Corona: Kontaktsperre zum Wähler – so gehen die Kandidaten aus Haag, Gars und Isen damit um

Am Sonntag wird ausgezählt. Spannend ist, wie viele Bürger an den reinen Briefstichwahlen teilnehmen. dpa
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Am Sonntag wird ausgezählt. Spannend ist, wie viele Bürger an den reinen Briefstichwahlen teilnehmen. dpa
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Wahlkampf, das heißt: Hände schütteln, große Versammlungen besuchen, Gespräche unter vier Augen führen, diskutieren am Infostand, am Stammtisch im Wirtshaus und an der Haustür. Doch wegen der Corona-Pandemie war all das für die Bürgermeisterkandidaten in den Stichwahlen in Haag, Gars und Isen nicht möglich.

Von Heike Duczek

Haag/Gars/Isen – Wahlkampf? Fehlanzeige. Das lag jedoch nicht nur an den Ausgangsbeschränkungen, sondern auch daran, dass vielen Bürgern in diesen unsicheren Corona-Krisenzeiten nicht nach Kommunalpolitik zu Mute war. Großprojekt, Wohnungs- und Straßenbau, Klimaschutzmaßnahmen, kommunale Finanzen: Diese Themen, die in den Flyern und auf den Wahlplakaten vor der Wahl am 15. März noch eine große Rolle spielten, sind jetzt in den Tagen vor der Stichwahl am 29. März in den Hintergrund gerückt.

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„Die Menschen wollen vor allem eins wissen: Wie geht es im Alltag weiter? Wann tritt wieder Kontinuität und Normalität ein“, stellt Haags Bürgermeisterin Sissi Schätz (SPD) fest. Ihr Kontrahent, Bernd Schneider von der CSU, hat ebenfalls die Erfahrung gemacht: „Die Leute haben jetzt andere Sorgen als in der Vor-Corona-Zeit.“ Ausbau der Hauptstraße? Das interessiere im Moment kaum jemanden mehr, der Fokus liege auf der Frage: Überleben Gewerbe und Einzelhandel die Krise? Bleibt der Arbeitsplatz erhalten, die Familie gesund?, so Schneider.

Auch die wenigen Gespräche auf Abstand, die mit den Wählern möglich sind, werden eher von diesen Themen bestimmt. „Man grüßt von Weitem, persönlicher Kontakt ist so gut wie unmöglich. Das wirkt unhöflich, doch es geht nicht anders“, sagt der Haager CSU-Kandidat. Und Amtsinhaberin Schätz ergänzt: „Der persönliche Kontakt ist nur übers Telefon da. Möglichkeiten, den Wähler zu treffen, gibt es nicht. Das ist vor allem schade, wenn wir an die vielen älteren Wähler denken, die nicht so firm mit dem Internet sind.“

In der Hintergrund ist der klassische Wahlkampf auch beim Garser Bürgermeisterkandidaten Robert Otter (parteifrei) getreten. Als Obermeister der Kaminkehrerinnung war er in den vergangenen Tagen beruflich besonders gefordert. Die Innungsbetriebe und ihre Mitarbeiter hatten viele Fragen, Otter musste sich als Krisenmanager bewähren.

Mitbewerber Anton Lentner (FWG Lengmoos) betont ebenfalls: „Im Moment geht die Gesundheit aller Menschen vor. Im Fokus stehen andere Themen als noch vor Wochen: etwa die Frage, ob und wie wir uns nach der Krise wirtschaftlich wieder erholen.“

Irmgard Hibler, Bürgermeisterkandidatin in Isen (Freie Wähler) sieht dies genauso. „Wir wissen nicht, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt. Im Vordergrund stehen deshalb jetzt die Sorgen der Wähler um ihre Gesundheit und um die Sicherung ihrer Existenzen. Unsere ursprünglichen Wahlziele müssen wir vorerst zurückstellen.“

Auch ihr Konkurrent um den Rathauschefsessel in Isen, Michael Feuerer (CSU), stellt fest: „Es waren komische zwei Wochen. Wahlkampf, wie man ihn kennt, gab es nicht.“

Wahlwerbung light auf anderen Wegen

Die sechs Kandidaten in Haag, Gars und Isen versuchten sich aufgrund der Kontaktsperren auch mit neuen Kommunikationswegen: Kandidat Feuerer bot zum Beispiel einen Videochat live auf Facebook an. Ein junges CSU-Mitglied und er sprachen mit einem Moderator eine Stunde lang über Isener Themen, die Zuschauer konnten zeitgleich kommentieren und Fragen stellen. Insgesamt über 2000 Aufrufe gab es, freut sich der Bürgermeisterkandidat, „das habe ich das erste Mal gemacht.“

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Auch Otter, Kandidat in Gars, hat auf das Internet gesetzt und seine Homepage mit weiteren Informationen und der Wahlrede aufgepeppt, wie er sagt. Er ist außerdem auf Facebook aktiv – und in WhatsApp-Gruppen.

CSU-Kandidat Schneider in Haag hat sich als Videodarsteller geübt: Und die Aufmerksamkeit, die ihm als Bewerber um das Bürgermeisteramt automatisch zukommt, genutzt, um vor allem für den Zusammenhalt in Haag und die Einhaltung der Ausgangsbeschränkungen und des Abstandshaltens zu werben.

AmtsinhaberinSchätz hat dagegen auch auf die Klassiker der Wahlwerbung gesetzt: Ihr Team hat Plakate geklebt. „Das waren im Ortsbild die einzigen optischen Möglichkeiten, denn unsere Wahlkampfwerkstatt mussten wir schließen“, bedauert sie. Die geplanten Wahlveranstaltungen in Haag und zwei Ortsteilen sowie Infostände fielen aus.

Lentneraus Gars setzt ebenfalls auf die neuen Medien, hofft jedoch auch, dass die fünf gut besuchten Podiumsdiskussionen in Gars ausgereicht haben, die Positionen der Kandidaten zu vermitteln. „Ich bin gut vernetzt“, sagt er außerdem.

Hibler aus Isen setzt ebenfalls auf die sozialen Netzwerke, noch mehr aber auf den persönlichen Kontakt aus der Vor-Coronazeit. „Isen ist ländlich. Die meisten kennen uns Kandidaten.“ Noch einmal die persönlichen Einstellungen herauszustellen, sei eigentlich nicht nötig, findet sie, „denn an den politischen Hauptzielen ändert sich nicht viel.“

Am Sonntag, 29. März, wird sich in der ersten reinen Stichwahl nun zeigen, ob sich der fehlende persönliche Gang ins Wahllokal auf die Beteiligung auswirken wird. Eine Einschätzung fällt allen Kandidaten schwer. 30 Prozent haben beispielsweise in Isen beim ersten Wahlgang nicht gewählt. Sie bekommen jetzt die Unterlagen ins Haus geschickt. „Entscheiden sie sich nun doch, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen?“ fragt sich Hibler.

Unsicherheitsfaktor: die Wahlbeteiligung

„Zwei Kreuzchen, einpacken, fertig“: Einfacher geht das Wählen im Grunde nicht, findet Mitbewerber Feuerer. Und hofft ebenfalls, dass sich die Beteiligung noch erhöht.

„Die Wähler müssen nur ankreuzen und eintüten und können ihren Brief am Sonntag noch bis 18 Uhr einwerfen“, gibt auch Schätz der Hoffnung Ausdruck, dass die Wahlbeteiligung nicht leidet. Schneider hätte sich gewünscht, dass die Unterlagen schon am vergangenen Wochenende in den Haushalten angekommen wären. Dann hätten die Wähler mehr Zeit gehabt. Die nach Hause geschickten Briefewahlunterlagen sind, so die Hoffnung von Otter, eine gute Erinnerungsstütze. Darauf setzt auch Lentner.

Egal, wer es am Sonntag schafft, sich bei den Stichwahlen durchzusetzen: Die neuen Bürgermeister werden ihr Amt in herausfordernden Zeiten antreten. Schätz weiß als einzige Amtsinhaberin im Kreis der sechs Kandidaten schon, was es heißt, wenn das Rathaus zum Krisenmanagementzentrum wird. Größtes Problem nach ihrer Erfahrung: die Unsicherheit rund um die Entwicklung des Virus. Konkurrent Schneider ist ebenfalls überzeugt, zu Beginn der neuen Amtsperiode geht es vor allem um die Bewältigung der Krise und ihrer Langfolgen.

Otter ist sich bewusst: „Das wird eine sehr schwierige Aufgabe.“ Lentner sieht die Notwendigkeit, die kommunalpolitischen Ziele der Vor-Coronazeit auf den Prüfstand zu stellen, denn er erwartet auch hohe Gewerbesteuereinbrüche. Die Zeiten der Wunschkonzerte seien vorerst vorbei.

Amtsantritt in schwierigen Zeiten

Feuerer spricht von besonderen Zeiten. „In welcher Situation befinden wir uns im Mai? Wir wissen es noch nicht.“ Auch er erwartet Gewerbesteuerausfälle – und sieht die Notwendigkeit, zu prüfen, „ob wir alles, was geplant ist, so durchführen können“. Hibler ist gewappnet dafür, „dass unsere bisherigen Pläne gehörig durcheinander gewirbelt werden“. Und es werde ein Thema geben, das noch mehr als bisher in den Vordergrund rücke: die Digitalisierung.

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