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Corona beendet lange Karriere im Verkauf

Das Gesicht der Wasserburger Markthallen über Jahrzehnte: So geht`s Hildegard Aß heute

So kennen sie die Wasserburger: Hildegard Aß an der Kasse der Markthallen.
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So kennen sie die Wasserburger: Hildegard Aß an der Kasse der Markthallen.
  • Heike Duczek
    VonHeike Duczek
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Das Geschäft war ihr Leben, doch Hildegard Aß, bis vor der Pandemie Wasserburgs älteste Verkäuferin, steht nicht mehr hinter der Ladentheke der Markthallen. Bei einem Kaffee hat sie uns erzählt, was sie vermisst – und warum sie trotzdem den Ruhestand genießt.

Wasserburg – Es gibt Menschen in einer Kleinstadt wie Wasserburg, die kennt fast jeder: Hildegard Aß ist so eine Persönlichkeit. 35 Jahre lang war sie das Gesicht der Wasserburger Markthallen. Doch dann kam Corona.

Endlich Zeit für Krimis und den täglichen Spaziergang

Viele Kunden fragen nach wie vor nach Hildegard Aß: Ihr Lächeln, ihre freundlichen Worte, der kurze Ratsch an der Kasse bleiben in Erinnerung. Die Redaktion hat die 83-Jährige besucht. Bei einer Tasse Kaffee hat Hildegard Aß erzählt, warum die Pandemie ihre Karriere als älteste Verkäuferin von Wasserburg abrupt beendet, ihr aber auch etwas Positives aufgezeigt hat.

„Das Geschäft war mein Leben“, sagt Hildegard Aß, „doch jetzt geht`s auch ohne mich“. Der Blick schweift vom Fenster ihrer gemütlichen Wohnung im Brucktor auf die Rote Brücke, dort ist gerade Töpfer Gottfried Held unterwegs, sieht sie stehen und winkt ihr fröhlich zu. „Das ist Wasserburg“, sagt Hildegard Aß lachend, „jeder kennt jeden.“

Ein Ratsch auf der Dachterrasse: Hildegard Aß und Schwester Elfriede Wöhrl

Schwester Elfriede Wöhrl, auch schon 82, gießt Kaffee nach, sie kocht für die Ältere und lädt sie fast jeden Tag zu einem kleinen Spaziergang ein. Der führt fast immer zum Eiscafé Venezia, wo die beiden Damen einen Espresso und ein Wasser trinken.

So viel Zeit für den Kaffeeklatsch haben sich die Schwestern früher nicht genommen. Bis zum Beginn der Pandemie stand Hildegard Aß jeden Tag an der Ladentheke, die Schwester war ebenfalls in den Markthallen tätig. Der erste Lockdown beendete ihre Karriere. Hildegard Aß erkrankte zudem an Corona. „Es war nicht so schlimm“, sagt sie, „doch das dumme Virus hat mir aufgezeigt: Ich schaffe es doch nicht, bis 100 im Geschäft zu stehen.“ Sie gab dem Drängen der Familie, die sich um ihre Gesundheit sorgte, nach und ging in den Ruhestand. Hierbei stellte Wasserburgs älteste Verkäuferin fest, dass es auch noch ein Leben ohne Geschäft gibt.

Hildegard Aß liest gerne – Krimis sind ihre große Leidenschaft. Und deshalb auch Gerichtsserien im Fernsehen. Dann ist da noch der tägliche Spaziergang – „ich bin abends schön müde“, stellt sie erstaunt fest. Sonntags ist Kirchgang: „Ich kann doch mal dem lieben Gott Danke sagen, dass ich so ein schönes Leben hatte und hab“, findet sie.

Was sie mittlerweile genießen kann: Ausschlafen. Das gab es früher nicht. Jeden Morgen um 5 Uhr klingelte der Wecker, denn die Hauptarbeit in einem Lebensmittelgeschäft findet vor der Öffnung und nach der Schließung statt, erklärt sie. Es waren also sehr lange Arbeitstage, doch Hildegard Aß hat der Lebensmittelverkauf in den Markthallen immer viel Freude bereitet. „Mein größter Erfolg war es, wenn jemand mit grantigem Gesicht reinkam und lachend wieder rausging“, erzählt sie schmunzelnd.

Die Stimmung zu drehen, das ist ihr oft gelungen, denn sie hat ihre Kunden geliebt. Diese Begegnungen an Ladentheke fehlen ihr bis heute ein wenig. Verkauf und Kassendienst haben sie außerdem jung gehalten, ist sie überzeugt. „Ich hatte ja gar keine Zeit, dass mir etwas wehtun könnte“, sagt sie lachend. Bis heute gehe es ihr gut – wenn da nicht kleinere gesundheitliche Probleme wären, die ihr etwas zu schaffen machen. „Wie gut, dass meine Schwester so auf mich aufpasst“, sagt Hildegard Aß. Sie wird von Elfriede Wöhrl bekocht, sogar ein Betthupferl gibt es abends. „Es schmeckt immer gut“, lobt sie die Schwester. Wobei diese schon hin und wieder feststellt, dass Hildegard Aß „das Gesicht verzieht, wenn ich mit dem Teller komme“.

Fröhlich werfen sich die Seniorinnen beim Gespräch die Bälle zu, der Schalk blitzt in den Augen auf, wenn sie Anekdoten erzählen. „Wir sind füreinander da – eine für die andere“, sagen sie. Außerdem gibt es die große Familie Aß, die sich kümmert und immer zur Stelle ist.

Die Schwestern wohnen Tür an Tür in der Bruckgasse und können gemeinsam in Erinnerungen schwelgen. Von denen gibt es viele, denn beide haben ein arbeitsreiches, aber erfülltes Leben geführt. Hildegard Aß, gelernte Lebensmittel-Fachverkäuferin, hat sich 1980 nach Stationen in Großmarkthallen, einer Konsum-Filiale und Läden der Molkerei Bauer selbstständig gemacht. Die „Kässchachtl“ war ihr erstes Geschäft in Wasserburg, 1985 folgte dann die Eröffnung der Markthallen am Marienplatz – „mit dem Andi, ohne ihn hätte ich es nicht gemacht und geschafft“. Noch heute wird der Feinkostladen, eine Institution in Wasserburg, von Sohn Andreas und Enkelsohn Maximilian sowie ihren Familien geführt. Dass schon die dritte Generation im Laden steht, ist die größte Freude im Alter für Hildegard Aß: „Auch der Maxi macht das sehr gut“, schwärmt die Oma.

Es gibt viele Geschichten zu erzählen

Ihre Schwester kehrte mit 50 als junge Witwe nach vielen beruflichen Stationen zurück in ihre Heimatstadt Wasserburg: Sie führte von 1994 bis 2012 die Markthallenküche – ein Lokal mit Frühstück, Mittagessen (legendär: die Lasagne), Kaffee und Kuchen sowie Brotzeiten und vielen Stammgästen.

Ob Markthallen-Geschäft oder Markthallen-Küche: Es gibt viele Geschichten zu erzählen aus zwei langen Kauffrauen-Leben. „Schön war`s“, sagen Hildegard Aß und Elfriede Wöhrl etwas wehmütig. Und geben zu: „Jetzt ist`s auch schön, nur die Kunden, die gehen uns schon ab.“

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