Chefarzt der Wasserburger Geburtshilfe geht in Rente: Er hatte 4000 Babys in den Händen

Freut sich über jeden neuen Erdenbürger: Chefarzt Dr. Martin Heindl.
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Freut sich über jeden neuen Erdenbürger: Chefarzt Dr. Martin Heindl.
  • Heike Duczek
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Insgesamt 4000 Babys hat er auf dem Weg ins Licht der Welt begleitet. Bald geht es für den Chefarzt der Wasserburger Geburtshilfe und Gynäkologie, Dr. Martin Heindl, in den Ruhestand. Er geht mit dem Gefühl, dass unter seiner Leitung „kein durch die Geburt geschädigtes Kind auf die Welt gekommen ist“.

Wasserburg – „Nehmen Sie den Kleinen gleich mit?“, fragt die Schwester im Babyzimmer – und der Chef packt den Stubenwagen und schiebt ihn persönlich Richtung Zimmer der Mutter. Dr. Martin Heindl ist ein anpackender Chefarzt, kein Halbgott in Weiß. Ruhig, sachlich, bodenständig: So kennen ihn die werdenden und frisch gebackenen Eltern und das Personal in der Romed-Klinik Wasserburg.

Heindl hat oft von seiner Ausbildung als Kinderarzt profitiert

Mitte September geht mit seinem Eintritt in den Ruhestand eine Ära in der Wasserburger Geburtshilfe und Gynäkologie zu Ende. Ein wenig hat sich Heindl schon an den neuen Lebensabschnitt gewöhnt: In den vergangenen neun Monaten hat er mit Anja Britta Stopik im Kollegialsystem die Fachabteilung gemeinsam geleitet – im Rahmen einer Altersteilzeit. Zum 1. Oktober kommt die Nachfolgerin: Dr. Julia Jückstock, Oberärztin am Klinikum der Universität München.

Ihr Vorgänger war an der Romed-Klinik Wasserburg fast 21 Jahre tätig, viereinhalb Jahre als Ober-, danach als Chefarzt. Eigentlich wollte Heindl Allgemeinarzt werden, arbeitete auch in der Anästhesie und in der Inneren Medizin. An der Universitätsklinik München absolvierte er außerdem eine Ausbildung zum Kinderarzt – davon hat er in der Wasserburger Geburtshilfe nach eigenen Angaben sehr profitiert.

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Heindl ist noch breit aufgestellt („ich bin ein Allrounder“) – etwa als Facharzt für die Geburtshilfe und Gynäkologie, eine Kombination, die früher üblich war, heute aufgrund des Trends zur Spezialisierung nicht mehr, wie Heindl mit etwas Bedauern betont. „Für mich war immer die Vielfalt das Salz in der Suppe.“ Als Geburtshelfer und Gynäkologie hat er das ganze Spektrum des Lebens medizinisch begleitet: vom Anfang bis zum Ende. Junge Frauen gehörten ebenso zu seinen Patientinnen wie ältere.

Ein Allrounder und Fan der medizinischen „Hand- und Kopfarbeit“ ist Dr. Martin Heindl.

In der Geburtshilfe hat die Romed-Klinik Wasserburg in den vergangenen 20 Jahren einen wahren Babyboom erlebt: Als Heindl anfing, erblickten 450 Kinder im Jahr das Licht der Welt. 2019 waren es 850, 2020 ist ein neuer Rekord von etwa 870 bis 880 Geburten möglich, berichtet er. Das liege nicht nur daran, dass in den vergangenen Jahren viele Kreißsäle an Kliniken wie in Bad Aibling geschlossen haben, sondern auch am „hervorragenden Ruf unserer Geburtshilfe“, ist der Chefarzt überzeugt. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Hebammen funktioniere sehr gut. „Das wirkt sich positiv auf die Stimmung im Haus aus – und das spüren die werdenden Eltern.“

Die Wasserburger entbinden gerne und oft im Wasser

Wasserburg ist auch bekannt geworden durch die überdurchschnittlich vielen Wassergeburten: 15 bis 20 Prozent aller Babys kommen in der Entbindungswanne auf die Welt. „Mein Ziel ist immer eine harmonische Geburt, die in guter Erinnerung bleibt und die Schmerzen schnell vergessen lässt“, sagt Heindl, der selber einen Sohn (38) hat, bei der Geburt dabei war und bereits Opa ist.

Der Chefarzt empfindet trotz langer Erfahrung bis heute die Geburtshilfe als Beruf mit großer Verantwortung. Ein bis zwei Mal im Jahr ist die emotionale Belastung so groß, „dass ich einige Nächte schlecht schlafen kann“, räumt er freimütig ein. „Ein Geburtsschaden ist halt eine große Katastrophe“. Sie hat er in seiner Arbeitszeit verhindern können – die Erleichterung darüber ist dem 67-Jährigen anzumerken.

Unter dem bayernweiten Durchschnitt von 31 Prozent liegt mit 25 Prozent in Wasserburg die Geburt per Kaiserschnitt. Manchmal gehe es nicht anders, doch Heindl rät, wenn keine Komplikationen zu erwarten sind, zur Spontangeburt. „Sie ist von der Natur aus vorgesehen, wir sollten nur eingreifen, wenn es nicht gut läuft, sich die Natur also auf einem Fehlweg befindet.“

47-Jährige bringt gesundes Kind auf die Welt

Das Alter der werdenden Mütter ist nach seinen Angaben auch in Wasserburg stetig gestiegen: Erstgebärende seien heute in der Regel zwischen 28 und 30 Jahre alt. Die älteste Mutter, die komplikationslos ein gesundes Baby in Wasserburg auf die Welt gebracht hat, war eine 47-Jährige. Das war einer der Sternstunde in Heindls Karriere.

Die künstliche Befruchtung nimmt weiter zu

Er stellt fest, dass auch die Zahl der Kinder zunimmt, die über die künstliche Befruchtung (assistierende Reproduktion) gezeugt worden sind. Drei bis fünf Prozent aller Geburten gehen darauf zurück. Mehrlingsgeburten, die deshalb deutlich zunehmen, gibt es in Wasserburg jedoch eher selten. Denn Zwillinge oder Drillinge würden in der Regel viel früher als zum errechneten Geburtstermin auf die Welt drängen, die Geburt finde deshalb meistens im Romed-Klinikum Rosenheim statt. Trotzdem freut sich auch Heindl über etwa fünf Zwillingspaare pro Jahr.

Seiner Arbeit, die er gerne getan hat, wird Heindl trotzdem nicht nachtrauern. Er freut sich auf die Chance, mehr zu reisen, zu lesen, sich als Stadtrat intensiver einzubringen in die Kommunalpolitik von Wasserburg. Angesichts der Tatsache, dass er in das Auswahlverfahren für seine Nachfolgerin involviert war, gehe er „mit einem guten Gefühl“. In seiner Funktion als Kinderarzt wird Heindl außerdem noch bis Ende 2020 das Team unterstützen.

Große Veränderungen auch in der Gynäkologie

Als Mediziner, der auch den handwerklichen Aspekt des Berufes des Chirurgen schätzt, widmet sich Dr. Martin Heindl auch gerne der Gynäkologie. 800 bis 1000 Operationen im Jahr werden an der Fachabteilung der Romed-Klinik Wasserburg durchgeführt. Heindls Spezialgebiet: die Beckenbodenchirurgie. Wenn konservative Methoden wie Gymnastik und Medikamente bei Senkungen des Beckenbodens oder weiblicher Inkontinenz nicht mehr helfen, kann operiert werden.

In der Chirurgie hat sich nach Heindls Angaben viel geändert: Die früher schnell eingesetzten Total-Operationen bei Frauen mittleren Alters mit Unterleibsproblemen fänden nur noch ganz selten statt. Minimalinvasive Eingriffe bei Erkrankungen von Eierstock und Gebärmutter seien an der Tagesordnung. Bösartige Erkrankungen würden heute vor allem in Spezialzentren behandelt – etwa im Brustzentrum am Romed-Klinik Rosenheim. duc

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