Corona am kbo-Klinik: Wasserburger Pflegerin gibt psychisch kranken Patienten eine Stimme

Krankenpflegerin Andrea Rastinger (22) zeigt auf, wie schwer psychisch Erkrankte unter der Corona-Krise leiden – noch viel mehr als seelisch gesunde Menschen. privat

Die Coronakrise verunsichert alle Menschen, doch eine Gruppe ist besonders betroffen: die psychisch schwer Erkrankten. Andrea Rastinger, Krankenpflegerin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, gibt ihnen eine Stimme.

Wasserburg – Täglich veröffentlichen wir in den OVB-Heimatzeitungen Zeitung Interviews und Einschätzungen von Experten aus dem Gesundheitssystem zur Coronavirus-Krise. Doch eine Personengruppe fehlt, findet Andrea Rastinger, Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg: die psychisch schwer Erkrankten. Die Studentin der Pflegewissenschaft hat deshalb der Redaktion geschrieben – aus der Sicht derer, die in ihren Augen viel zu selten gehört werden. „Ich möchte die Perspektive meiner Patienten widerspiegeln und ihnen somit eine Stimme geben“, schreibt Andrea Rastinger. Ihr Bericht ist nach Ansicht der Redaktion so berührend, dass wir ihn ausnahmsweise in dieser vollen Länge in unserer Serie „Ich und Corona“ veröffentlichen.

Berührender Bericht: „Es macht uns Angst“

Eine Betrachtung der Coronakrise aus Sicht einer schwer psychisch erkrankten Person, aufgeschrieben von ihrer Krankenpflegerin Andrea Rastinger:

„Der Alltag ist sowieso schon anstrengend. Jeden Morgen aufstehen, frühstücken und Medikamente nehmen. Dann geht’s zur Therapie. Anfangs habe ich oft den Sinn der Therapien nicht erkannt und bin einfach mitgegangen. Ich machte es halt einfach und merkte dann nach und nach, dass es schon auch seine positiven Seiten hat. Raus aus der dem Gedankenstrudel, der Grübelneigung und der gleichzeitigen Leere in mir, welche mich die restlichen Stunden des Tages beschäftigt. Bei den Therapien bin ich stolz – stolz etwas selbst zu schaffen, meine Ressourcen wiederzuentdecken, etwas zu machen, worauf ich stolz sein kann.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

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Hier im Krankenhaus finden normalerweise gemeinsame Morgen- oder Abendrunden statt. Das ist oft das einzige Mal am Tag, dass wir alle zusammenkommen – Pflegekräfte und Patienten. Wir machen kleine Achtsamkeits- oder Entspannungsübungen, unterhalten uns und tauschen uns aus. Diese finden für gewöhnlich in unserem Gruppenraum auf der Station statt, in dem auch manche Therapiegruppen der Pflegekräfte stattfinden.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

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Im großen Speiseraum haben wir in der Regel viel Kontakt zu den Mitpatienten. Das gemeinsame Essen mag ich sehr, denn in Gesellschaft zu essen fällt mir viel leichter. Ich unterhalte mich immer gerne mit meinen Sitznachbarn am Tisch und wir genießen das Essen gemeinsam.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

Nicht jeder von uns bekommt regelmäßig Besuch von Freunden oder Angehörigen. Ich habe Glück. Meine Freunde und meine Eltern erkundigen sich, wie es mir geht. Sie bringen mir notwendige Klamotten, Tabak oder auch einmal Süßigkeiten mit. Es tut so gut, seine Lieben zu sehen, andere Menschen um sich herum zu haben und über Persönliches sprechen zu können.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

Spazieren gehen ist eine sehr willkommene Abwechslung. Die meisten Leute hier unter uns dürfen allein nicht raus. Wir freuen uns und wissen es auch zu schätzen, wenn die Pflegekräfte hin und wieder Zeit finden, um mit uns auf dem Klinikgelände eine Runde zu drehen. Die frische Luft, die Bewegung und die Zeit, die wir dabeihaben, um mit den Pflegekräften zu reden. Es tut so unfassbar gut in der Natur, in Freiheit zu sein. Weg von der engen Station, wo Privatsphäre kaum möglich ist und einem die Decke oftmals auf den Kopf fällt.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

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Die meisten Menschen hier sind in einer schwierigen Situation, haben oft auch ein schweres Schicksalserlebnis hinter sich. Daher kommt es durch die vielen Reize zu Überforderung. Neue Menschen, enger Raum, neue Umgebung. Farben, Formen, Licht, Geräusche, Gerüche, Gefühle – alles (zu) viel.

Dies ist auch der Grund, weshalb die meisten Menschen hier Nachrichten, Radio oder TV meiden. Es dauert oft sehr lange bis man Vertrauen zu einer Kontakt- oder Bezugsperson auf der Station aufbaut. Umso mehr bin ich froh, bereits an einem Punkt zu sein, wo ich offen auf die Pflegekräfte zugehen und Gespräche führen kann. Das ist wertvolle Zeit und ich schätze sie sehr. Oft, wenn es uns schlecht geht, haben die Pflegekräfte ein offenes Ohr. In solch schwierigen Zeiten begleiten sie uns ein Stück auf unserem Lebensweg und helfen uns. Eine liebevolle Umarmung tut unfassbar gut.

Doch das fällt jetzt erst einmal weg.

Fast täglich ändern sich Hinweise, Anweisungen oder Regelungen, welche die Pflegekräfte uns mitteilen. Wir kennen uns kaum mehr aus und sind eh schon überfordert mit der Situation. Jetzt ist es so, dass die Leute, die uns täglichen Halt geben, selbst nicht immer wissen, was sie auf unsere Fragen antworten sollen. Ja, das kann Angst machen. Wir sind verunsichert, dass der routinierte Tagesablauf, der sonst so langweilig und stupide erscheint, nun völlig aus dem Konzept gerissen ist. Es macht uns Angst, zu hören, dass wir die Station bis auf unbestimmte Zeit nicht verlassen dürfen und Kontakt zu Mitmenschen meiden oder ihnen nur noch mit Abstand entgegentreten sollen. Es macht uns nachdenklich, wie es weitergeht. Wir können nur hoffen, dass die Pflegekräfte weiterhin für uns da sind, uns Halt geben und uns informieren – ansonsten stehen wir völlig allein da in so einer schwierigen und turbulenten Zeit.“

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