„Ich bin glücklich, ungelogen“

Wasserburg: Corona? Das Mut-Geheimnis der jungen Chefin im Hotel Fletzinger

Macht für die Geschäftsreisenden derzeit selbst das Frühstück: Anna Steinbacher, Hotelchefin des „Fletzinger“. Der Krise versucht sie mit ihrer positiven Einstellung zu begegnen.
+
Macht für die Geschäftsreisenden derzeit selbst das Frühstück: Anna Steinbacher, Hotelchefin des „Fletzinger“. Der Krise versucht sie mit ihrer positiven Einstellung zu begegnen.
  • Winfried Weithofer
    vonWinfried Weithofer
    schließen

„Ich erlebe eine Achterbahn der Gefühle. Es gibt Tage, da hat man auch mal Angst, Angst ums Geld, aber ich versuche es zu verdrängen. Angst bringt uns nicht weiter.“ Anna Steinbacher, Chefin des Wasserburger Hotels Fletzinger, weigert sich, den Mut zu verlieren.

Wasserburg – Erst war es neblig, dann kam die Sonne langsam raus: Das Wetter an diesem Novembermorgen sieht Anna Steinbacher als Hoffnungsschimmer. Das Frühstück für die Gäste ist bereits abserviert. „Ich bin glücklich, ungelogen“, sagt die 27-Jährige. „Weil ich weiß, dass ich gesund bin und einen tollen familiären Background habe.“ Trotz „all der Umstände durch Corona“ blicke sie zuversichtlich in die Zukunft.

„Angst bringt uns nicht weiter“

Seit 2014 führt sie das traditionsreiche Hotel Fletzinger in Wasserburg, ihr Bruder Stefan unterstützt sie tatkräftig. Sie weiß um ihre Verantwortung für die Gäste, für die Mitarbeiter. Mit 40 Zimmern und 80 Betten ist es ein größerer Betrieb, der Steinbacher täglich fordert. Sie räumt ein, dass auch sie, gerade in diesen Zeiten, nicht immer gleich gut drauf sei.

„Ich erlebe eine Achterbahn der Gefühle. Es gibt Tage, da hat man auch mal Angst, Angst ums Geld, aber ich versuche es zu verdrängen. Angst bringt uns nicht weiter.“ Eine gefestigte Persönlichkeit helfe, den Mut angesichts der Krise nicht zu verlieren.

Bisher keine staatliche Hilfe

Und so habe sie den ersten Impuls verworfen, das Hotel für die Zeit des Lockdowns zu schließen. Bei der Fortführung des Betriebs müsse sie genauer denn je auf die Finanzen schauen, die laufenden Kosten seien hoch. Die meisten ihrer Mitarbeiter befänden sich in Kurzarbeit. „Es ist nicht alles easy. Man muss schon schauen, wo man bleibt.“ Staatliche Hilfe habe sie nur im ersten Lockdown erhalten. „Jetzt in der zweiten Welle kam noch nichts, aber ich muss trotzdem Strom und Heizung zahlen.“ Und natürlich auch die Personalkosten. Der Steuerberater muss die Hilfen beantragen und kümmert sich darum.“

Chefin macht um 6 Uhr Frühstück

Mit zwei Azubis versucht Steinbacher, in diesem Monat über die Runden zu kommen. Dennoch muss die Chefin Arbeit machen, die sonst ihre Angestellten erledigen.

Auch interessant: Vom Optiker bis zum Reisebüro: Die Wasserburger Geschäftswelt im Corona-Stresstest

So bereitet sie schon um sechs Uhr morgens das Frühstück für die Gäste, die im Rahmen der Corona-Beschränkungen kommen dürfen, vor, richtet die Betten her, putzt. Ein Teil der Zimmer ist vermietet – an Geschäftsreisende, die für Firmen wie Recipharm, Meggle oder Bauer tätig sind. Diese Gäste verschaffen ihr die dringend benötigten Einnahmen, Touristen darf sie gegenwärtig nicht aufnehmen.

Gin-Tasting, wenn es wieder normal läuft

Anna Steinbacher bekommt in diesen Wochen völlig neue Einblicke in die Arbeitsabläufe im Hotel, ein Gewinn für sie. „Ich mache mir jetzt viele Notizen, und wenn es wieder normal läuft, werden wir im Team über Verbesserungen reden.“ Ohnehin macht sie sich ständig Gedanken, wie sie künftig den Gästen mehr bieten kann. Der vor dem Lockdown eingeführte „Yoga Brunch“ soll im nächsten Jahr auf jeden Fall fortgeführt werden, geplant sind dazu auch „Gin-Tastings“ oder Weinverkostungen. Dabei setzt sie auf die Mithilfe von Freunden ihres Hauses.

Auch lesenswert: Was vor 25 Jahren in der Wasserburger Zeitung stand: In der Altstadt kein Platz fürs Weißbierbrauen – Fletzinger stellt Bierproduktion ein

Lesen Sie auch: Weitere aktuelle Nachrichten und Artikel rund um das Thema Coronavirus in der Region finden Sie auf unserer OVB-Themenseite

Gespannt ist Anna Steinbacher darauf, wie die sogenannte „Brunch-Box“ – Frühstücksleckereien zum Mitnehmen - angenommen wird. „Das ist eine ganz neue Herausforderung, die macht mir total Spaß“, sagt sie. Ab Ende des Monats soll es losgehen mit dem Take-away. Zudem steht das Hotel Fletzinger mit dem Restaurant Herrenhaus in einer engen Kooperation. Produkte in Einweckgläsern, wie Hausgemachtes aus Quitten, dürfen die Gastronomen aus der Herrengasse im Hotel zum Verkauf anbieten. „Es tut gut, zusammen zu halten und sich gegenseitig zu unterstützen“, schreiben sie auf ihrem Facebook-Account.

Naive Hoffnungen, dass das „Fletzinger“ in absehbarer Zeit wieder im Normalbetrieb arbeiten kann, macht sich Steinbacher nicht. Es könnte sogar sein, dass das Hotel über die Weihnachtszeit schließen muss – das erste Mal in den sechs Jahren unter ihrer Führung. Aber sie will sich nicht unterkriegen lassen: „Ich kann nicht einschätzen, wann es weitergeht. Aber wir werden überleben.“

Lesen Sie auch: Völlig überraschend: Landratsamt kippt „Mobiles Biergarten-Konzept“ am Wasserburger Inndamm

Stationen mit Stern:

Anna Steinbacher (27) wuchs in Vogtareuth auf, wo ihre Eltern den Vogtareuther Hof betreiben. Zu den familiären Betrieben gehören das Gasthaus Bichler mit der hauseigenen Metzgerei in Ramerberg bei Rott am Inn sowie der Pfaffinger Hof. Anna absolvierte eine Lehre als Köchin beim Gocklwirt am Simssee, danach wechselte sie in die Sternegastronomie zu den Gebrüdern Obauer in Werfen. Mit 19 Jahren fing sie bei Heinz Winkler in Aschau im Chiemgau an, bis sie nach Wasserburg kam.

Mehr zum Thema

Kommentare