Corona-Krise – Haager Hausarzt findet: „Die „Organisationen haben anfangs geschlafen“

Christian Büker hat seine internistische Hausarztpraxis in Haag auf den Katastrophenfall umgerüstet. re
  • Heike Duczek
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Leeres Wartezimmer, voller Terminkalender, Tests am laufenden Band: Seit zwei Wochen befindet sich die internistische Hausarztpraxis von Christian Büker aus Haag im Ausnahmezustand. Ein Blick hinter die Kulissen einer Praxis, die aufgrund eines glücklichen Umstands besser gerüstet ist als andere.

Haag – Zahlreiche Arztpraxen haben derzeit geschlossen – weil Mitarbeiter in Kontakt mit infizierten Patienten waren oder selbst erkrankt sind. Das heißt dann in der Regel für das ganze Team: ab in Quarantäne. Manchmal lässt sich der Dienst auch nicht mehr aufrecht erhalten, weil Schutzmaterialien wie Masken und Handschuhe ausgegangen sind.

Kollegin aus China hat frühzeitig gewarnt

Nicht so bei der Hausarztpraxis in Haag: Büker hat eine Kollegin, die gebürtig aus China stammt. Sie hatte schon vor Monaten, als in Deutschland noch niemand mit einer Pandemie rechnete, von Bekannten und Verwandten am Telefon und per Mail erfahren, wie sich die Infektionsketten auswirken können – und wie wichtig Schutzmaterialien sind. Büker reagierte auf den Appell der chinesischen Kollegen und orderte Mundschutz und Masken – bedeutend mehr als sonst. Seine Praxis ist deshalb gerüstet – für weitere sechs Wochen.

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Und trotzdem befanden sich auch Büker und sein Team in den vergangenen beiden Wochen im Krisenmodus. Denn es galt, den Praxisalltag so umzustellen, dass weder das Personal noch die Patienten gefährdet sind. Büker fühlte sich bei der Organisation anfangs alleingelassen. „Hilfestellung, Informationen? Zu Beginn null Komma null“, kritisiert der Internist.

Es fehlten nach seinen Angaben Handreichungen zum Umgang mit dem aggressiven Virus und mit Patienten, die erkrankt sind oder sich krank fühlen, zur Praxisumorganisation und zu den Testverfahren sowie zu den Behördenkontakten. Über einen Onkel aus dem Ruhrgebiet erfuhr Büker von einem Link auf der Homepage der dortigen Kassenärztlichen Vereinigung, der Infos herausgab zur Frage „Wie organisiere ich die Praxis neu?“ Auf einer Din-A-4-Seite seien die wichtigsten Informationen gut verständlich aufgelistet gewesen. Das war eine erste Orientierung für Büker.

Team A und Team arbeiten in Schichten

Er stellte den Praxisalltag um – in ein Team A und ein Team B, die in getrennten Schichten arbeiten. Wenn einer erkrankt, fällt nicht sofort die ganze Mannschaft aus. Büker sagte alle Termine ab, die aufschiebbar sind – etwa Routineuntersuchungen, Vorsorgen, persönliche Befundbesprechungen. Alle Patienten, die eine Behandlung benötigen – übrigens auch jene, die keine Verdachtsfälle sind – wurden mit neuen Terminen versehen. Diese sind so getaktet dass sich keine Personen mehr begegnen. Außerdem gibt es ein Auto-Wartezimmer: Die Patienten bleiben im Wagen, bis sie per Telefonanruf Bescheid bekommen, dass sie die Praxis betreten können. So soll verhindert werden, dass sich vor der Tür lange Schlangen mit Kontaktrisiken bilden.

Größtes Problem der ersten Tage war die Verunsicherung: Patienten riefen an, weil sie verdächtige Symptome feststellten, weil sie nicht wussten, ob und wenn ja wo und wann sie getestet werden, wie sie den Umgang mit Angehörigen organisieren können, wann sie in die Klinik gehen sollen.

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Verunsicherung verspürte auch Büker die ersten Tage nach den Ausgangsbeschränkungen. Er testet selber bis zu zehn eigene Patienten pro Tag nach den Vorgaben und Indikationen des Robert-Koch-Instituts (neue nimmt er derzeit nicht auf) – und musste sich erst einmal darum bemühen, Informationen zu erhalten, wie auf positive Ergebnisse zu reagieren ist. Büker hat Patienten aus vier Landkreisen: Rosenheim, Mühldorf, Erding und Ebersberg. Die jeweiligen Gesundheitsämter gehen unterschiedlich vor. Die Mühldorfer beispielsweise melden sich nach wie vor alle zwei Tage bei positiv Getesteten und fragen nach dem Gesundheitszustand, das Rosenheimer Gesundheitsamt könne dies aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr leisten.

Handreichungen anfangs vermisst

Mittlerweile hat sich die Kommunikation verbessert, betont Büker. Doch er spricht von einem anfänglichen „Organisationsversagen“ der zuständigen Gremien. „Das ist mein großer Vorwurf als kleiner Arzt an die Verantwortlichen: Dass Institutionen wie die KV, die Behörden auf Landkreis- und Landesebene nicht sofort mit klaren Handlungsanweisungen reagiert haben, ist für mich ein Skandal.“ Viel zu wenig sei die Krise „vom Ende der Infektionsketten her überdacht worden“ – etwa zur Frage, was es ganz konkret für Patienten, Ärzte und ihr Personal, für Praxen und Krankenhäusern bedeute.

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Täglich werde ein Arzt zugeschüttet mit „tausenden Informationen zu irgendeinem Blödsinn“, gehe es mal wirklich um etwas, sei die Vermittlung notwendiger Informationen eher dürftig, kritisiert Büker. „Klar, rückblickend sind wir alle schlauer, ich auch. Doch für den Weitblick und die Einschätzung haben wir doch schließlich unsere Experten in den Ämtern, Ministerien und Standesorganisationen. Hier wird leider viel zu theoretisch und viel zu wenig praktisch gedacht.“

„Meine große Sorgen ist, dass wir unsere Ressourcen überfordern – materialtechnisch und personell.“ Zu viel Zeit sei in den vergangenen beiden Wochen draufgegangen für die Klärung organisatorischer Fragen. Das Personal im Gesundheitswesen komme dadurch an seine Grenzen.

Büker: „Bisher haben alle Erkrankten relativ besonnen reagiert.“

So auch in der Praxis von Büker. Eigentlich war rund um Ostern der alljährliche Urlaub geplant: verschoben. Eigentlich ist abends Dienstschluss für Büker: aufgehoben, denn auch nach Praxisschluss treffen bei ihm die Laborergebnisse der Coronatests ein. Ist ein solcher positiv, heißt es, dem Betroffenen die schlechte Nachricht zu überbringen. Bisher, so die Erfahrung des Haager Hausarztes, haben alle Erkrankten (bis gestern waren es sechs) „relativ besonnen“ reagiert.

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