Ich und Corona: Wie das Fallen zum Schweben wird – Betrachtung einer Wasserburger Studentin

Katharina Weinmann appelliert, sich auf die Gegenwart einzulassen – und mit der Ungewissheit der Zukunft anzufreunden. privat
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Katharina Weinmann appelliert, sich auf die Gegenwart einzulassen – und mit der Ungewissheit der Zukunft anzufreunden. privat

Wie fühlt es sich an, als Studentin nach Schließung der Universität aufgrund der Corona-Krise heimzukehren ins Elternhaus? Wie wird ein junger Mensch damit fertig, zum Daheimbleiben verdonnert zu sein? Katharina Weinmann aus Wasserburg (26), Studentin der Soziologie, hat ihre Gedanken aufgeschrieben.

Wasserburg – „Es sollen nun bereits mehr als vier Wochen vergangen sein, die ich im Haus meiner Kindheit, zusammen mit meinen Eltern verbracht habe – darin sind sich jedenfalls mein Kalender und meine Mutter einig. Mein Zeitgefühl hingegen hat den Eindruck, den Vollzug lediglich einiger weniger Tage miterlebt zu haben. Mühelos reiht sich ein Tag an den nächsten. Gemeinsam verschwimmen sie zu einem verdichteten Bild eines einzigen Tages, der sich aus frühzeitigem Aufstehen, gemeinsamen Mahlzeiten, einem erfrischenden Ausflug ins Grüne und abendlichen Kartenspielen zusammensetzt.

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Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals im Stande war, einem derart strukturierten Tagesablauf zu folgen und ihm gleichzeitig so viel abzugewinnen. Als Studentin, die schon vor vielen Jahren von daheim auszog, habe ich einen anderen, deutlich chaotischeren und spontaneren Lebenswandel an den Tag gelegt. Doch als die Universität in Salzburg, an der der Abschluss meines Studiums kurz bevorsteht, Anfang März die Türen schließen musste und ich zudem meinen Nebenjob im Café verloren hatte, entschloss ich mich, mein Leben dort zeitweise zu verlassen. Auf den an einer Hand abzählbaren Quadratmetern meines Studentenwohnheimzimmers wollte ich die Zeit der Ausgangsbeschränkung nicht zubringen.

Zurück am Ort der Kindheit

So entschied ich mich, mein Elternhaus aufzusuchen und dort mit dem Luxus eines Gartens, der dankbaren Abwechslung von Aufenthaltsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb des Hauses und der nah angrenzenden Felder und Wälder vorliebzunehmen.

An einem der vergangenen Tage in den vertrauten Wänden meiner Kindertage sah ich mir ein Interview mit dem Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer an, der postulierte, dass uns auf Grund von Corona die Zukunft genommen würde. Wir seien für den Moment auf die Gegenwart zurückgeworfen und zum kollektiven Warten genötigt. Doch unser Geist, und das hat Welzer vergessen, hinzuzufügen, ist voller Gedanken an die Zukunft. Immerhin ist dies meine persönliche Erfahrung. Umso mehr ich mich zum Stehenbleiben und Warten gezwungen sehe, desto stärker verlangt mein Geist nach Planung zukünftiger Lebenszeit. Zwar mag es sein, dass meine Hände gefesselt sind, doch mein Geist drängt nach vorne und beschäftigt sich verstärkt mit meinem herannahenden Leben.

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Der Blick in die Zukunft ist zwangsläufig von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt. Dem Wunsch, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu formen, steht eine komplexe, vielschichtige und undurchschaubare Lebenswirklichkeit entgegen, die uns auch vor Corona schon Grenzen der Umsetzbarkeit unserer Pläne vor Augen geführt hat.

Doch in Zeiten von Covid-19 nehmen wir die Instabilität, Unbeständigkeit und Brüchigkeit des eigenen und öffentlichen Lebens umso deutlicher wahr. Plötzlich ist die Kontingenz, in und mit der wir alle immerzu leben müssen, durch die drastische Veränderung unserer Lebenswelt offenbar geworden. Der Versuch, das eigene Leben in den Griff zu bekommen, ihm eine selbst gewählte Form aufzuzwingen, scheint immer weniger gelingen zu können.

Appell: Auf die Gegenwart einlassen

Statt dieser Situation, wie wir sie momentan erleben, mit Druck zu begegnen, mit dem die Zukunft dem eigenen Ideal passend gemacht werden soll, versuche ich, mich darin zu üben, die Zukunft nicht vorwegzunehmen, sie nicht im Voraus formen und festlegen zu wollen. Stattdessen möchte ich ihr die Möglichkeit geben, sich ohne den unbedingten Willen meines Geistes, sie in eine ganz bestimmte Richtung treiben zu wollen, entwickeln zu können.

Wenn wir uns auf die Gegenwart einlassen, uns mit der fundamentalen und unaufhebbaren Kontingenz und Ungewissheit des Lebens anfreunden und nicht krampfhaft und verbissen an einem selbstkreierten Bild der Zukunft festhalten, können wir bemerken – darauf macht uns jedenfalls Robert Gwisdek in dem Song „Sockosophie“ aufmerksam –, dass „das Fallen zum Schweben wird“.

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