Die geschichtsträchtigste Baustelle Wasserburgs: Regionale Handwerker kämpfen um die Burg

Baustellenbesichtigung: „Burgherr“ Gerhard Schloots, Kreishandwerkermeister, und der technische Leiter Rudi Schiller sind mit dem Ablauf der Arbeiten gut zufrieden. Zeit- und Kostenplan werden bisher eingehalten. Duczek
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„Was wollt Ihr denn mit dem alten Kasten?“ Das musste sich die Kreishandwerkerschaft 2005 anhören, als sie die Burg in Wasserburg kaufte. Und in der Tat: 15 Jahre später ist das Wahrzeichen noch immer ein Sanierungsobjekt. Bis Ende 2021 wird die Restaurierung abgeschlossen sein. Ein Baustellenbesuch mit dem „Burgherrn“, Kreishandwerksmeister Gerhard Schloots.

Wasserburg – Die Burg ist derzeit die interessanteste Baustelle in Wasserburg. Die Gerüste an Dach und Fassade stechen ins Auge. Viele Passanten bleiben stehen und beobachten mit Interesse das Werk, besonders Neugierige löchern die Handwerker mit Fragen. „Kein Wunder“, sagt der technische Leiter der Großbaustelle, Rudi Schiller, „die Burg ist das Wahrzeichen von Wasserburg. Sie berührt alle – Bürger und Touristen gleichermaßen“.

„Wenn nicht wir, wer sonst soll es schaffen, sie gut zu sanieren“, findet Kreishandwerksmeister Schloots angesichts des großen Erfahrungsschatzes in den Mitgliedsinnungen. Die Bauarbeiten durften beschränkt ausgeschrieben werden – für drei Landkreise. Nur Betriebe aus der Region kamen deshalb zum Zuge bei der Restaurierung von Dach und Fassade.

500 Jahre alt sind diese Biberschwanzziegel, die zwar nicht mehr eingebaut, aber für die Nachwelt erhalten bleiben – als Ausstellungsstücke.

Dachstuhl zum Teil über 500 Jahre alt

1,5 Millionen Euro sind bereits in die Modernisierung im Innern geflossen, um Barrierefreiheit und Brandschutz sowie eine moderne Haustechnik für das Seniorenheim auf der Burg, bis 2019 vermietet an die Stiftung Attl, jetzt an das Betreuungszentrum Leitmannstetter, zu gewährleisten. Weitere 1,5 Millionen Euro investiert die Kreishandwerkerschaft nun in Fassade und Dachstuhl. Zuschüsse kommen von der Städtebauförderung des Freistaates (90.000 Euro), von der Stadt Wasserburg (60.000 Euro) und vom Entschädigungsfonds Denkmalschutz (756.000 Euro), so die Kreishandwerkerschaft.

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Die aktuelle und vermutlich vorerst letzte Baustelle auf der Burg befindet sich hoch über den Dächern der Stadt – mit einem Traumausblick für die acht Handwerker auf den Inn. Hier im ehemaligen herzoglichen Getreidekasten von 1526 wird derzeit der am zweitbesten erhaltene, original dreigeschossige Dachstuhl in Bayern (nach der Burg Burghausen) restauriert. Im über 500 Jahre alten Gebälk hat der Zahn der Zeit intensiv genagt. Die Feuchtigkeit aus fünf Jahrhunderten hat den Hölzern aus Fichte und Kiefer, die laut historischer Abrechnungen über den Inn aus Kufstein herangeflößt wurden, zugesetzt. Das Mauerwerk droht zu zerbröseln – vor allem an den Fußpunkten, berichtet Schiller. Punktuell wurden hier besonders betroffene Stellen immer mal wieder ausgebessert. Jetzt werden die Originalbauteile mit neuen verbunden.

Auf der Walz: Die Handwerksgesellen Niels Höpcke und Elias Klinger als „Gastarbeiter“ auf einer „ganz besonderen Baustelle.

Eindeckung mit Biberschwanzziegeln

Das Dach wird ebenfalls neu eingedeckt – mit Biberschwanzziegeln, die originalgetreu nachgebrannt werden und jenen auf der derzeit ebenfalls in der Sanierung befindlichen Achatzkirche ähneln. Ein Dachdecker und Spengler aus Aschau am Inn sorgt dafür, dass das Dach dem Original ganz nah kommt. Auch die Fassaden werden saniert, nach vom Denkmalamt genehmigten Putzen, die Fenster neu hergerichtet, die Malereien restauriert.

Analyse des Sanierungsbedarfs dauerte fünf Jahre

Aufwendige Maßnahmen für Spezialisten, die Zeit benötigen. Doch bis Ende 2020 sollen die Dachflächen und die Fassaden an der Südseite zum Inn fertig und die Gerüste verschwunden sein, bis Ende 2021 die Nordfassaden plus Malereien folgen, so Schiller zum Zeitplan. Corona hat ihn nicht durcheinandergebracht. Auch die bei Denkmälern üblichen Überraschungen gab es nicht. Denn die Untersuchung des Bauzustands von herzoglichem Schloss und Getreidekasten hat fünf Jahre gedauert – also viel länger als die Maßnahme selber. Während der Analyse änderte sich mehrfach die Rechtslage: Unter anderem musste zusätzlich ein Schadstoffbericht erstellt werden. Er ergab an sieben Fenstern im Kit, der in den 70er Jahren aufgetragen wurde, Asbestbelastungen.

Eine Großbaustelle: Teile der Burg in Wasserburg.

Rechtssicherheit für Seniorenheim bis 2036

Ein Großdenkmal wie die Burg ist an sich schon eine sanierungstechnische Herausforderung, angesichts des Mieters, des Seniorenheims, sind die Auflagen noch höher als gewöhnlich. Der Streit um Modernisierung im Bestand hat bekanntlich den Burgfrieden zwischen der Kreishandwerkerschaft und dem vorherigen Mieter, der Stiftung Attl, gestört. Mit dem neuen Altenheimbetreiber, dem Betreuungszentrum Wasserburg, stellt Schloots „ein gutes Einvernehmen“ fest. Der Mietvertrag läuft acht Jahre mit weiterer Option bis 2036. So lange herrscht Rechtssicherheit für die Wasserburger darüber, dass sie auf der Burg ihren Lebensabend verbringen können. Derzeit werden 50 Bewohner betreut.

Blick aus dem offenen historischen Dachstuhl auf den Inn.

Gekauft vom Orden Maria Stern

Bis 2005 befand sich hier der Orden Maria Stern, die Kreishandwerkerschaft übernahm die Burg drei bis neun direkt von den Schwestern, die sich mangels Nachwuchs zurückzogen ins Mutterhaus. Burg 11 ist in Besitz der Stadt und in Erbpacht angemietet.

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Nach Ende der Corona-Pandemie will die Kreishandwerkerschaft nach Angaben von Schloots auch einen Neustart für die eigene Nutzung der Räumlichkeiten wagen. Hier fand früher unter anderem das Burgforum statt. Über 300 Veranstaltungen hat der Burgherr auf der Burg selber durchgeführt – etwa im Rittersaal. Doch zuerst muss die Restaurierung abgeschlossen werden. „Mein Dank geht an die vielen Spender und Förderer, die uns in diesem Anliegen in den vergangenen Jahren unterstützt haben. Ohne sie wäre all das nicht möglich“, betont Schloots.

Dieses Engagement stand schon 2005, als die Burg verkauft wurde, im Fokus: Erstmals in der Geschichte Bayerns setzten sich gleich mehrere Körperschaften öffentlichen Rechts – Kreishandwerkschaft, Stadt Wasserburg, Sparkasse Wasserburg und Stiftung Attl – gemeinsam für den Erhalt eines solchen Denkmals ein.

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