Mit 3D-Drucker und 400 Meter Stoff produziert ein Betreuungszentrum Corona-Schutzausrüstung

Hauswirtschaftsleitung Katharina Eder (links) näht mit Mitarbeiterin Carola Lensch Mund-Nasenschutz. Weingartner

Masken, Brillen und Schutzkleidung sind nach wie vor knapp – vor allem in medizinischen Einrichtungen und Seniorenheimen. Das Betreuungszentrum St. Wolfgang geht nun eigene Wege: Es produziert selber Virenschutz-Ausrüstungen. Das Besondere: Nicht nur Mund-Nasen-Masken, sondern auch Gesichtsvisiere werden hergestellt.

Von Hermann Weingartner


St. Wolfgang – Die Auswirkungen der Corona-Pandemie stellen auch das Betreuungszentrum St. Wolfgang mit seinen 224 Bewohnern und Bewohnerinnen sowie die 170 Beschäftigen vor besondere Herausforderungen. „Bisher sind wir noch von Infektionen verschont geblieben, trotzdem herrscht seit Wochen Ausnahmezustand in der Einrichtung“, berichtet der Geschäftsführer und Einrichtungsleiter Arno Seidel. Eine Maßnahme, um die Infektionsgefahr so gut wie möglich zu minimieren, sei die begonnene Eigenproduktion von Schutzausrüstung.

Seit Wochen im Ausnahmezustand

Die Prinzipien im Betreuungszentrum mit 119 Bewohner in der Pflegeabteilung und 104 Bewohnern in der sozialtherapeutischen Abteilung unterscheiden sich nicht von der Situation der Familien, in der mehrere Generationen unter einem Dach zusammen leben, schildert Seidel die Situation: „Opa und Oma tragen das höchste Risiko schwerer Krankheitsverläufe, und wenn einer in der Familie infiziert ist, dann erwischt es vermutlich alle anderen auch, noch bevor der Erste Symptome verspürt“. Nur im Heim leben sehr viele vorbelastete Menschen auf relativ engem Raum zusammen und die Hilfe, die sie brauchen, lasse den Zwei-Meter-Abstand nicht zu, erklärt der Geschäftsführer die Situation. Wenn das Virus einmal in die Einrichtung gelange, „dann lässt sich die Ausbreitung kaum noch verhindern“ – mit möglicherweise dramatischen Folgen, wie man in anderen Einrichtungen sehen konnte.

Christian Schweiger, Mitarbeiter der Arbeitstherapie, war maßgeblich an der Entwicklung des Visiers beteiligt.

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Daher komme der Prophylaxe in diesen Tagen eine enorme Bedeutung zu, betont Seidel. Es gelte, „mit aller Kraft, das Risiko zu minimieren“, dass das Virus nicht ins Haus getragen werde. Die Außenkontakte der Bewohner seien nahezu vollständig eingestellt: „Es gilt Besuchsverbot, Ausflüge und Einkaufsfahrten sind eingestellt und sogar Arztbesuche sind auf die nicht verschiebbaren Termine beschränkt. Auch die Kontakte der Bewohnerinnen und Bewohner untereinander wurden reduziert“. Unmöglich sei es jedoch, die Bewohner über mehrere Wochen oder gar Monate zu isolieren und ohne Beschäftigung zu lassen. Und selbst wenn dies unter dem Gesichtspunkt der Infektionsgefahr gut wäre, würde dies andererseits fatale körperliche, geistige und psychische Schäden hinterlassen.

Anpacken statt jammern, fordert der Einrichtungsleiter

Nicht hilfreich sei es jetzt, über den schlechten Versorgungsgrad bei Schutzausrüstung zu jammern, meint Einrichtungsleiter Seidl gegenüber den OVB-Heimatzeitungen. Er fordert: „Jetzt ist Anpacken gefragt“. Dank der „leistungsfähigen Arbeitstherapie ist das Betreuungszentrum in der Lage zur Eigeninitiative“. Rund 200 Mund-Nasen-Schutzmasken werden mit Hochdruck von Mitarbeitern gemeinsam mit Bewohnern genäht. In der Arbeitstherapie sind bis 80 Bewohner beschäftigt. Die Arbeitstherapie wurde vom Katastrophenschutz-Team Erding des Landkreises mit 400 Meter professionellem Vliesstoff versorgt, was nicht nur für den Eigenbedarf reiche, sondern auch zur Weiterverteilung an den Katastrophenschutz geliefert werde. „Der macht einen sauguten Job“, so Seidl..

Im Team der Arbeitstherapie der Einrichtung wurde als neuestes Projekt nun auch ein Sichtvisier entwickelt. Schnell war ein Prototyp entwickelt. In Kürze hofft man mit der Produktion von rund 20 Stück täglich beginnen zu können. Was nicht im Haus benötigt werde,„geht an den Katastrophenschutz zur Weitergabe“.

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Das Visier bestehe aus einer laminierten Folie. Die Haltegestelle kommen aus einem D3-Drucker „vom Ehemann unserer Psychologin“. Das Visier komme nur beim unmittelbaren Umgang mit Infizierten zum Einsatz und biete deutlich besseren Schutz als Brillen, die derzeit auch nirgends zu bekommen seien. Besonders stolz sind die Mitarbeiter in Wernhardsberg auch auf den selbst entwickelten Schnitt der Masken. Der sorge für mehr Komfort und Sicherheit beim Tragen, als dies die gekauften Masken könnten.

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Allen Mitarbeitern komme jetzt eine besondere Verantwortung zu, schildert Seidel die Lage in der Einrichtung. Sie müssten sich nicht nur im Dienst noch strenger als sonst an Hygienerichtlinien halten und seit zehn Tagen permanent Mund-Nasen-Schutz tragen, sondern seien auch noch gehalten, in ihrer Freizeit besonders konsequent mögliche Infektionsorte zu meiden.

Die momentane Diskussion um die hohe Gefährdungslage für die Beschäftigten in der Pflege könne Seidel nicht ganz nachvollziehen: „Unsere Bewohner können sich nirgends mehr anstecken, außer bei uns Mitarbeitern. Wir sind also nicht die Gefährdetsten, sondern wir sind die Gefährder“, betonte der Einrichtungsleiter. Darüber hinaus dürfe aufgrund diverser Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen der hygienische Zustand in Heimen deutlich über dem in Supermärkten liegen. „Im Supermarkt ist es gefährlicher als bei uns“. Auf seine Mitarbeiter sei Seidel sehr stolz, denn sie „wissen, dass sie jetzt noch mehr gebraucht werden als sonst, sie wissen, was zu tun ist und sie sind im Boot“.

„Sinnstiftende Arbeit„

Mit der Eigenproduktion sei nicht nur der eigene Schutz und der Bewohner sichergestellt, berichtet Seidel, sondern auch andere Helfer könnten mit dringend benötigtem Material versorgt werden. „Perfekt für die Arbeitstherapie“, findet der Einrichtungsleiter und betont: „Kann es sinnstiftendere Arbeit geben?“.

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