Das lustige Schnalzen der Fuhrleute – in Reichertsheim wird es noch gepflegt

Die Reichertsheimer Goaßlschnalzer
              sind die Traditionsreichsten im Umkreis. Auf unserem Bild präsentiert sich die Schnalzergruppe im Jahr 2020 umständehalber in „Corona-Aufstellung“.
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Die Reichertsheimer Goaßlschnalzer sind die Traditionsreichsten im Umkreis. Auf unserem Bild präsentiert sich die Schnalzergruppe im Jahr 2020 umständehalber in „Corona-Aufstellung“.

Corona mag keine Feste und Feiern. Darum mussten die geplanten Auftritte der Reichertsheimer Goaßlschnoizer heuer ausfallen. Im Rahmen des 100-jährigen Gründungsfestes des Trachtenvereins sollte zudem der 45. Geburtstag gefeiert werden. Grund genug, einen Blick in die Geschichte der Schnoizer lassen zu werfen.

Reichertsheim – Seit 45 Jahren gibt es die Reichertsheimer Goaßlschnalzer. Sie sind damit die am längsten bestehende Schnalzergruppe sowohl im Altlandkreis Wasserburg als auch im Landkreis Mühldorf. Im Rahmen des 100-jährigen Gründungsfestes des Trachtenvereins Reichertsheim sollte auch das 45-jährige Bestehen seiner Goaßlschnalzergruppe gefeiert werden. Hierzu waren zu einem Schnalzertreffen, das am 26. Juli 2020 veranstaltet werden sollte, fast zwanzig Gruppen eingeladen. Leider wurde durch die Corona-Pandemie die Durchführung des Gründungsfestes und damit auch die Veranstaltung eines Schnalzertreffens unmöglich gemacht.

Brauchtumwäre ausgestorben

Die Goaßlschnalzer pflegen ein Brauchtum, das ohne die Übernahme und Pflege in Gruppen mit Musikbegleitung ausgestorben wäre. Ende der 1950-er Jahre ging die Pferdehaltung durch die fortschreitende Mechanisierung stark zurück. Damit gab es auch keine Fuhrleute mehr und das Fuhrmannsbrauchtum kam ab. Das lustige Schnalzen, an dem man schon von Weitem den einzelnen Fuhrmann erkannt hatte, das aber auch einen praktischen Zweck hatte, da es wie eine Hupe war, hörte mehr und mehr auf.

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1963 griff das „Landwirtschaftliche Wochenblatt“ aus Anlass des Zentrallandwirtschaftsfestes die Idee auf, die alte Fuhrmannstradition des Schnalzens nochmals erklingen zu lassen. Jeder, der noch mit der Fuhrmannsgoaßl umgehen konnte, sollte sich zur Teilnahme melden. Einige Priener kamen dadurch auf die Idee, die seit jeher im Marschrythmus geschnoizten Takte musikalisch zu begleiten. Das war die zündende Idee, die dem alten Fuhrmannsbrauchtum das Überleben sicherte.

Für das Jahr 1975 stand bei der Reichertsheimer Feuerwehr das 100-jährige Gründungsfest mit Fahnenweihe bevor, wozu der Trachtenverein mit der Gestaltung des Festabends betraut worden war. Dazu kam, dass 1973 beim Feuerwehrfest in Oberornau die Waakirchner Goaßlschnalzer aufgetreten waren, die Andreas Knollhuber, den ersten Trachtenvereinsvorstand nach dem Zweiten Weltkrieg, begeisterten. Er war es, der mit weiteren Trachtenkameraden, geübten Schuhplattlern, die Schnalzergruppe gründete.

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Als Gründungsmitglieder werden, nachdem sich die Gruppe dann in ihrer jahrelang gleichen Zusammensetzung zusammengefunden hatte, genannt: Andreas Knollhuber (Hub), Hans Anzenberger (Rattenberg), Jakob Gatterhuber (Untersteinbach), August Grundner senior und August Grundner junior (beide Reichertsheim), Georg Hanslmeier (Albanstett) und Simon Maier (Oberornau), letzterer ein begeisterter „Rosserer“, der sich ebenfalls stark für das Entstehen der Gruppe einsetzte.

Als Musikant war von Anfang an Franz Maier aus Oed dabei, der die Schnalzer seither mit der Ziehharmonika begleitet und der auch oft von weiteren Musikanten unterstützt wurde und wird.

Als „Geburtshelfer“ fand sich Ludwig Jellbauer von der Schnalzergruppe des Trachtenvereins Burgkirchen.

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Im Herbst 1974 wurden die ersten Proben durchgeführt und schon beim Patentreffen im Januar 1975 mit den Schnaitseer Trachtlern konnten die ersten Stücke geschnalzt werden.

Geprobt wurde anfangs in den Wintermonaten im Gymnastiksaal und in der Lagerhalle der Gemeinde, seit Jahrzehnten stellt Familie Riemerschmid aus Pfaffenberg ihre Reithalle als Proberaum zur Verfügung.

Geprobt wirdin der Turnhalle

Auch die Turnhalle der Grundschule Ramsau konnte und kann in der kälteren Jahreszeit genutzt werden. Geselliger wird die Probenarbeit in den Sommermonaten, wo bei den Anwesen der Gruppenmitglieder im Freien geprobt und anschließend bei einer zünftigen Brotzeit die Gemeinschaft gepflegt wird.

Besucht werden seit der Anfangszeit Schnalzertreffen befreundeter Gruppen, so in Burgkirchen, Riedering, Söllhuben, Feilnbach, Feldwies, Traunwalchen, Schnaitsee, Prien, Hinterskirchen, Griesstätt, Obing, Dorfen und seit 1994 das jährlich örtlich wechselnde Schnalzertreffen der Gebiete „Inn-Salzach“ des Gauverbands I und „Unteres Inntal“ des Bayerischen Inngau-Trachtenverbandes.

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Fescher Schnalzerhut mit den Hutabzeichen der Schnalzertreffen in Reichertsheim 1980, 1989 und 1995.
Die Gründergruppe in den Anfangsjahren mit Pferdegespann und demFuhrmann Simon Maier.
Andreas Knollhuber war erster Gruppenleiter.

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