worden.

Ergebnis dieser Prüfung war der Beschluss aus 2006, dass die Hippotherapie wegen eines fehlenden therapeutischen Nutzens nicht in den Leistungskatalog der GKV aufzunehmen und weiterhin der Anlage der Heilmittel-Richtlinie über die nichtverordnungsfähigen Heilmittel zuzuordnen ist (Abschlussdokumentation des G-BA hierzu auf der Seite des G-BA unter https://www.g-ba.de/downloads/40-268-126/2006-11-13-Abschluss-Hippo.pdf).“ Wie die Pressesprecherin des Verbandes weiter mitteilte, sei eine Neubewertung dieser Therapieform im G-BA in nächster Zeit nicht zu erwarten.

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